Album der Woche: Mechatok – Wide Awake
Während Yung Lean und Bladee am Freitagabend beim Way Out West Festival in Göteborg ihr Heimspiel abreißen, die Mainstage an Charli XCX übergeben um sich dann für den „360“-Grad-Moment nochmal für das Feature zu vereinen, feiert Mechatok schon etwas vorher On-Stage-Releaseparty seines Debütalbums „Wide Awake“ im Slottsskogen Park. Er hat für alle drei Headliner:innen produziert, miterlebt, wie aus ihnen gefeierte Weltstars wurden und kommt nun auch selbst hellwach aus dem Backstage.
Bladee hat es auch mit aufs Album geschafft. „Expression On Your Face“ ist die Fortsetzung der gemeinsamen Erfolgsgeschichte, die 2020 schon auf dem Kollabo-Album „Good Luck“ gipfelte. Auch ein weiteres Mitglied der Drain Gang ist auf dem Song gefeatured: Ecco2K. Für den dänischen Rapper hatte Mechatok ebenfalls für diverse Singles seine Finger im Spiel. Wie wild die Zusammenarbeit der drei aussehen kann, liefert das zugehörige Musikvideo: Während Mechatok auf entspannt den Banger produziert, stürmen die beiden Rapper das minimalistische Studio, um ihn kurzerhand zu erschlagen. Versöhnlicher wird es dann auf „When You Left“. Hier greifen Bladee und Mechatok die Hook von „Expression On Your Face“ nochmals auf, um festzustellen: „It’s a thin line, this love and hate / And this line ties me to this place“.
„Wide Awake“: 33 Minuten Zukunft
Welcher Ort genau gemeint ist, lässt sich bei Emir Timur Tokdemir, so Mechatok bürgerlich, gar nicht so leicht entschlüsseln. Es könnten die Vororte Münchens sein, in denen er sich das Gitarrenspielen und Producing beibrachte. England und Schweden, in denen er sich mit Kollektiven vernetzte. Oder in den Boiler Rooms und Livesets im Rest der Welt.
Genauso international geht es auch auf Albumlänge zu. „Wide Awake“ fügt all seine Fragmente auf knapp 33 Minuten nahtlos zusammen. Auffällig ist auch der japanische Einfluss auf den Tracks „Don’t Say No“ mit der Girlgroup F5ve, „200“ mit dem Rapper Tohji aus Tokyo und dem Outro „Sunkiss“. Letzteres verabschiedet uns mit bloß einem Synth-Arpeggio und Gewittergeräuschen.
Es geht aber auch deutlich mehr Uptempo. „You Don’t Exist“ stellt gleich zu Beginn auf körnigen Synths unsere Existenz infrage, der „Virus Freestyle“ installiert uns tanzbare Mailware ins System und „She’s A Director“ mit der honduranischen Sängerin Isabella Lovestory morpht Mechatoks Sound auf analogen Drums und Gitarrenriffs zu Hyperrock.
Schlussendlich war also nicht nur in Göteborg Klassentreffen, sondern auch auf dem Album selbst. Bis auf F5ve hatte Mechatok nämlich für alle erwähnten Albumfeatures bereits in der Vergangenheit produziert. Jetzt dürfen wir mit Mechatoks „Wide Awake“ auch solo einen der spannendsten elektronischen Releases des Jahres durch unsere Trommelfelle schicken.
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