Album der Woche: Arlo Parks – Ambiguous Desire
Mit ihrem gold-prämierten Debüt „Collapsed in Sunbeams“ von 2021 wurde Arlo Parks zu einer der prägendsten Stimmen des Indie-Pop aus UK. Es folgten zwei Grammy-Nominierungen, ein Mercury Prize und Kollaborationen mit anderen renommierten Artists wie Phoebe Bridgers auf „Pegasus“. Doch der frühe und rasante Erfolg war kräftezehrend für die jetzt 25-Jährige. Nach dem zweiten Album „My Soft Machine“ von 2023 musste sie einige Shows ihrer Welttournee absagen, um zurück zu sich selbst zu finden. In „Ambiguous Desire“, möchte die junge Künstlerin nun jene Rückkehr zum eigenen Ich vertonen. Arlo nimmt uns dabei mit in eine Clubnacht zwischen der Euphorie verschwitzter New Yorker Underground-Partys und der stillen Reflexion in einsamen Stunden im Morgengrauen danach.
„Ambiguous Desire“: Menschliches Begehren als Kern
In „Ambiguous Desire“ versucht Parks aber nicht nur ihre Selbstfindung zu vertonen, sondern auch die Vielseitigkeit des menschlichen Verlangens zu ergründen. Denn in legendären queeren New Yorker Clubinstitutionen wie der Paradise Garage oder neueren Untergrund-Techno-Clubs wie dem Basement, lernte Arlo diese als treibende menschliche Kraft kennen. Die Künstlerin sagt dazu: „Wir alle sind am Leben, weil es etwas oder jemanden gibt, den wir wollen. Begehren ist ein Motor. Aber es ist auch mysteriös, verstrickt, zufällig, erleuchtend und menschlich.“
Musikalisch spiegelt sich ihre neu entdeckte Freiheit in einer Abkehr von klassischen Band-Sessions wider. An „Ambiguous Desire“ hat sie gemeinsam mit dem Produzenten Baird, bekannt durch seine Arbeit mit Brockhampton, in einem Loft in Los Angeles gearbeitet. Hier kleidete Parks ihr Album in ein Soundgewand aus Breakbeats, 2-Step-Sounds und strahlenden Synth-Flächen. Den Klang beschreibt Arlo selbst als Mischung aus der düsteren Atmosphäre von Burial, der auf den Funk von Theo Parrish und die Indie-Elektronik von LCD Soundsystem trifft. Bei den vielseitigen musikalischen Einflüssen verliert Parks auch ihre Wurzeln als Poetin nicht. Die scharfen, präzisen Hooks präsentiert die britische Künstlerin dabei mit ihrer charakteristischen stimmlichen Sanftheit.
Mit Arlo Parks ins New Yorker Nachtleben
Ein zentrales Stück des Albums ist „Senses“, ein Duett mit Sampha. Die beiden Artists verweben ihre Stimmen zu einem Song über Selbsthass und Heilung – der klingt dadurch wie ein Deeptalk, den sie in einer Club-Nische führen. In „Beams“ zeigt sich Parks ungefiltert ehrlich, wenn sie in Zeilen wie „I was suicidal in Brazil“ über ihre mentale Belastung während der Tour singt. Auch die Lead-Single „2SIDED“ besticht durch dicke, summende Synths und verhuschte Drum-Machines. Arlo Parks drückt hier fast flehend den Wunsch danach aus, dass ihre Verliebtheit erwidert wird: „You know how I feel, tell me it’s two-sided.“ In „Heaven“ illustriert die Künstlerin begleitet von gläsernem Klavier auf massivem Bass Konzerte unter der New Yorker K Bridge. Die Texte des Albums erzählen also von zutiefst persönlichen Momenten. Darin lernen wir nicht nur Arlos Lieblingsorte und ihre intimsten Begierden, sondern auch ihre Freunde und Freundinnen kennen. Wenn sie von gemeinsam durchzechten Nächten erzählt, fallen Namen wie Daniyel, Conor und Kelly. Geschichten über Absturz und Ekstase mischen sich im Text mit der Verarbeitung alter Beziehungen und dem Verlangen nach neuen.
Auch visuell verfolgt Arlo Parks in der Bebilderung ihres Albums ein klares Konzept. So sind die Musikvideos zu „2SIDED“, „Heaven“ oder „Get Go“ von einer unverkennbar ähnlichen Ästhetik geprägt: Regisseurin Molly Burdett setzt auf viel Bewegung, eine rauchige Clubatmosphäre und der ausdrucksstarken Arlo im Vordergrund. So wird die Essenz des Albums abermals klar: „Ambiguous Desire“ ist die Mischung aus entfesseltem Hedonismus und unverbindlichem Spaß, kombiniert mit dem Wunsch danach, sich selbst zu finden. Zumindest musikalisch gelingt Arlo Parks mit der absolut akkuraten Vertonung ihrer Gefühle diese Mammutaufgabe.
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