⛄ Eine Winter-Modestrecke, Bauernhof & Bochum
Hallo zusammen,
kurz vor Weihnachten macht die Musikindustrie noch einmal Schlagzeilen der unguten Sorte. Mit einer Story so alt wie die Branche selbst: Der traumhafte Aufstieg eines Labels, das für junge Musik und Künstler:innen steht, die was anders machen wollen, war dann gar nicht mal so traumhaft. Zumindest für alle, die nicht der Geschäftsführer waren. Die Headline der „Spiegel“-Reportage über Leander Kirschner und Bamboo Artists (bei denen viele Acts sind und waren, die wir sehr schätzen) trifft die Sachlage ganz gut: „Jung, viral und ausgebrannt.“ Diesen schlüssigen Dreiklang hätte man allerdings noch um das Wort „toxisch“ erweitern müssen. Denn darauf läuft am Ende alles hinaus: Die Arbeitsverhältnisse waren nach den Aussagen der Ex-Mitarbeiter:innen, die im Artikel anonymisiert zu Wort kommen, im wahrsten Wortsinn giftig. „Grenzenlose Erwartungen“, „ständige Erreichbarkeit“, erst kleinere und später größere „Ausraster“ und „Runtermachen“ der eigenen Leute vor den Künstlern von Seiten des Chefs. 70 bis 80 Stunden Arbeitszeit in der Woche, bei unter 2.700 Euro brutto. Der „Spiegel“ zitiert eine interne Chatgruppe, deren Nachrichten dem Magazin vorliegen, in der es heißt: „Leander hat eine/mehrere Mitarbeiter:innen bedroht, Grenzen überschritten und in dieser Situation psychische Gewalt angewendet.“
Wie gesagt: Geschichten wie diese sind nicht neu. Im Gegenteil. Aber gerade deshalb ist es heartbreaking, dass so etwas immer wieder passiert. Vor allem in der Musikwelt, die oft junge, euphorische Menschen an Bord holt und diese manchmal gnadenlos verheizt. Musik ist Euphorie und Leidenschaft. Man lebt für Konzerte, Interviews, Festivals, Musikvideoproduktionen, Studio Session, Release Partys, Bühnenmomente. Vor allem die ersten Jahren in dieser Branche fühlen sich manchmal wie der gelebte Traumjob an. Highperformen für die gute Sache, für die eigene Leidenschaft, für Musiker:innen, die man liebt. Die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem verschwimmen, weil man eh das Gefühl hat, mit seinen Friends abzuhängen und der Moment eben kickt, wenn man zum Beispiel bei einem Konzert, das man mitorganisiert hat, völlig erschöpft am Bühnenrand steht und weiß, dass man einen Anteil an diesem tollen Erlebnis hat. Wer fragt sich da schon, ob das alles auch angemessen entlohnt wird? Vor allem in einer Branche, die in einigen Bereichen gefühlt seit Jahren im wirtschaftlichen Krisenmodus ist. Das Perfide, das auch dieser Artikel deutlich macht: Es gibt immer wieder Leute, die genau diese Euphorie in einem Maße ausnutzen, das nicht gesund ist – manchmal aus kalter Berechnung, manchmal aus wirtschaftlichen Zwängen. Aber Bamboo Artists wurde und wird als Erfolgsstory gefeiert. Acts wie Ski Aggu, 01099 oder Zartmann (die alle mit Bamboo gebrochen haben oder ankündigten, das tun zu wollen) haben zweifelsohne Geld ins Haus gebracht. Geld, das – wenn man den Stimmen im Artikel glaubt, und das tun wir – anscheinend ja nicht bei denen angekommen ist, die sich selbst für diesen Erfolg ausgebeutet haben. Kirschner wurde derweil als „erfolgreichster Musikmanager Deutschlands“ hofiert und gefeiert – da schmerzt es, wieder einmal zu erfahren, dass dieser Erfolg anscheinend vor allem auf dem Rücken anderer erreicht wurde. Der „Spiegel“-Artikel ist natürlich ein journalistischer Torpedo, der am Ende Bamboo Artists vielleicht sogar versenkt haben wird. Es wäre deshalb jetzt wichtig, nicht nur die verständnisvollen Statements des Labels zu lesen, sondern auch einen Chef – oder Ex-Chef – zu sehen, der sich dieser Kritik stellt, damit man sehen kann, ob es mit der Company und mit all den tollen Acts, die sie ja immer noch haben, weitergehen kann. Gleichzeitig ist es nämlich tragisch, dass all die guten Leute bei diesem Label – oder zumindest die, die noch an die Sache glauben – auch unter diesem Shitstorm leiden werden. Wir möchten uns gar nicht ausmalen, wie es gerade zum Beispiel der tollen Musikerin panicbaby oder dem Produzenten Pavlo geht, die vor nicht mal einer Woche als neue Bamboo-Signings verkündet wurden.
Wir sind gespannt, wie die Story weitergeht – und hören bis dahin noch ein paarmal „Leander Kirschner“ von der sehr guten Band GbR. Die hatten wir hellen Köpfe ja schon von Anfang an im Ironie-Verdacht, als sie vor einer Leander-Kirschner-Fototapete Zeilen wie diese sangen: „Du rettest täglich kleine Hundewelpen / Aus der Hundewelpen-Fangstation / Den Alten und den Schwachen tust du helfen / Du bist Jesus‘ Reinkarnation / So reich, so schick, so zart / Ach, wär ich auch so wunderbar.“
ROQUESTAR WINTER: Modestrecke und Interview mit Alli Neumann zu ihrem neuen Album
Ein Alien landet auf der Skipiste: dicke Mützen, eisige Luft, Neonfarben im Schnee. Für ihr neues Album „ROQUESTAR“ erschafft Alli Neumann eine Figur, die sich fremd fühlt und erstmal mit dem blauen Planeten warm werden muss! So wird die Skipiste zur Bühne für eine Identität, die sich nicht erklären muss. Alli Neumann landet, bleibt, beobachtet – und erzählt ihre Geschichte im Knirschen des Schnees!
Unsere Lieblingssongs in dieser Woche
Wir starten mit einem Song, den wir nach diversen Weihnachtsfeiern besonders schätzen: Die Band mit dem Fernseherkopf, auch bekannt als Tiavo, hat uns mit „spaß am glas“ pünktlich zur Glühwein-Saison den perfekten Kater-Song geliefert. Newcomerin Yasola macht vielversprechend weiter und singt im tollen „Haifischbecken“ über Beziehungen zwischen Mann und Frau – und nicht über die Musikindustrie. Wir bleiben bei neuen Acts und empfehlen euch, „tattoo“ von Hank auzuchecken. Darauf eine „fanta lustig“ von und mit Lovehead, die gerade die EP gleichen Namens veröffentlicht haben. Last but not least nehmen sich Oswald „Ein Teil“ von Cro vor und führen den Panda in die Techno-Disco.
Album der Woche: 21 Savage – WHAT HAPPENED TO THE STREETS?

„Was ist bloß mit der Straße passiert?” 21 Savage stellt auf seinem Überraschungsalbum eine Frage, die größer ist als der Titel selbst. Denn in Zeiten von Aufmerksamkeitsgehasche, viralen Clips und KI klagt der Rapper zurecht das Verhältnis von authentischen Geschichten und angeeigneten Fantasien an. Es ist also nur konsequent, dass die 14 neuen Songs ohne Singles und TikToks einschlugen.
Short der Woche: 🎧 SPOTIFY WRAPPED 2025-QUIZ
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Titelstory: SSIO
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