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5 Punkbands, die mehr Queerness und Diversität in die Szene bringen

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Mitte der 80er-Jahre entwickelte sich innerhalb der Punkszene eine Bewegung, die als Queercore bezeichnet wurde und zu der sich schwule, lesbische, trans- und bisexuelle Künstlerinnen und Künstler zugehörig fühlten. Sie kombinierten den DIY-Ethos und die Haltung des Punks mit Texten, in denen sie sich mit Queerness, Homophobie und Rassismus auseinandersetzten. Seit der Entstehung von Punk richtet dieser sich gegen soziale Normen und die Werte einer konformistischen Gesellschaft. Die Zelebrierung von Männlichkeit und die Tatsache, dass die meisten Personen in der Szene weiß waren, ließ jedoch für viele nicht genug Raum für die Entfaltung ihrer eigenen queeren Identität. So schufen sich viele Bands ihren eigenen Platz und setzten sich in ihren Texten mit der Diskriminierung auseinander, der sie innerhalb der Szene, im Alltag und durch das politische System ausgesetzt waren. Der Einfluss dieser Bewegung ist auch heute noch in der Musikszene spürbar. In einer Zeit, in der die Anti-Haltung gegenüber dem Establishment von der politischen Rechten vereinnahmt wurde, lohnt es sich die Frage zu stellen, welche gesellschaftliche Funktion Punk heute noch erfüllen kann. Welche Möglichkeiten haben Musikerinnen und Musiker heute, um einen Beitrag zu einer Gesellschaft zu leisten, die Menschen diskriminiert und aus dem gesellschaftlichen Diskurs ausschließt? Anstatt in den Chor lauter werdender Hassparolen einzusteigen oder sich in die Behaglichkeit des eigenen Szene-Kosmos zurückzuziehen, versuchen viele konstruktiv auf Ungleichheit und Diskriminierung aufmerksam zu machen. Gerne auch mit erhobenem Mittelfinger. Zwar scheinen die meisten Punkbands heute genauso wütend, wie ihre musikalischen Vorbilder, aber bloße Ablehnung von Konventionen ist für viele keine Option mehr. Die Anti-Haltung wird nur noch zum Selbstzweck, wenn die eigene Identität von der Gesellschaft geleugnet und unterdrückt wird. Aktueller Punk ist weltoffen und macht sich gegen die Diskriminierung von Minderheiten, Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie stark. Wir stellen fünf Bands vor, die sich als Teil der LGBT-Kultur betrachten oder sich für die Rechte von „People of Color“ einsetzen.

Downtown Boys

Sängerin Victoria Ruiz spricht in Interviews häufig über die Schwierigkeiten sich als queere und nicht-weiße Frau in der Punk-Szene zu behaupten. In ihren Texten, die sie auf Englisch und Spanisch schreibt, klagt sie den Rassismus der Gesellschaft an und thematisiert Polizeigewalt und soziale Ungerechtigkeit. Die Songs der Downtown Boys leben von einer Intensität, die die Wut auf die Gesellschaft spürbar macht. Hört man Sängerin Ruiz zu, wie sie gegen die Mauern dieser Welt anschreit, fragt man sich, ob sich eine Musikerin noch überzeugender behaupten kann. Die Downtown Boys veröffentlichten mit „Cost of Living“ bereits ihr drittes Album, das 2017 bei Sub Pop erschien. Victoria Ruiz lernte ihren zukünftigen Bandkollegen Joey La Neve DeFrancesco bei der Arbeit in einem Hotel kennen, die Joey jedoch aufgrund der miserablen Arbeitsbedingungen kündigte. Seine Kündigung übergab er dem ungeliebten Boss persönlich und ließ dies von seiner damaligen Band „What Cheer? Brigade“ musikalisch begleiten. Das Video dieses grandiosen Auftritts ging innerhalb kürzester Zeit viral. DeFrancesco entschied sich daraufhin, mehr Zeit in die eigene Musik zu investieren. Eine Kündigung als Grundstein für eine Punk-Band? Gekauft.

Shopping

Eigentlich wollten Shopping keine politischen Songs schreiben, sondern einfach Menschen zum Tanzen bringen. Dieser Ansatz darf glücklicherweise als gescheitert betrachtet werden, denn Shopping verbinden in ihrer Musik sehr gelungen sozialkritische Texte mit Vibes, die auch für einen ausführlichen Strandtag angebracht wären. Da all die Selbstzweifel letztendlich doch nicht zu viel Positivität zulassen, finden sie immer wieder zum Post-Punk zurück, der deutlich von Bands der späten 70er wie The Slits und Gang of Four inspiriert ist. Die Band wurde 2012 gegründet und hat mittlerweile drei Alben veröffentlich. Das aktuelle Album trägt den Titel „The Official Body“ und erschien im Januar 2018 bei FatCat Records. Laut eigener Aussage entstand der charakteristische Sound aus der Not heraus, da Sängerin und Gitarristin Rachel Aggs keine Akkorde spielen konnte und die Drum-Skills von Andrew Milk nur für four-to-the-floor Beats zu gebrauchen waren. Auch wenn sie ihre Instrumente mittlerweile besser beherrschen, sind sie ihrem ursprünglichen Rezept aus tanzbaren Rhythmen und funkigen Gitarren- Lines treu geblieben. So verbinden Shopping sehr kreativ den britischen DIY-Ethos mit einer queeren Punk-Attitude und beweisen nebenbei, dass das alles auch wunderbar tanzbar sein kann.

