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7 Eindrücke vom Nürnberg Pop, die bleiben werden!

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1. Von Nachtkindern und Pfundskerlen

Donnerstagabend. Ankommen auf Festivals wie diesem ist immer ein Rausch. Von 0 auf Networking, „hallo“ sagen, Friends treffen, erstes Weinschorlieren, Empfang, Preisverleihung – und in diesem Falle on top noch Modeselektor aufs Ohr. Wobei: „aufs Maul“ passt hier besser. Was natürlich positiv gemeint ist. Eigentlich wäre ich danach schon hotelzimmerbettreif gewesen, aber in der Kneipe des sehr schönen KunstKulturQuartier in Nürnberg (das so was wie das Festivalzentrum ist) geht noch was. Im Pfundskerl, so heißt dieser sehr schöne Laden, sitze ich auf letzte Biere gemütlich am Tisch, als noch eine Band spielt, die als Nürnbergs kommender Indie-Export gepriesen wird: Nachtkinder. 

Schon der Bandname ist ziemlich geil – will sofort ein T-Shirt. Ihr Sound: romantisch,  new-wavig, mit wahlweise Indie- oder auch mal guten Schlager-Vibes. Das könnte in diesem Mix ziemlich in die Hose gehen, aber Sänger (Gitarrist, Songwriter) Noah Dunkelblau, Celina Hüttner am Klavier (und gerne noch ein bisschen mehr am zweiten Gesangsmikro) und ihre Bandkollegen bringen das Ganze mit so viel Leidenschaft und Stimmsicherheit auf die Bühne, dass ich mir gleich schon mal die Tourdaten der Januar-Tour notiere. 

Nachtkinder im Pfundskerl (Foto: Sarah Weinberg)

2. Zwischen Zwei und Vier Kazoo-Konzerten (Freitag)

Das Nürnberg Pop ist nicht nur ein Showcase Festival, das sich auf zahlreiche Locations der Alt- und Innenstadt verteilt, sondern auch eine zweitägige Conference. Ich bin natürlich beim Opening, das hier die Live-Show des Newsletter-Duos „Zwischen Zwei und Vier“ übernimmt. Die beiden Hosts und Newsletter-Redakteurinnen bringen in ihrem Live-Programm herrlich leerreichen Quatsch, Musikliebe in allen Facetten, Nerdtum und angenehmen Pop-Aktivismus zusammen. Ich denke jedes Mal: Musikjournalismus gehört wirklich auf die Bühne, wenn er so vermittelt wird. Gibt einige sehr lustige Highlights, mein persönliches ist das Finale, in dem Rosalie dem Publikum beibringt, eine Bach-Komposition auf einem Plastik-Kazoo zu spielen. 

3. Im Biergarten mit Ansu (Freitag)

Der Biergarten des bereits erwähnten Pfundskerls ist beim Nürnberg Pop am Freitag die Bühne der „BR PULS Musikanalyse“-Kolleg:innen. Ich freue mich seit Wochen drauf, dort endlich mal Ansu live zu sehen, weil dieser Typ mit seiner tiefen Stimme, und den mal toughen, mal emotionalen Lyrics spätestens seit „Bomberjacken“ (2020) einer meiner absoluten Rap-Faves ist. 

Ansu hat allerdings einen schwierigen Start: DJ krank zuhause, Mischpult anfangs nicht richtig verkabelt und es muss sich noch rumsprechen, dass hier jetzt die Konzerte anfangen. Zehn Minuten später läuft der Laden aber: Ansu kriegt das mit der One-Man-Show lässig hin, die Crowd wächst und seine Setlist aus melancholischen Nachtgedanken und niemals platten Flex-Tracks hat einfach keine Aussetzer. Deutschrap braucht mehr so Typen wie ihn, die zugleich tough und reflektiert sein können. Meine Meinung.

