„Wittenberg ist nicht Paris“: Kraftklub in neuer Single über regionale Unterschiede
In einer perfekten Welt wäre im Oktober 1990 die Wiedervereinigung reibungslos über die Bühne gegangen und die Sache mit den über die Jahre entfremdeten Gesellschaften in zwei benachbarten Deutschlands wäre gegessen. Aber die Realität sieht eben ganz anders aus und es gibt zuhauf regionale Unterschiede, von Ost nach West, von Kuhkaff bis Metropole. Es hat eben doch nochmal ein anderes Gewicht, ob man die Einstellung „Fuck N*zis!“ in einem abgehängten, dunkelbraunen Dorf oder in einem hippen Berliner Kiez vertritt. Das wissen auch Kraftklub nur zu gut und widmen der Thematik ihren treffend betitelten, neuen Song: „Wittenberg ist nicht Paris“.
In einer nahezu vollständig globalisierten Welt, hört man immer wieder von verschiedenen Seiten Sätze wie: Es ist ganz egal, wo du her kommst. Das klingt erstmal gut und in einem perfekten Universum wäre das vielleicht so, aber ganz so einfach ist es leider nicht. Es sind nunmal leider Fakten, dass ein bedeutender Anteil des deutschen Wohlstands im Südwesten des Landes geballt ist, dass in NRW ganze Landstriche nach dem Niedergang der Schwerindustrie wie verlassen da liegen und viele der „neuen“ Bundesländer ein nicht zu leugnendes Rechtsproblem haben. Gerade letzteres mussten die Mitglieder der Band Kraftklub all zu oft am eigenen Leib erfahren. Aufgewachsen in und um die „Karl-Marx-Stadt“ Chemnitz haben sie von Kleinauf ein politisches Spannungsfeld erlebt, das auch heute ihre Musik prägt.
„Nazis raus ruft es sich leichter, da wo es keine Nazis gibt“
„Und all der dunkle Dreck, erst erleuchtet durch den Brandsatz / Es ist nicht alles schlecht, aber viel mehr als wo anders“, singt Frontmann Felix Kummer in der neuen Single und bringt das Verhältnis zu seiner Heimat damit auf den Punkt. Es braucht scheinbar erst einen Brandanschlag von Rechts, wie zuletzt im Oktober 2018 auf persische und jüdische Lokale in Chemnitz, um dem Rest von Bundesdeutschland zu zeigen: Der Erfolg der „Entnazifizierung“ war eher so mittelmäßig.
Was also tun? Ab in die hippe, kosmopolitische Großstadt! Denn: „Nazis raus ruft es sich leichter, da wo es keine Nazis gibt – doch Wittenberg ist nicht Paris!“, schreien Kraftklub, wenn da die Hook über uns hereinbricht. Im Video springt die Band, passend zum Titel zwischen einer provinziellen Bushaltestelle und einem piekfeinen Pariser Restaurant. Musikalisch geht es gewohnt ruppig-rau zu, der Band-Sound treibt nach vorne und schafft es trotz der thematischen Schwere einen klassischen „Ohrwurm mit K“ zu erzeugen.
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