Album der Woche: Gorillaz – The Mountain
Pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum der Band erscheint mit „The Mountain“ das neunte Studioalbum der ersten virtuellen Band der Welt. Drei Jahre nach „Cracker Island“ kehren 2D, Murdoc Niccals, Noodle und Russel Hobbs zurück. 1998 wurden die Charaktere vom Blur-Frontmann Damon Albarn und dem Zeichner Jamie Hewlett in einer Londoner WG erschaffen. Albarn und Hewlett wurden beide 1968 – im chinesischen Jahr des Affen – geboren, daher der Bandname. Nun – im Jahr des Pferdes – präsentieren sie ein Werk, das die spielerische Ironie früherer Tage gegen eine tiefgreifende, fast sakrale Ernsthaftigkeit eintauscht. In 15 Tracks setzt sich die Band über eine Stunde lang mit Verlust und Sterblichkeit auseinander. Kein zufälliges Thema, denn Hewlett und Albarn verloren im Abstand von nur zehn Tagen beide ihre Väter. Kurz darauf begannen sie mit den Aufnahmen zu „The Mountain“. Sie nutzen das Album als Metapher für den mühsamen Aufstieg zur Erkenntnis und den schmalen Grat zwischen Leben und Jenseits.
„The Mountain“: Eine Klangreise von London nach Rishikesh
Musikalisch lässt uns „The Mountain“ über die Grenzen des bisherigen Gorillaz-Kosmos hinwegblicken. So wird der gewohnte Mix aus Hip-Hop, Electronica, Reggae und Pop um indische Klassik erweitert. Aufgenommen ist das Album in Metropolen wie London und Miami, aber entscheidend geprägt durch Sessions in Mumbai und Rishikesh. Daher verschmelzen Synthesizer mit den Klängen von Sitar und einer Bansuri-Holzflöte. Zudem ist das Album ein polyglottes Werk in den fünf Sprachen Englisch, Hindi, Arabisch, Spanisch und Yoruba. Zur spirituellen Reise der Gorillaz gehören auch politische Themen. In Songs wie „The Happy Dictator“ setzt sich die Gruppe so mit autoritären Systemen und der Erosion der Wahrheit durch Fake-News auseinander: „You can’t feed the hunger with a digital lie“.
Die Gorillaz beleben Stimmen aus dem Jenseits wieder
Wie für Gorillaz üblich, liest sich die Gästeliste wie ein Who-is-Who der internationalen Musikszene. Passend zur Album-Thematik schlagen Hewlett und Albarn dieses Mal hier eine Brücke zu bereits verstorbenen Weggefährten. Durch Sampling und Archivaufnahmen werden Stimmen aus dem Jenseits hörbar: Der Rapper Proof glänzt auf „The Manifesto“ mit der prägnanten Zeile „History is written by the ones who survived the climb.“ Weitere Legenden wie Bobby Womack, Dennis Hopper und Tony Allen sowie De La Souls Dave Jolicoeur und Mark E. Smith wirken posthum mit. Die Geister-Features bleiben nicht alleine: In der Gegenwart wird das Projekt durch lebende Ikonen wie Johnny Marr, Sparks, die Punk-Band Idles und die indischen Koryphäen Anoushka Shankar und Asha Bhosle verstärkt. Auch moderne Größen wie der Produzent Bizarrap sowie die Rapper Black Thought und Yasiin Bey tragen zur klanglichen Vielfalt bei.
Visuell bleibt Jamie Hewlett seinem Ruf als World-Builder treu und siedelt die virtuellen Bandmitglieder für das neue Album in den indischen Ausläufern des Himalayas an. Das Albumcover ziert passend das Wort „Berg“ in Devanagari-Schrift. Im begleitenden Kurzfilm „The Mountain, The Moon Cave and the Sad God“ wird die Geschichte ihrer beschwerlichen Pilgerreise zu einer heiligen Mondhöhle erzählt. Dabei verzichtete Hewlett bewusst auf einen exzessiven Einsatz von KI, um die Seele und Imperfektion der Charaktere zu bewahren. Auch die Live-Präsentation markiert einen Wendepunkt: Nachdem die Band in der Vergangenheit hinter Leinwänden verborgen blieb oder als Hologramme auftrat, setzen die neuen Shows in UK und Irland auf eine immersive Mixed-Reality-Erfahrung. So wird das Publikum Teil einer gigantischen, begehbaren Installation. Die Grenzen zwischen der physischen Band und ihren virtuellen Avataren verschwimmen vollends. Gorillaz beweisen also mit „The Mountain“, dass sie auch nach einem Vierteljahrhundert eine der innovativsten Kräfte der Popkultur bleiben.
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