Videopremiere: Fiese Luise wird in „Es wird nicht mehr hell“ zur heiligen Lucia
Auch 2023 kämpfen FLINTA*-Musiker:innen in Deutschland und anderswo um Repräsentation und Sichtbarkeit in der Industrie. Doch wie die Geschichte schon oft gezeigt hat, ist man zusammen bekanntlich lauter – und so haben sich kürzlich einige deutsche Musik-Acts zum FLINTA*-Kollektiv Nemesis zusammengeschlossen. Teil dieser Gruppierung ist neben Benzii, Emi X, Slushh Kitten und Samzie auch die New Wave-Musikerin Fiese Luise.
Im letzten Jahr machte sie erstmals mit Singles wie „Aura“ und „Schleierweiß“ auf sich aufmerksam und veröffentlichte im Anschluss ihre erste EP „Alles so liquid“. Die Songs von Fiese Luise heben sich durch eine atmosphärische, fast schon filmische Qualität vom übrigen NNDW-Kosmos ab, eine geisterhafte Kopfstimme, die über hallende Gitarren und elektronische Beats schwebt. Den nächsten Schritt geht die Newcomerin nun mit ihrer heute releasten EP „Es wird wieder hell“, zu der außerdem ein Musikvideo erscheint. Darin spielt Fiese Luise nicht nur selbst mit, sondern hat neben Josi Birkholz auch noch an der Regie mitgewirkt.
Alternative-Sound trifft auf skandinavische Folklore
„Es wird nicht mehr hell“ knüpft an das reduzierte, irrlichternde Intro „Es geht eine dunkle Wolk herein“ an und greift dessen Stimmung seinerseits mit einem ausgedehnten Intro auf. Luises Stimme schwillt an und ab, von Summen zu Wolfsgeheul, während erste Landschaftsszenen das Moodboard für die nächsten Minuten vorgeben. Kahle Bäume, sturmgrauer Winterhimmel, die mahnende Silhouette einer verlassenen Kirche. Teile des Video sind im Umland von Berlin entstanden, einige Aufnahmen stammen allerdings auch aus dem schwedischen Småland.
Kein Zufall, wie Luise uns erklärt: „Ich bin mit Schweden aufgewachsen. Im Sommer Campingurlaub, Astrid Lindgren Romane, Pettersson und Findus, … […] Die Kultur und Atmosphäre da oben hat etwas Mystisches und Melancholisches. Überall Häuser aus Holz, moosbewachsene Steinwälle, Flechten an den Rinden der Birken, Nebel in den dichten, unberührten Wäldern und Mooren. Zugleich hab ich aber auch die schönsten Sommer auf den schwedischen Schereninseln verbracht. Mit hellen Nächten und warmer Sonne auf der braungebrannten Haut. Das Licht im Sommer ist da einfach unglaublich.“
Thematisch ist „Es wird nicht mehr hell“ allerdings im stockfinsteren, schwedischen Winter angesiedelt, genau genommen am 13. Dezember. Dann feiert das ganze Land das Lichter-Fest der heiligen Sankta Lucia, in deren Rolle Luise im Musikvideo schlüpft. Mit dem typischen, weißen Kleid und der Krone aus brennenden Kerzen streift sie durch das Kirchenschiff, während der Song langsam an Fahrt aufnimmt. Die choralen Gesänge aus dem Intro bleiben, dazu kommt aber ein finsteres Post-Punk-Instrumentarium. Zu diesen Klängen wiegt sich Fiese Luise als Sankta Lucia wie hypnotisiert hin und her, mal im Zwielicht, mal in einem Meer aus Kerzen.
Vom Geben und Nehmen
Zu diesem Motiv erzählt Luise: „Der Song und das Video beschäftigen sich mit dem Gefühl von Geben, aber wenig für sich zu tun. Das spiegelt sich in der Figur von Sankta Lucia wider, einer Heiligen, die in Schweden in der düstersten Zeit des Jahres gefeiert wird. Sie bringt mit ihrer Krone aus brennenden Kerzen Licht in die Dunkelheit und damit Hoffnung für andere Menschen. Lucia selbst stellt sich aber die Frage, warum mach‘ ich das? Was tue ich für mich?“
Also legt die Heilige ihren Kerzenkranz ab, Luise flüchtet sich in das nächtliche Moor und sinkt zu Boden, ausgebrannt. „‚Es wird nicht mehr hell‘ ist damit das Herzstück der EP. Der Song fasst in seinem Mood zusammen, wie ich mich die letzten Wintermonate gefühlt habe und stellt den Wunsch nach Licht in der Dunkelheit dar; tatsächlich und im metaphorischen Sinne auf mentaler Ebene.“ Dieser Wunsch wird auf dem Rest der EP durchaus eingelöst, zum Ende hin scheint auf „Sahne“ die erste Frühlingssonne durch. Denn die Musik von Fiese Luise lebt von den Kontrasten – himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.
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