Album der Woche: Alli Neumann – ROQUESTAR
Alli Neumann singt zu Beginn ihres neuen Albums „Ja, ich kann gar nichts / Ich kann überhaupt nichts“ und tischt damit gleich in dem selbstironischen Intro von „ROQUESTAR“ erstmal direkt eine Falschaussage auf. Denn mit den dadaistischen Bildern und feministischen Hymnen, die Alli Neumann mit ihrer kratzig-zarten Stimme singt, gelingen ihr immer wieder Songs, die gleichzeitig zeitlos und futuristisch klingen. Diese einzigartige Kombination – die sie absolut beherrscht – findet sich auch auf ihrem dritten Album wieder.
„ROQUESTAR“ ist in Erinnerung an David Bowies „Ziggy Stardust“-Persona eine Auseinandersetzung mit den Gegensätzen, die Alli auf unserem Planeten begegnen. Mit einem Raumschiff (wie dem „Futuro 13“-Hausboot auf Allis Album-Pre-Release-Party) gelandet, findet sie sich wieder zwischen Nähe und Distanz, Kälte und Wärme.
Das sind dann eben solche – für Alli Neumann typischen – Zunge-Raussteck-Momente wie auf „Ich kann gar nichts“ und die wiederkehrende Sonne-Mond-Sterne-Ästhetik auf Liebessongs wie „LaLeLu“ und „Vom anderen Stern“. Dabei wirkt „ROQUESTAR“ zunächst nochmal selbstbewusster als Allis Vorgängeralben „Madonna Whore Komplex“ und „PRIMETIME“. Beim genauen Hinsehen verliert das dritte Werk der Indie-Sängerin aber keinesfalls an ehrlichen und emotionalen Momenten.
Der Blick auf die Welt, mit Sternenstaub im Auge
Auf „Schattenboxer“ singt die Flensburger Musikerin von ihren Ängsten, Selbstzweifeln und der Verantwortung, die sie trägt. Fast schon zittrig und verzweifelt singt sie „Opfer, was ist mit dir verkehrt / Hypest alle anderen / Und drückst deinen eigenen Wert / Du wirst dir nie wieder / Auch nur ein Haar krümm / Wirst genauso für dich kämpfen wie für alle anderen“.
Den sehnsüchtigen, melancholischen Song „Seltsame Welt“ sang Alli Neumann schon als fiktive Frontfrau einer DDR-Band für das ARD-Drama „3 ½ Stunden“. Dann landete das Lied bei der VOX-Sendung „Sing meinen Song“, wo Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß den Song mit ihrer eigenen verletzlichen Stimme coverte. Nach weiteren Stopps auf Allis PRIMETIME-Tour, mit der zweiten Songhälfte auf Polnisch, landet der Weltschmerz-Song mit Soffie als Gästin nun endlich auf dem Album. So ist das Outro von „ROQUESTAR“ also wie ein kleines Geschenk für alle Langzeit-Alli-Fans.
Zwischen dramatischen Melodien wie auf „Versailles“, die in die Magengrube gehen und kess-ironischen Selbstermächtigungs-Songs wie „Schrott“ mit Gästin Fuffifufzich, setzt Alli Neumann ihrer Wandelbarkeit und Tiefe mit „ROQUESTAR“ eine kosmische Krone auf. Die ausdrucksstarke Produktion, die von Novaa und Leon Kraak stammt, bedient sich mal spacigen Synths, mal rockiger Indie-Gitarre und mixt Fagott und Cembalo mit groovigen Basslinien. Mit dieser Mischung aus Soft-Rock, Glam-Pop und Indie-Grunge wird Alli Neumann als der Rockstar der Stunde ihrem Albumtitel auf jeden Fall mehr als gerecht.
Mit Fuffifufzich und SOFFIE hat Alli Neumann zudem zwei starke Künstlerinnen in ihrem Raumschiff mitgebracht, deren feministischer Wink mit dem Zaunpfahl Allis Oeuvre ganz organisch ergänzt. Die unverkennbare Stimme von Alli Neumann ist längst nicht mehr wegzudenken aus dem deutschen Indie-Pop-Kosmos. Ihr drittes Album hat sie in jedem Fall einschlagen lassen wie einen Kometen.
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