Album der Woche: 21 Savage – WHAT HAPPENED TO THE STREETS?
„All you content creators / Catch you down bad and break your MacBook“ – Die Marschroute auf „WHAT HAPPENED TO THE STREETS?“, ist schon ab dem Intro „WHERE YOU FROM“ klar. In den Tagen vor Release hatte Savage das Album mit düsteren, cineastischen Instagram-Clips angeteasert. Schwarz-weiß, schwere Stimmung, wenig Erklärung. In den Track „HA“ mischt sich dann auch noch eine ordentliche Prise Zynismus. Denn während sich 21 Savage in der Hook über die Fragmente des Straßenalltags köstlich amüsiert, kriegen vermutlich die angesprochenen Content Creator im Musikvideo ihr Fett weg. Eingehüllt in den Union Jack stellt der Rapper außerdem die Verbindung seiner Londoner Herkunft und dem Legendenstatus in Atlanta her.
21 Savage: Mythos Straße prallt auf digitale Gegenwart
Musikalisch bleibt 21 seiner Linie treu. Die Beats sind kalt, reduziert, manchmal fast lethargisch, dann wieder brutal nach vorne gehend. Stellvertretend dafür ist die Single „DOG $HIT“ mit GloRilla. Ein kompromissloser Track, der uns daran erinnert, wofür wir Southside-Trap so lieben. Daneben stehen Tracks wie das Outro „I WISH“ mit Jawan Harris, die die Straßenseite wechseln. Hier geht es weniger um Härte als um Reflexion, um das, was hätte sein können. Die Platte schafft sogar Versöhnung! Denn wer hätte gedacht, dass sich Drake („MR RECOUP“) und Metro Boomin („GANG OVER EVERYTHING“) nochmal auf einer LP treffen?
Parallel zur Musik ist das Visuelle ein zentrales Element des Projekts. Das Artwork entstand in enger Zusammenarbeit mit dem britisch-nigerianischen Künstler Slawn, dessen Originalgemälde als Cover dient. Inspiriert von Kerry James Marshalls legendärem „A Portrait of the Artist as a Shadow of His Former Self“ verhandelt das Bild Fragen von Identität, Sichtbarkeit und Selbstverortung. Slawn, der 2023 als jüngster Künstler überhaupt die Britannia-Trophäe der BRIT Awards entwarf, prägt das gesamte visuelle Universum von WHTTS. Präsentiert wurde die Kollaboration erstmals auf der Art Basel Miami, wo sie prompt viral ging. Street Culture trifft Kunstmarkt, Atlanta auf globale Galerie.
Atlantas Rettung: „WHAT HAPPENED TO THE STREETS?“
Dass das Album schon vor Release von DJ Akademiks als „Masterpiece“ und möglicher „Klassiker“ angekündigt wurde, der „Atlanta retten“ werde, gehört fast schon zum Mythos, den dieses Projekt umgibt. Doch 21 Savage scheint weniger an Rettung interessiert als an Bestandsaufnahme. So sprach er im US-Format „Perspectives with Bank“ über den Wandel der Straßenkultur, über Internet, Authentizität und Loyalität – Themen, die sich wie ein roter Faden durch das Album ziehen und den Mythos Straße auf die digitale Gegenwart prallen lassen.
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