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Das Internet gegen Mavi Phoenix und ihr Auto-Tune

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Wer sich unter einem Performance-Video der österreichischen Musikerin Mavi Phoenix einmal in der Kommentarspalte verloren hat, könnte von der Menge an „Kritikern“ irritiert sein, die der Sängerin übermäßige Nutzung von Auto-Tune vorwerfen. Wenn selbsternannte Experten entscheiden: „the autotune seems like a limiting factor in her performance…not enhancing, rather destracting“, oder Mavis Songs wegen zu viel Auto-Tune-Verwendung für „garbage“erklären, kommen regelmäßig Zweifel am Urteilsvermögen der Menschheit auf. Sicher gibt es diese Vorwürfe auch bei anderen Künstlerinnen und Künstlern, aber im Falle von Mavi Phoenix scheint diese vermeintliche Kritik Überhand zu nehmen. Besonders unter dem Video ihres Auftritts in der Colors-Show oder ihrer Performance bei Jan Böhmermann sammeln sich solche Aussagen, die häufig bis zur Ablehnung ihrer Person führen. Nicht nur, dass diese Umgangsform, mit der eine junge Künstlerin konfrontiert wird, völlig daneben ist. Auch inhaltlich ist der Vorwurf, dass Auto-Tune ein Manko in ihrer Performance darstelle, extrem kurzsichtig und zeugt lediglich von der mangelnden Bereitschaft vieler, sich auf Musik einzulassen, die nicht vom alltäglichen Chart-Radio vorgekaut wird.

Mavi Phoenix – Yellow | COLORS SHOW

Auch wenn heute scheinbar jeder Mensch eine Meinung zu Auto-Tune hat, wissen viele nur bedingt, worum es bei dem Effekt geht und dass er eindeutig seine Existenzberechtigung hat. Mavi Phoenix, die mit bürgerlichem Namen Marlene Nader heißt, ist eine Künstlerin, die dies eindrücklich unter Beweis stellt. Auto-Tune ist eine Software, die 1997 von der Firma Antares Technologies mit der Intention entwickelt wurde, die Tonwertkorrekturen von Gesangsaufnahmen im Nachhinein korrigieren zu können. Mit anderen Worten: schief gesungene Töne können mit der Software so korrigiert werden, dass sie perfekt getroffen werden. Durch die Sprünge von einem Ton zum anderen und durch einen starken Einsatz des Effektes entsteht der charakteristische Sound, der auf Grund der fehlenden Dynamik sehr künstlich klingt und eher an eine Roboterstimme, als an einen Menschen erinnert. Mit Chers erschien 1998 der erste kommerziell erfolgreiche Song mit Auto-Tune-Einsatz. Prägnant für den Song ist die offensichtliche Verwendung des Effektes, der in diesem Fall nicht nur für die subtile Korrektur des Gesangs, sondern als eigenes Instrument eingesetzt wurde. Mitte der Nullerjahre reizten Künstler wie T-Pain und Lil Wayne den Effekt weiter aus, indem sie ihn noch extremer verwendeten und die digital klingenden Notensprünge zu ihren Soundmerkmalen machten. Mit „808 & Heartbreaks“ trat Kanye West 2008 die Tür für den weltweiten Auto-Tune-Erfolg ein und ebnete damit den musikalischen Weg für Künstler wie Drake und The Weeknd. Heute ist Auto-Tune aus der Musikwelt nicht mehr wegzudenken und Künstlerinnen wie Mavi Phoenix wissen ihn sehr gezielt einzusetzen, um die eigene Stimme zu verfremden und ein ganz spezielles Soundbild zu kreieren. Entgegen der Annahme vieler Puristen, die in der Nutzung des Effektes den Untergang des Abendlandes, oder zumindest den des klassischen Gesangs, vermuten, ist Auto-Tune ein sehr vielseitiges Instrument, das auf unterschiedlichste Art und Weise eingesetzt werden kann. Musiker wie Future und Young Thug arbeiten sehr gezielt mit Tonsprüngen und rhythmischer Phrasierung und erzeugen dadurch einen völlig einzigartigen Effekt. Sicher singt es sich mit Auto-Tune leichter, aber einen so eigenen Stil zu entwickeln erfordert eine Menge Arbeit und vor allem Kreativität.

#VALUE!

Mavi Phoenix nutzt Auto-Tune in nahezu jedem Song aus Überzeugung. Bereits mit elf Jahren begann die Österreicherin mit den ersten musikalischen Gehversuchen und veröffentlichte schon zwei Jahre später ihre Songs auf Myspace. Die Musikerin produzierte dabei die Songs fast ausschließlich selbst und arbeitet erst seit ihrer Debüt-EP „Young Prophet“ auch mit anderen Produzenten zusammen. Mangelnde Überzeugung vom eigenen Talent ist das letzte, was man der Sängerin dabei vorwerfen kann. Sie ist selbstbewusst und hat von Beginn an eine internationale Karriere angestrebt. Von der positiven Resonanz, die sie innerhalb der österreichischen Grenzen erfahren hat, war sie, laut eigener Aussage, zunächst selbst überrascht. Größere Bekanntheit erreichte sie, als sie 2017 von den Kollegen von Bilderbuch zur „Magic-Life“-Tour als Support eingeladen und von der Kritikerwelt mit offenen Armen empfangen wurde. Seitdem veröffentlichte sie weitere Songs und die aktuelle Single „Ibiza“ zählt dabei wohl zu ihren persönlichsten. Über verträumt melancholische Synthesizer besingt sie mit Zeilen wie: „I’m still someone that you loved before“ die Schwierigkeiten einer Beziehung, die gerade in die Brüche geht, oder zumindest für eine Partei der Vergangenheit angehört. Viele selbsterkannte Kritiker und Kritikerinnen stürzen sich bei Mavi Phoenix jedoch grundsätzlich auf den Auto-Tune-Effekt, anstatt anzuerkennen, dass hier eine sehr eigene Künstlerin ihren individuellen Stil entwickelt hat.