Foto: Marc Montero Deistler

4. Cordoba78 beschwören den Heiligen Geist (Freitag)

Unsere DIFFUS-Stage residiert am Freitag im Heilig-Geist-Haus und eröffnet den Abend mit Cordoba78. Die Band aus dem österreichische Voralberg haben wir ja schon eine Weile auf dem Schirm – und sogar in ihrer Heimat besucht.

Live sind die fünf inzwischen nicht weniger als eine Urgewalt der Liebe. Vor allem Carlo Giulio Sossella wetzt beseelt und/oder besessen über die Bühne, haut atemlos und stimmsicher zugleich Songs wie „Teneriffa“ oder „du weißt doch genau, dass ich immer nur an dich denk“ raus, herzt seine Bandkollegen, putscht das strahlende, singende Publikum auf und bringt diesen eigentlich recht funktionalen Saal auf eine Betriebstemperatur, bei der ich wirklich kurz denke, gleich kommt der wahrhaftige Heilige Geist für ne Zugabe auf die Bühne hinabgefahren. Amen. 

Foto: Jonas Listl

5. 1 Nürnberg-Walk und 1 kurzer Talk mit Festivaldirektor David Lohdi (Samstag)

Der Samstag beginnt mit Kulturdingen: Wer auf einem Festival wie dem Nürnberg Pop eingeladen ist, das aus dieser Stadt und ihrer Kultur erwachsen ist, der schaut sich natürlich auch Dinge abseits der Musik an. Vor allem, wenn man wie ich zum letzten Mal vor 15 Jahren dort war (warum eigentlich?). 

Ich quäle mich also verkatert aus dem Bett, um pünktlich zur Türöffnung am Memorium Nürnberger Prozesse zu stehen. Dort kann man den Gerichtssaal besichtigen, in dem von 1945 bis 1949 den Nazi-Verbrechern der Prozess gemacht wurde. Wer sich dafür interessiert (was man als Deutsche:r gefällligst tun sollte), sollte unbedingt den Film, das Theaterstück oder das Buch „Die Ermittlung“ von Peter Weiss lesen. 

Nach diesem ebenso interessanten wie wütend machenden Besuch geht es auf eine Stadtführung durch die Altstadt. Auch das ist Teil des Delegates-Programmes vom Nürnberg Pop. Dabei kommt es mir oft so vor, als würde ich durch eine begehbare Postkarte schlendern. Ein Glück ist es bewölkt – sonst wäre dieses Gefühl noch intensiver. 

Im Anschluss dann: Kurzes Date mit David Lohdi, der das Festival mit Thomas Wurm zusammen leitet. Wir sitzen vor dem Kater Murr, eine der Café-Kneipen, die man in Nürnberg mal besucht haben muss. Bei einem frühen, kleinen Bier bleibt Zeit für ein paar Fragen. 

Ich habe hier in den letzten Tagen Nürnberg-Band-Gewächse, Newcomer:innen, aber auch etablierte Acts wie Cari Cari oder OK KID gesehen. Was würdest du sagen, macht für dich eine gute Line-up-Mische für das Nürnberg Pop aus?

Wir möchten bewusst ein Besucher:innen-Festival sein. Menschen sollen zu uns kommen, die Stadt entdecken und eine schöne Zeit haben. Das schafft man natürlich nur, wenn man Acts hat, die auch Tickets verkaufen. Das gehört zur Wahrheit einfach dazu. Aber nach all den Jahren, die wir das machen, stellen wir auch fest, dass wir es geschafft haben, diesen Entdecker:innen-Geist bei den Menschen zu wecken. Ich arbeite ja auch ganzjährig als Booker im Club Stereo, deshalb ist es natürlich mein Job, ein Näschen für Neues zu haben. Aber wir machen inzwischen auch Kooperationen mit anderen Festivals oder Exportbüros, um spannende Newcomer-Acts zu holen und haben natürlich auch Nürnberg und Rest-Bayern gut im Blick. Ich glaube, das sind so die Faktoren, die in unserem Line-up zusammenkommen. 

