„Zum Dorfkrug“ ist back, König der Löwen & 2030 in der Columbiahalle
Hallo zusammen!
Die stabile Punkband Boxhamsters sang 2011 in ihrem Song „Copilot“ den schönen Satz: „Ist es nicht herrlich krank in Gießen“. Die Zeile ist zwar eigentlich eine verkaterte Liebeserklärung an ihre Heimatstadt, aber irgendwie kam sie uns in den Sinn, als wir am Wochenende die Berichterstattung aus ebenjener Stadt in Hessen sahen. Gießen ist Universitätsstadt, politisch in der Mehrheit auf CDU und SPD gepolt, aber die AfD bekam bei der letzten Bundestagswahl auch immerhin 19 Prozent und ist drittstärkste Kraft. Trotzdem kann man ruhigen Gewissens schreiben: Ein Großteil der Bevölkerung hasste die Tatsache, dass sich die AfD in die privat geführte Hessenhalle der Messe in Gießen eingemietet hatte, um eine neue Jugendorganisation zu gründen. Der Hintergrund: Die vorherige „Junge Alternative“ (JA) löste sich auf Druck der Partei auf. Man konnte dort Mitglied sein, ohne der AfD anzugehören, was die Kontrolle der Parteiführung schwierig machte. So wurde die JA zum Sammelbecken junger Rechtsextremer und verbreitete immer wieder Meinungen, die selbst der AfD angeblich zu hart waren. Seit 2023 galt die JA als „gesichert rechtsextrem“, und da die AfD seit Jahren tönt, man wolle „bürgerlich“ werden, passten die Jungnazis nicht mehr ins Konzept. Die Lösung war nun also am vergangenen Wochenende zu beobachten: Unter dem Namen „Generation Deutschland“ gründete sich die neue Jugendorganisation. Ein Antrag, das Ding doch noch „Jugend Germania“ zu nennen, um damit deutlicher die „2000 Jahre erfolgreicher deutscher Geschichte“ zu ehren, kam nicht durch. Man liest natürlich heute viel über dieses Wochenende: Über die Proteste, die rund 25.000 Menschen zusammenbrachten. Über unseren wie immer ungeschickt formulierenden und Hufeisen werfenden Kanzler, der eine überwiegend von gemäßigten linken und bürgerlichen Kräften organisierte Demonstration als Auseinandersetzung zwischen „ganz linken und ganz rechten Kräften“ diffamierte. Über die Bilder von Polizeitruppen, die mit Anlauf und schwingenden Knüppeln in eine Demo rennen. Über die Tatsache, dass da nun bei dieser „gemäßigten“ Ausgabe der JA ein Typ zum Vorsitzenden gewählt wurde, der so etwas wie die dezent unangenehme Schwiegersohn-Variante eines Rechten ist und Kontakte zu ultrarechten Gruppierungen pflegt.
