chiara schreibt „zeilen aus eisen“
Es gibt diese Lieder, die sind so unaushaltbar ehrlich, dass es weh tut. „Zeilen aus eisen“ von Chiara ist eines davon. Schon auf der Vorgängersingle „215 fehlstunden“ lässt uns die Sängerin in ihre Gedankenwelt eintauchen: „Ich seh‘ nicht, was ihr seht, wenn ich vor dem Spiegel steh / Vielleicht geht es mit der Zeit, gerade tut‘s noch weh“. Mit „zeilen aus eisen“ wissen wir, diese Zeit ist noch nicht gekommen. Im Gegenteil: Chiara ist noch immer vor dem Spiegel. Während sie sich so betrachtet, merkt sie, dass sie nicht die Person sein möchte, die ihr da entgegenblickt. „Zeilen aus eisen“ ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Herausforderung, sich selbst zu lieben.
„Zeilen aus eisen“, der erst sechste Release der Indie-Newcomerin, ist wie ein Tagebucheintrag. Ein sehr schwerer, wenn statt mit Tinte mit Eisen geschrieben wurde: „Mein Gesicht, meine Angst, meine Haut / fall ins Nichts und komm nicht mehr heraus“. Der Indie-Pop-Song wurde von Jonas Pentzek produziert. Die atmosphärische Produktion, die sanfte Gitarre und der Bass, die sich geschmeidig um Chiaras Stimme legen, verleihen diesem traurigen Song gleichzeitig eine Leichtigkeit in seiner Schwere. Mit „zeilen aus eisen“ zeigt Chiara schmerzlich und roh, dass Musik etwas Heilendes hat – auch wenn es erstmal weh tut.
Chiara: Schmerzhaft schön
Dass die Vermeidung, in den Spiegel zu schauen, eng verbunden sein kann mit einem niedrigen Selbstwert, Enttäuschung und schlechter mentaler Gesundheit haben auch schon Goldroger auf „BeReal“ („All die Zeit schaute ich lieber / In den Abgrund hinein als in einen Spiegel“) und jüngst Lorde auf „What Was That“ („I cover up all the mirrors / I can’t see myself yet“) thematisch aufgegriffen.
Im Gegensatz zu diesen beiden Liedern nimmt „zeilen aus eisen“ aber keine tröstende Wendung. Man hört das Lied und es ist, als müsste man diese große Traurigkeit, die da vermittelt wird, mit durchleben. Das ist es vielleicht auch, was das Lied so echt macht. Gefühle sind nicht zeitstabil, sie bringen einen nicht um. Gefühle sind da, um gefühlt zu werden. Das Tröstende hier: Die weiche Katie-Melua-Stimme von Chiara selbst.
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