DIFFUS

5 Dinge, die uns auf dem Øya Festival in Oslo begeistert haben

Posted in: FeaturesHighlight

1. Aurora + 1 Chemical Brother = Tomora

Fangen wir mit einer musikalischen Überraschung der besten Sorte an: Ja, wir lieben noch immer die Chemical Brothers. Und ja, wir lieben die norwegische Pop-Queen-Fee-Hexe Aurora seit ihren ersten Veröffentlichungen. Und ja, wir wussten, dass Aurora 2019 mal auf einem Chemical-Brothers-Album gesungen hatte. Und auch, dass Tom Rowlands von den chemischen Brüdern ihr Album „What Happened To The Heart“ co-produziert hatte. Aber warum bloß ist denn ihr gemeinsames Projekt Tomora an uns vorbeigegangen? 

Das fragten wir uns, während dieses Projekt am Freitagabend visuell und musikalisch dermaßen aufdrehte, dass wir sofort schockverliebt waren. Man merkte zwar manchmal, dass einige Parts ein wenig wie unreleaste Chemical-Brothers-Beats wirkten, aber wenn Aurora sang, ihre Tänzerin ebenfalls on fire war, Rowlands die guten Beats auspackte und die Visuals auf den Song abgestimmt waren, dann waren Tomora ein einzigartige Euphoriebombe, die Tanzbarkeit und Deepness ganz wundervoll zusammenbringt.

2. Die norwegische Note im Line-up

Das Øya Festival versammelt alle Jahre wieder sehr namhafte Headliner-Acts. In diesem Jahr waren das zum Beispiel Nick Cave & The Bad Seeds, Lily Allen, The Cure oder Sombr. Es ist aber auch eine Bühne für die norwegische Musikszene, die hier von groß bis klein versammelt ist. Wir hätten diese Liste allein mit norwegischen Acts füllen können, aber hier kommen unsere drei absoluten Faves. 

Den Anfang machte die junge Musikerin Ea Othilde, die 2025 das starke Debütalbum „I Will Not Be Like That“ veröffentlicht hat. Singer-Songwriter-Stuff, Shoegaze und Dreampop geben sich darauf die Hand. Live hatte das Ganze noch ein wenig mehr Drive, weil sie eine recht große Band im Rücken hatte und mit einer Euphorie über die Bühne rauschte, die ein spannender Gegenpol zum eigentlich eher melancholischen Songwriting war. 

Foto: Maja Brenna

Eine Messe war auch der Gig von Beharie, den wir schon auf dem letzten (schnüff) Maifeld Derby live erleben durften. Hier sahen wir sein Heimspiel, das am späten Nachmittag perfekt getimed und extrem gut besucht war. Wie er zwischen Soul und Indie schwebte und einem mit Liedern wie „We Never Knew“ das  Herz wärmte – das hatte Klasse. 

Foto: Maja Brenna

Extrem abgefahren war der Gig von Reolô, einer norwegischen Band, die Folk mit Rock und Westafrikanischen Einflüssen mischt. Hier fiedeln mal zwei Geigen im wildesten Einklang, dann dreht der Drummer durch, dann wird mal kurz gesungen, dann grooven alle zusammen wie bei einer Jazz-Session auf Speed. Dabei sehen die Herren so ruhig, cool und bodenständig aus, wie man sich Norweger gemeinhin so vorstellt. 

Foto: Pål Bellis

3. Die ewige Jugend des Robert Smith

Das Øya setzt in Sachen Booking auf eine gute Mischung aus alten Held:innen und frischen Namen. In diesem Jahr konnte man dort Olivia Rodgrigos besten Buddy Robert Smith und seine Band The Cure mal wieder live sehen. Ganz ehrlich: Wir waren schon auf vielen Konzerten dieser Band in den letzten Jahrzehnten, und wir sind nicht nur alle Jahre wieder ernsthaft ergriffen von Songs wie „Pictures of You“ und „Inbetween Days“, sondern immer wieder auch erstaunt, dass Robert Smiths sehnende Stimme noch immer so jung und verzweifelt klingt wie in den Jahren, in denen er diese Lieder aufgenommen hat. Wie macht der Mann das? Auch eine schöne Erkenntnis: Dank des Olivia-Hypes und vermutlich dank TikTok stehen im Publikum auch betrunkene Teenager:innen, singen mit, filmen sich und die Bühne dabei, knutschen rum und juchzen immer wieder mal, als wären sie auf einem Olivia-Rodrigo-Konzert.

4. Die süße Rache der Lily Allen

Die Show von Lily Allen war das Highlight am Samstag – und nicht wirklich nur ein Konzert, sondern eher eine Mischung aus Theater und Gig. Man musste sich ein wenig dran gewöhnen, dass die Instrumentalmusik vom Band kam, aber wie die Engländerin mit wenigen Requisiten das Arschlochverhalten ihres Ex-Mannes abwatschte und kurzeitig gar Dildo-werfend auf der Bühne stand, das hatte schon einen sehr bösen Witz. Dabei hielt sie sich an die Chronologie ihres Albums „West End Girl“, die basically ja die Chronologie des Scheiterns ihrer Ehe mit David Harbour („Stranger Things“) ist. 

5. Oslo 

Das Øya Festival findet im Tøyen Park statt – was bedeutet: mitten in Oslo. Man hat also die Möglichkeit vor, nach und während des Festivals immer mal wieder in diese spannende Stadt reinzudippen. Oder aber noch ein paar Tage dran zu hängen. Solltet ihr das tun, möchten wir euch abschließend noch ein paar Dinge empfehlen, die wir in den letzten Tag erlebt und für gut befunden haben: Mal ein Konzert in der Kulturkirken Jakob anschauen, eine Pizza im Parkteatret essen (das auch eine tolle Indie-Live-Location ist), in den Fjord springen, durch den Park mit den Statuen von Gustav Vigeland schlendern, das Mausoleum seines ebenso spannenden Bruders Emanuel besuchen (was bizarrerweise nur sonntags zwischen 12 und 16 Uhr geht), im Laden Big Dipper Platten kaufen, im Hipsterviertel Grünerløkka rumhipstern, dort bei Tim Wendelboe einen Cappucino al Freddo trinke  und natürlich im Nationalmuseum vor Edvard Munchs Schrei erstarren. 

Cover neues DIFFUS Magazin

Das neue DIFFUS Print-Magazin

Titelstory: Ikkimel

Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.