Ich war gestern in einer Comic-Galerie, stand in einer Kirchenruine, saß in einem Zukunftsmuseum, habe mich in eine kleine, fancy Weinbar gequetscht, finde im KunstKulturQuartier immer noch einen Raum oder eine Kneipe, die ich noch nicht kenne und stehe heute Abend in einer Hotelbar bei einem Konzert. Wenn man als Gast hier ins Festival reingeworfen wird, hat man schon das Gefühl, in Nürnberg ginge einiges. Was macht für dich das Nürnberger Kultur- und Subkulturleben aus, dass du dich ihm so verschrieben hast? 

Bei mir hat es viel damit zu tun, dass ich mich sehr früh schon dazu bekannt habe, aus Nürnberg zu kommen. Was manchmal ein bisschen verpönt ist aufgrund der historischen Vergangenheit der Stadt. Irgendwie denke viele, dass Subkultur deshalb hier einen schweren Stand hat. Aber das habe ich nie so erlebt. Eher im Gegenteil. Ich wurde mal im Rahmen einer Kulturhauptstadt-Bewerbung eine spannende Frage gefragt: Stell dir vor, du hast eine gute Freundin oder einen guten Freund und sie oder er kommt nach Nürnberg und war noch nie in der Stadt und ist eine Woche hier. Würdest du diese Woche füllen können mit kulturellem Leben? Meine Antwort war sofort: Ja! Und ich habe es erklären können. Gerade im Zusammenhang mit dieser historischen Auseinandersetzung sind sehr freie und spannende Kulturorte entstanden, die sehr wichtige Gegenpole zu den unschönen Kapiteln der Geschichte dieser Stadt sind. 

6. „Claw Marks“ und Ruinen bei panicbaby (Samstag)

Eine der schönsten Locations des Nürnberg Pop ist die Ruine der St. Katharina Kirche. Hier zieht es mich immer wieder hin und ich hätte hier auch über OK KID, Cari Cari oder Soft Loft schreiben können (oder müssen), die dort ebenfalls spielten. Mich hat aber vor allem die in Berlin lebende Panicbaby begeistert. Haben wir eigentlich hier die deutsche Lana, oder was? Wobei dieser Vergleich ja auch ein bisschen fies ist: Panicbaby macht schon bei all den hörbaren Einflüssen etwas sehr Eigenes. Seit ihrem Gig zum Sonnenuntergang gehen mir ihre Lieder wie „Claw Marks“, „get naked“ oder „troubled man“ und ihre Stimme jedenfalls nicht mehr aus dem Kopf. Ich wünsche mir, sie bald mal mit einer vollen Band und einem Streicher-Ensemble auf einer noch größeren Bühne live zu sehen. 

7. ISE und das Hotel Drei Raben (Samstag)

Mit leergesaugtem Sozialakku und Location-Hopping plus Stadtführung in den Beinen finde ich mich am Abend plötzlich mit einer Weinschorle in einem fancy Schaukelstuhl in der Bar des Hotel Drei Raben wieder und blicke auf ein Klavier-plus-Gitarre-plus-Mikrofon-Set-up. Das liebe ich inzwischen am Nürnberg Pop: Man sucht hier immer wieder spannende Räume, die nicht unbedingt zur etablierten Live-Landschaft gehören. Hier spielt ISE, eine 20jährige belgische Sängerin und Songwriterin, die seit ihrem 16. Lebensjahr mit Gitarre auf Bühnen steht. 

Die Show ist genau das, was ich jetzt brauche: Hochemotionaler Gesang, heartbroken Songwriting im Stile einer Phoebe Bridgers und eine junge Musikerin, die dermaßen Bock hat, dass man sich am Ende noch ein paar Lieder mehr gewünscht hätte. Neben eigenen Highlights wie „Remember“ oder das bewegende „Suitcase Child“ über ihre Erfahrungen als Scheidungskind covert sie sogar Noel Gallagher und übersetzt dessen oft etwas boomerigen Solo-Songs in eine ganz neue, erstaunliche jung klingende Geschichte.

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