Album der Woche: ear – Rumspringa
Wer ear eigentlich genau sind, bleibt bis heute ein bisschen nebulös. Ihre Social-Media-Accounts bleiben auffällig bild- und wortkarg, auf ihrer Website steht nicht viel mehr, und auch sonst macht das Duo eher sein Status als Internet-Mysterium als eine klassische Bandbiografie aus. Sicher ist aber: Hinter ear stecken Jonah Paz und Yaelle Avtan, die sich am New Yorker Bard College kennenlernten – oder besser gesagt: vor zwei Jahren gerade genug kannten, um ziemlich spontan eine Band zu gründen. Der erste gemeinsame Song „Nerves“ entstand damals noch auf einem iPhone in der Uni-Bibliothek. Aus genuschelten Vocals, Streichern, rhythmisch schwer greifbaren Drums und plötzlich hereinbrechenden Bass-Synths haben Ear schon 2024 eine Fragmentartigkeit angedeutet, die sich immernoch durch ihre Diskografie zieht.
Ear: Ein musikalisches Match
Jonah Paz hatte zum Zeitpunkt des Kennenlernens schon länger Musik in anderen Projekten gemacht, unter anderem als Lorem Ipsum, Sacred Holes, Canyon, Love Egg, The Barns oder solo. Mit Yaelle scheint aber erstmals die richtige Partnerin für ein musikalisches Vorhaben gefunden zu sein, das breitenwirksamer funktioniert. Denn in den vergangenen Monaten ist daraus einer der vielversprechendsten neuen Namen im Indie-Electronic-Umfeld geworden. Erste glitchige Releases verbreiteten sich über Mundpropaganda, bevor ear im September 2025 ihr gerade einmal 16-minütiges Debütalbum „The Most Dear and the Future“ veröffentlichten.
Das Album klang lo-fi, verspielt, manchmal kindlich leicht, dann wieder voller verzerrter Elektronik, Bass-Drops, und EDM-Samples. In Songs wie „Real Life“, „Give way“ oder „CMYK“ vereinten sich klarer Gesang mit schrägen Sounds, Vogelgeräuschen, arhythmischen Beats. Hier zeigt sich auch die für ear charakteristische visuelle Ästhetik, die sich irgendwo zwischen Twee und Indie-Sleaze-Nachhall einordnen lässt. Auch Yung Lean feiert die beiden, kurz nach ihrem ersten kleinen Durchbruch in der New Yorker-Cool-Kid-Szene standen sie als Support Act bei dem Schweden auf der Bühne. Aber auch bei ihren Solo-Shows überzeugen sie Theatre Kid-Attitüde, expressiven Bewegungen und maximalistischen Live-Sets.
Am 29. Mai 2026 haben ear nun quasi spontan ihr zweites Studioalbum „Rumspringa“ veröffentlicht. Der Titel bezieht sich auf die traditionelle Übergangsphase im Jugendalter der Amischen. Um einen kleinen Deep-Dive zu machen: Jugendliche ab etwa 16 Jahren verlassen in dieser Zeit ihre Gemeinschaft vorübergehend und lernen die moderne Welt kennen, bevor sie sich entscheiden, ob sie final in das religiöse Leben zurückkehren möchten. Passend dazu bezeichnen Ear das Album als „choose life“-Platte. Was das in ihrem Fall genau bedeutet, lässt sich schwer in Worte fassen, wird von den beiden aber ziemlich gut hörbar gemacht.
Weiterentwicklung des Sounds auf „Rumspringa“
Auf „Rumspringa“ liefern ear erneut dekonstruierten Pop. Die vorab veröffentlichte Single „Ne Plus Ultra“ klang noch recht nah an früheren Songs und ließ kurz vermuten, dass das Album vielleicht ein Versuch werden könnte, das Debüt-Album ein zweites Mal zu reproduzieren. Der Rest überrascht jedoch: Vieles klingt diesmal reduzierter, präziser ausproduziert und weniger zufällig. Neben „Ne Plus Ultra“ umfasst das Album neun weitere Tracks: „Coil“, „Will“,„Rumspringa“, „Water and Power“, „Threads“, „Nothing’s Open“, „F“, „Amsterdam“ und „Good Day Will Arrive“ als Closer. „Coil“ und „Will“ gehören zu den aggressiveren Momenten, während der Großteil des Albums von Sanftheit, Soundflächen, flimmernden Synths und ungewöhnlich eingebauten Sounds lebt. Dazu kommen die typischen geflüsterten Vocals, Stimmen mal im Duo, mal allein, übergroße Synths und scheinbar kontextlose Voice Notes.
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