Das und die Kommentare dazu kann man außerhalb von Popkulturmedien wie unserem besser zusammengefasst und kommentiert lesen. Wir möchten hier einen etwas anderen Ton anschlagen. Denn, wenn man sich die Bilder dieser Veranstaltung so anschaut, muss man eigentlich vor allem auf einen Punkt hinweisen: Diese Leute sind natürlich gefährlich und man muss sie mit allen politischen Mitteln bekämpfen. Aber: Sie sind ganz offensichtlich auch ein verdammt trauriger und lächerlicher Haufen. Das ist keine „Generation Deutschland“, das sind (übrigens überwiegend gar nicht mehr so jugendliche) rechte Demagogen mit einem abgehängten, von Rassismus geprägten Weltbild, die KI-Schlager, KI-Fake-News- und Meme-Schleudern, traurige Internetkrieger mit zu wenigen Sozialkontakten und die wenigen Vorzeigeköpfe ihrer tristen Bewegung brauchen, um sich als eine Kraft aufzuplustern, die sie nicht sind. Klar, die AfD hat viel zu hohe Zustimmungswerte, weil sie den realen Unmut gut bedient – aber sie haben halt auch den Vorteil, dass sie inzwischen das präferierte Sammelbecken für alles Rechtsdrehende sind, während sich die wirklich bürgerliche Mehrheit auf mehrere andere Parteien verteilt. Die in ihrer Außendarstellung und Kommunikation eben nicht so skrupellos sind wie die AfD. Die „Generation Deutschland“, die man in der Hessenhalle sah, ist wahrlich eine, zu der man nicht gehören will. Da steht zum Beispiel der im Schloss wohnende pseudo-intellektuelle Verleger Götz Kubitschek wie ein nach Mottenkugeln muffelnder Lolli-Onkel und wanzt sich mit seinem ebenfalls „gesichert rechtsextremen“ Verlag an die jungen Nachwuchsrechten ran. Daneben versucht dann sein Sohn, der mal ein Praktikum bei den Identitären in Österreich gemacht hat, seinem Papa zu gefallen und vermeintliche Street Credibility zu simulieren. Auch die Agentur „Tannwald-Media“ hat einen Stand: Sie produziert unter anderem den völkischen KI-Dreck von „Wilhelm Kachel“ (die z. B. Aufkleber mit einem blonden KI-Trad-Wife und dem Slogan „Nett hier! Aber gehörst du nicht abgeschoben?“ produziert haben). Auf der Tagung selbst zitiert dann ein Typ, der später in den Vorstand gewählt wird, ein Motto der Hitlerjugend als Leitbild für die „Generation Deutschland“. Bei einem anderen, der inzwischen als „Vampir-Goebbels“ im Internet „Karriere“ macht, überlegt man immer noch, ob seine mit rollendem „R“ vorgetragene Goebbels-inspirierte Rede ernstgemeint war oder Kunst, Satire oder linke Unterwanderung. Zwar irritierte sein Vortrag schon die Jungdeutschen im Saal und jemand fragte, ob er vielleicht ein V-Mann sei, aber trotzdem wollten ihn 12,28 Prozent als Vorsitzenden haben. Und dann ist da noch der junge Hoffnungsträger Jean-Pascal Holm, der nun Vorsitzender der „Generation Deutschland“ ist: Im Interview mit den Medien stets genauso akkurat geleckt wie sein Scheitel, aber auf seinen Socials und in Momenten, in denen er sich unter gleichgesinnten wähnt, heller rechts blinkend als viele andere.
Wie gesagt: Wir wollen die Gefahr dieser Typen nicht kleinreden. Aber vielleicht wäre es ja mal eine gute Strategie, vermehrt zu verbreiten, wie kulturell erbärmlich und lächerlich und vor allem uncool vieles ist, was diese vermeintliche deutsche Hoffnung verbreitet – und wie offensichtlich es an vielen Stellen ist, dass dieser Rechtspopulismus für viele auch und vor allem ein gut funktionierendes Geschäftsmodell ist, das eigentlich in Deutschland von einer sehr überschaubaren Gruppe an Menschen angeführt wird. Diese Leute haben längst noch keine wirkliche Mehrheit in Deutschland, sie haben erschreckend wenige Idee (und die, die sie haben, treffen vor allem die Leute, übrigens auch die Deutschen, die eh schon in unserer Gesellschaft strugglen) und so sehr sie es auch betonen, sind sie weder bürgerlich noch ein Abbild von dem Deutschland, das in den letzten Jahrzehnten nach dem Abdanken der Nazis auf der ganzen Welt wieder an Ansehen und Reichtum gewonnen hat.