Mavi Phoenix – Ibiza

Dabei steht „Ibiza“ beispielhaft für Mavis Gespür für ungewöhnliche Sound-Kombinationen und liebevolle Arrangements. Im zweiten Chorus wechselt der Song ohne große Aufregung in einen Uptempo-Beat und löst sich in einem hellen Pad auf, das sofort wieder verschwindet, um Raum für ihre Vocals zu lassen. Die Künstlerin verbindet in dem Song Trap-Elemente mit einem ungewöhnlichen Marimba-Rhythmus, der ganz zeitgemäß durch einen Hall gejagt wird und sehr gezielt im Verlauf des Arrangements variiert. Hier sitzt niemand, der Beats am Reisbrett produziert, oder sich auf die Instrumentals anderer verlässt, sondern eine Musikerin, die ihr Handwerk versteht und ganz genau weiß, was sie umsetzen will. Bei all dem Pop-Appeal, den Mavi Phoenix verströmt, bleibt vieles an ihrer Musik ungewöhnlich und eigen. Ihre Gesangsmelodien sind oft unberechenbar und scheinen sich vielmehr, über dem Instrumental schwebend, von einem Akkord zum nächsten zu winden. Worum also geht es bei der Kritik an der Effektnutzung? Niemand würde Kanye West 2018 dieselben Vorwürfe machen, auch wenn sich die Rapwelt in Zeiten von „808 & Heartbreaks“ von dem Künstler verraten gefühlt hat. In einem Interview äußerte Mavi Phoenix, dass sie als Frau häufig mit Kritik konfrontiert ist, die männlichen Musikerkollegen in der Form erspart bleibt. Sei es in einer Studiosession, in welcher jemand ihr, als Produzentin, die Funktionen ihrer Musiksoftware erklären will oder eben die häufigen Vorwürfe, dass sie Auto-Tune nutzt, weil sie nicht singen kann. Dabei ist es völlig unerheblich, ob sie ohne den Effekt die Töne trifft, da sie ihre eigene Soundästhetik geschaffen hat, die ohne die charakteristische Klangverfärbung nicht möglich wäre.

Mavi Phoenix – Aventura

Abgesehen von allen ästhetischen Fragen trägt die Verwendung von Auto-Tune auch erheblich zur Demokratisierung von Musik bei. Wer eine tieftraurige R n‘ B-Ballade für die verflossene Liebschaft singen will, dabei aber keinen Ton trifft, wird wohl weder dem eigenen Anspruch und schon gar nicht der Kritikerwelt gerecht. Von dem möglichen Erfolg bei der Liebschaft ganz zu schweigen. Auto-Tune ermöglicht es vielen, einen Einstieg in die Musik zu finden, ohne sich vorher durch Chorproben oder Jam-Sessions mit befreundeten Teilzeit-Straßenmusikern aus der Oberstufe gequält zu haben. Niemand muss mehr die extravaganteste Technik vorweisen können, um guten Rap zu machen. Jetzt muss auch endlich niemand mehr singen können. Deal with it. Letztendlich ziehen sich viele Kritiker und Kritikerinnen des Auto-Tune-Effekts meist in die sicheren Gefilde der leidigen Geschmacksfrage zurück und hoffen damit jeglicher Argumentation aus dem Weg zu gehen. So weit, so ignorant. Wer den Sound des Effektes partout nicht erträgt, darf sich vor dem heimischen Kaminfeuer gerne den angegilbten Surf-Rock-Platten seiner frühen Adoleszenz widmen und den Zeiten von „echter“ Musik nachtrauern. Was diese Person jedoch nicht darf, ist einer Musikerin mangelndes Talent vorwerfen, ihre Songs als „garbage“ bezeichnen und sie persönlich anfeinden, nur weil der musikalische Horizont vom Staub der eigenen Plattensammlung verdeckt wird. Die Geschmacksfrage als Rechtfertigung für beleidigende Kommentare vorzuschieben, ist ein Online-Phänomen, mit dem viele Künstlerinnen und Künstler leider regelmäßig konfrontiert werden. Anstatt die Musik zu hören, oder es sein zu lassen, wird immer häufiger die Grenze zwischen Künstlerfigur und privater Person überschritten. Natürlich muss die Musik von Mavi Phoenix nicht jeden Geschmack treffen, aber ganz ehrlich: nur weil etwas nicht dem eigenen Geschmack entspricht, heißt das noch lange nicht, dass man überhaupt einen hat. Für alle Freunde des guten Geschmacks gibt es jedoch auch eine gute Nachricht: Am 5. Oktober erscheint die zweite EP von Mavi Phoenix mit dem Titel „Young Prophet II“, die sie auf ihrem eigenen Label LLT Records veröffentlichen wird. Außerdem geht die Musikerin im November auf Tour.

Mavi Phoenix geht im November auf Tour – präsentiert von DIFFUS.

15.11.18 – Köln, Yuca 16.11.18 – Berlin, Berghain Kantine 17.11.18 – Hamburg, Turmzimmer 05.12.18 – München, Ampere

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