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Zwischen WM-Euphorie und NSU-Morden: Apsilon veröffentlicht „Sommermärchen“

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Erst vor gut zwei Wochen veröffentlichte Apsilon zusammen mit Summer Cem „Rennen“ als dritten Vorab-Release von seinem kommenden Album „Glanz Null“. Nun folgt mit „Sommermärchen“ ein weiterer Track, der sich inhaltlich mit rassistischen Strukturen innerhalb der deutschen Gesellschaft beschäftigt. Darin blickt Apsilon zurück auf den 4. April 2006. Während er als Neunjähriger im Ballack-Trikot der Fußball-Weltmeisterschaft und dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ entgegenfieberte, ermordete der NSU am selben Tag Mehmet Kubaşık.

Apsilon bricht im Text die Verklärung auf den Fanmeilen dieser Zeit auf: „Im Auto auf der Rückfahrt hör‘ ich von der Strasse Jubel / Doch mein Baba guckt komisch und kurbelt das Fenster zu / Denn im Radio reden sie von einem Trauermarsch in Dortmund / Weil vor Kurzem kam der neunte Ausländer bei ’nem Mord um.“ So kontrastiert der Künstler kindliche Panini-Sticker-Euphorie mit der Realität rassistischer Gewalt, die für viele Menschen in Deutschland seit jeher den Alltag bestimmt.

Eine schicksalhafte Begegnung

Die Idee zu „Sommermärchen“ begleitete Apsilon über Jahre, fand jedoch erst 2025 nach einem Aufeinandertreffen mit einer Frau aus dem Publikum einer seiner Shows ihre finale Form. Im zweiten Teil des Tracks erzählt der Berliner, wie sie sich zwanzig Jahre nach der WM 2006 für seine Musik bedankte: „Sie sagt, dass ich nicht aufhören darf, solche Songs zu schreiben. Auch wenn der Erfolg kommt und die Goldenen und die Preise, auch wenn jetzt blonde Kids stehen, erste Reihe, solang‘ ich drüber schreib‘ fühlt sie sich nicht damit alleine.“ Er beschreibt im gleichen Atemzug den fehlenden Glanz in ihren Augen, während sie mit ihm spricht: „Sie lächelt wieder, doch diesmal fehlt der Glanz in ihren Augen / Ich guck hin – kaputte Diamanten.“

Rechte Gewalt übertönt durch Torjubel

Am Ende folgt die Realisation, dass es sich bei der Frau nicht um einen Fan, sondern um Gamze Kubaşık, der Tochter des Ermordeten Mehmet Kubaşık handelte: „Genau auf den Tag, vor fast zwanzig Jahren / kam sie nach Hause und ihr Vater war nicht da / Weil ein Nazi mit ’ner Waffe nahm ihren Baba leider weg / Das war damals – 4. April 2006.“ So gelingt Apsilon eine Annäherung an ihren Schmerz, der im kollektiven Gedächtnis oft hinter wehenden Fahnen und Torjubel verschwindet. Musikalisch wird die bedrückende textliche Schwere durch einen entschleunigten Beat und leise Orgelklänge getragen. Die Worte des Rappers stechen klar aus den Instrumentals hervor, wenn er der deutschen Gesellschaft den Spiegel vorhält. „Sommermärchen“ wird damit zur bitteren Analyse eines Landes, das sich in Willkommenskultur und Fußballerfolg sonnt, während es die Kontinuität rechter Gewalt verdrängt.

WM 2026: Noch ein verklärtes Sommermärchen?

Auf Instagram schreibt Apsilon, dass „Sommermärchen“ für ihn einer der herausfordernsten aber gleichzeitig auch besten Songs ist, die er bislang geschrieben hat. Das hochkarätige Songwriting zeigt sich dabei vor allem in der universellen Relevanz des Inhalts des Songs. Auch angesichts der diesen Sommer anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft ist das Thema mehr als aktuell. Denn während die Stadien in den USA, Mexiko und Kanada glänzen, warnen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International vor den Schattenseiten des Mega-Events. So stehen Vorwürfe repressiver Einwanderungspolitik, Racial Profiling an den Grenzen oder Verdrängung obdachloser Menschen für FIFA-Fanzonen im Raum. 2026 stellt sich die Frage, ob sich der Blick der Gesellschaft geweitet hat oder wir dieses Jahr erneut ein Fest feiern, das nur für diejenigen bestimmt ist, die nicht am Rand stehen.

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