„Das können wir uns nicht leisten“ von Miriam Davoudvandi sollten auch die Rich Kids lesen
Das Thema Armut hat leider keine besonders starke Lobby. Eher im Gegenteil. Die konservativen Medien und große Teile der Politik nutzen arme Menschen weiterhin eher als Punchingball oder als Ziel einer perfiden Neid-Debatte, die so tut, als wären arbeitslose Menschen, alleinerziehende Mütter und Bürgergeld-Empfänger:innen der Untergang der Staatsfinanzen – und nicht all die gut verdienenden Bastarde, Erb:innen und Firmenbesitzer:innen, die sich mit „guter“ Finanzberatung um ihre Steuern herummogeln.
Parallel dazu gibt es dann auch noch eine Art Lifestyle-Armut: Junge Menschen auf TikTok, die mit makelloser Haut in niedlich eingerichteten WG-Zimmern oder gar Wohnungen sitzen und ha-ha-ironisch posten, dass sie mal wieder broke in Berlin sind. Obwohl das bei ihnen heißt: Vatti muss früher Geld schicken, oder man muss mal an das Konto ran, das die Großeltern ihnen über die Jahre gefüllt haben.
Auch für Miriam ist Armut kein Spaß, kein Lifestyle-Thema und erst recht kein Ausgangspunkt für eine From-Rags-to-Riches-Biografie – auch wenn sie inzwischen in der Medienwelt gut im Game ist. Aber Miriam will wirklich von Armut erzählen. Nicht umsonst lautet der Untertitel ihres Buches „Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein“. Auch die sprachlich wuchtige Idee, dass jedes der elf Kapitel mit den Worten „Armut und …“ beginnt, macht die Sache recht klar.
Zwischen Memoire und Sachbuch
„Das können wir uns nicht leisten“ ist dabei halb Memoire und halb Sachbuch mit soziologischen Noten. Dabei ist es ebenso berührend wie informativ, weil Miriam sehr ehrlich und schonungslos auf ihre eigenen Empfindungen und Erfahrungen schaut, um diese dann behutsam mit dem größeren gesellschaftlichen Bild zu verweben, ohne dabei nach Uni-Seminar zu klingen. Und wo hier gerade das Wort Uni fällt: Dort begegnete auch sie zum ersten Mal den weiter oben gedissten Rich Kids, die gerne arm wären.
Dazu schreibt sie: „Zum ersten Mal traf ich in der Universität auf Menschen, die Geld hatten, aber arm rüberkamen oder rüberkommen wollten. Ich lernte, dass broke und arm sein unterschiedliche Dinge waren. Gerade nicht flüssig zu sein, aber Eltern zu haben, die einem theoretisch aushelfen können, ein Sparbuch zu haben, auf das man notfalls zugreifen kann – das war anders als meine Situation. Meine Kommilitonen und Kommilitoninnen beschwerten sich genauso wie ich über die Ungerechtigkeiten der Welt, trugen Aldi-Jutebeutel über ihrer Schulter, drehten ihre Kippen selbst, wie ich das bis dahin nur von meinem verarmten Alkoholiker-Onkel kannte, der seine Kippen stopfen musste.“
Ein Neid auf alle, die es leichter hatten
Auf dem Cover von „Das können wir uns nicht leisten“, sieht man ein Kinderfoto von Miriam mit ihrer Mutter, die auch im Buch eine wichtige Rolle spielt. Die Kapitel über die von Stress und eben Armut geprägte Verbindung zwischen den beiden gehören zu den ergreifendsten Stellen in diesem Buch. Auch, weil Miriams Geschichte oft um diese Dynamik kreist, und um alles, was damit verbunden ist. Der eigene Neid zum Beispiel, den man als armer Mensch natürlich spürt.
Darüber schreibt sie: „Manchmal spüre ich, wenn ich mich mit der Schwangerschaft meiner Mutter, meiner Geburt und meinen ersten Lebensjahren beschäftige, einen rückwirkenden Neid. Einen Sozialneid auf all diejenigen, die es leichter hatten und haben. Selbstverständlich freue ich mich für jede Frau, die so unbesorgt wie möglich Mutter sein kann, und genauso für jeden Vater, der einfach nur Vater sein kann. Ich hätte es mir nur eben auch uns, nein: allen gewünscht. Schon als Kind hatte ich solche mikroskopisch kleinen, kaum zu erkennenden und schon gar nicht zu benennenden Neidgefühle anderen Eltern gegenüber. Dabei ging es um die Leichtigkeit, die diese Menschen ausstrahlten. Sich keine Gedanken machen zu müssen – das ist es, was meinen Neid auslöste.“
So ist „Das können wir uns nicht leisten“ von Miriam Davoudvandi am Ende ein Buch, das nicht nur Menschen lesen sollten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, sondern auch und vor allem jene, die diese Sorgen nicht haben müssen. Miriam betreibt nämlich kein Reichen-Bashing, das gut situierten Lesenden ein schlechtes Gewissen reindrücken will, sondern erzwingt mit ihrer sehr empathischen Sprache, ihren Erfahrungen und ihren sehr ehrlichen Beobachtungen einen Perspektivwechsel, der allen gut tun würde.
„Das können wir uns nicht leisten – was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein“ ist im btb Verlag erschienen. Weitere Infos und eine Leseprobe gibt es hier.
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