Aye Nako

Auch wenn Aye Nako ihre Musik selbst als „homopop“ und „queercore“ bezeichnen, darf hinzugefügt werden, dass sich die Band voll und ganz dem Pop-Punk der 90er Jahre verschrieben hat. Ihr erstes Album „Unleash Yourself“ veröffentlichten sie 2013 noch selbst. Mit ihrer EP „The Blackest Eye“, die Mitte 2015 erschien, kamen sie bei Don Giovanni Records unter und gewannen vor allem in den USA an Popularität. 2017 erschien ihr aktuelles Album „Silver Haze“, das viel positive Kritik erntete und die Band einem größeren Umfeld bekannter machte. Über die Intention der Band Musik zu machen, steht in einem Pressetext: “they are actively seeking a planet where those who fall in the margins can feel OK about being themselves.” Es sind diese Konflikte und die Weigerung, sich einer Gesellschaft unterzuordnen, in welcher Minderheiten systematisch unterdrückt werden, die die Essenz von Aye Nako ausmachen. Die Songs sind manchmal ruhig und melancholisch, wechseln ohne Vorwarnung zu schnellen Punk- Riffs und changieren immer zwischen Rückzug und Ausbruch aus der eigenen beklemmenden Situation. Die Band beschreibt sich selbst als „black, queer and trans“ und die Schwierigkeiten, die diese Zuschreibungen mit sich bringen, finden sich in vielen ihrer Songs wieder. Anstatt sich dabei in metaphorischen Ausführungen zu verlieren (oder sich gar dem Mainstream anzubiedern) präsentieren sie ihre Texte mit einer bedrückenden Ehrlichkeit und wenn Sängerin Jade Payne in „Half Dome“ singt: „I’m not defined / misery sure has a place for me“lässt sich nur wünschen, dass die Bandmitglieder zumindest in der Musik schon ihren Platz gefunden haben.

Big Joanie

Punk war von Beginn an eine Männer-dominierte Szene und Bands wie The Slits, die ausschließlich weiblich besetzt waren, wurden als Ausnahmen gefeiert, dank welcher sich szeneintern auf die Schulter geklopft werden konnte. Anfang der 90er-Jahre entwickelte sich „Riot grrrl“ als feministische Bewegung innerhalb der amerikanischen Hardcore-Punk-Szene und Bands wie Bikini Kill und Sleater-Kinney prangerten lautstark den Sexismus in der Gesellschaft an und forderten gleichberechtigte Wertschätzung innerhalb der Szene. Ein Label, das in dieser Zeit entstand, ist Tuff Enuff Records, bei denen auch Big Joany unter Vertrag stehen. Die Band entstand, weil Sängerin Stephanie Phillips unzufrieden mit dem Mangel an Diversität in der Punk-Szene war und daraufhin bei Facebook nach schwarzen Musikerinnen suchte, um eine Punkband zu gründen. Die drei Britinnen, die ihre eigene Musik als „Black feminist sistah Punk“ bezeichnen, spielten bereits eine Tour mit Priests und den Downtown Boys und engagieren sind neben der Musik für diverse politische Aktionen. Zusammen mit anderen Musikerinnen und Musikern (u. A. Rachel Aggs von Shopping) sind sie Mitbegründerinnen des DIY Diaspora Punx Kollektivs. Das Kollektiv veranstaltet jährlich das Decolonise Fest in London, das von und für people of color organisiert wird. Wer hat nochmal gesagt, dass Punk immer nur „dagegen“ sein kann?

Skinny Girl Diet

Benannt nach einem unmöglichen Diät-Programm, mithilfe dessen sich junge Mädchen systematisch zugrunde hungern, liefern Skinny Girl Diet den wunderbaren Soundtrack, um all dies mit Füßen zu treten. Die in London ansässige Band besteht aus den Schwestern Delilah und Ursula Holliday und ihrer Cousine Amelia Cutler. Seit ihrer Gründung 2010 verzichten sie voller Überzeugung auf die Unterstützung eines Labels, um sich die eigene Unabhängigkeit zu bewahren und sich musikalisch nicht einschränken lassen zu müssen. Die Musikerinnen wehren sich laut gegen eine Gesellschaft, die ihnen die Regeln für den eigenen Körper diktieren will und propagieren stattdessen Selbstliebe und Awareness. Sie bezeichnen sich selbst als Feministinnen, können jedoch (laut eigener Aussage) wenig mit dem akademischen Begriff anfangen. Stattdessen leben sie ihren Feminismus auf den eigenen Konzerten, bei welchen sie einen Raum schaffen wollen, in welchem sich Frauen sicher fühlen können. Der Mosh-Pit als safe space, sozusagen.

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