Huch, das war wieder sehr politisch. Sorrynotsorry. Schließen wir also mit einem aktuellen popkulturellen Zitat von einem der erfolgreichsten Musiker der letzten Jahre, der auch bei uns immer wieder im Magazin auftaucht: „Fick rechtspopulistische Scheiße. Ich kann verstehen, wenn Menschen gerade unzufrieden sind, ich kann es sehr gut verstehen. Aber ich glaub nicht, das Rechtspopulismus der Weg daraus ist.“
„Zum Dorfkrug“-Podcast (mit Video) ist back! Erste neue Folge mit Roberto Blanco
Kommen wir also zur Musik – und bleiben mit einem Fuss in der Politik. Denn: Unser Podcast „Zum Dorfkrug“ ist nach drei Jahren Pause endlich back und hat als ersten Gast niemand Geringeres als Schlagerstar Roberto Blanco. Alex Barbian (der den Staffel-Bierkrug von Hendrik Bolz persönlich überreicht bekommen hat) und Grim104 sprechen mit ihm über ein Leben, das spannender ist als so mancher Film. Roberto Blanco nimmt uns mit auf eine Reise von Tunis über Madrid bis nach Wiesbaden, erzählt von seiner Familie und seinen Erlebnissen im zerstörten Nachkriegs-Deutschland. Außerdem erklärt er, warum seine ersten Schritte im Showbusiness eigentlich purer Zufall waren – und wie eine Begegnung im Flugzeug seine Karriere für immer veränderte.
Unsere Lieblingssong der Woche
Fanny und Keule haben sich für ihren neuen Song zusammengetan und das ist mehr als „okay“! Sie liefern uns feinsten Hyperpop zur kalten Jahreszeit, zu dem wir uns ein wenig warm-dancen können. Brockhoff sorgt auch mit ihrer neuen Single „Eeasy Pealer“ dafür, dass wir uns noch ein wenig mehr auf ihr im Sommer 2026 kommendes Debütalbum freuen – das übrigens auch so heißt, wie dieser mitreißende Indie-Track. Tolle Wien-Vibes gibt es wieder bei der Band Laurenz Nikolaus – und die weiß: „Der Teufel tanzt im Volksgarten“. Die vertonte „Coming of age Sitcom“ aus dem Leben von Schlotte und laurinfeiern wir ebenfalls sehr. Gleiches gilt für den Newcomer VERNIER, der mit dem ruhig-schönen „Like That“ einen starken zweiten Track in seiner noch frischen Karriere veröffentlicht.
Was wir sonst noch so hören und empfehlen, findet ihr in dieser Playlist.
Album der Woche: Jassin – Arsenalplatz

Mit Songs wie „Bind mir die Augen zu” oder „Kinder können fies sein” hat sich Jassin im vergangenen Jahr von Null auf Hundert als eine der spannendsten Stimmen im deutschsprachigen Musikraum etabliert – und zwar völlig zurecht, wie sein Debütalbum „Arsenalplatz” eindrucksvoll zeigt. Schon die gleichnamige Single hatte Hörer:innen im September gezeigt, welches Talent in dem jungen Künstler aus der Lutherstadt Wittenberg schlummert. Das Album „Arsenalplatz” ist dabei mehr als nur ein Ort im Osten, mehr als nur eine Single. Denn die Zeit in der Universitätsstadt im Osten ist für Jassin nicht nur von positiven Erlebnissen geprägt, wie er schon in seiner Folge DIFFUS Untergrund erzählt. Als Sohn eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter muss er während seinem Aufwachsen viel einstecken. Außerdem erlebt der Künstler die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen anhand seiner Eltern, wie der Song „Wann trennt ihr euch” erzählt. Auf seiner Debütplatte liefert Jassin eine ganze Reihe an berührenden Momenten zwischen Melancholie, Wut, Liebe und Hoffnung auf insgesamt zwölf Songs.Über das vergangene Jahr hat Jassin in seiner Musik immer wieder bewiesen, wie er persönliche Erfahrungen und Emotionen in gefühlvoller Musik verpackt. Und obwohl der Künstler natürlich aus seinem eigenen Leben erzählt, sorgt seine verletzliche Direktheit beim Hören dafür, dass man sich dann doch in eigenen nostalgischen Momenten findet.
Short der Woche: Denkt ihr, Berq & Paula Hartmann und droppen eine gemeinsame EP?
Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: Ikkimel
Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.