Die jungen Emo-Erben bei Epitaph Records: Cold Hart, Lil Lotus & Co.
Seit der Gründung im Jahr 1981 hat sich Epitaph Records zu einem der größten unabhängigen Labels für Punk- und Rockmusik entwickelt. Gründer und Bad Religion-Gitarrist Brett Gurewitz konnte mit seinem Label über die Jahre einen Katalog aufbauen, der einer Hall of Fame des Genres gleicht: Bands wie The Offspring, Greenday und Bring Me The Horizon, aber auch die Beatsteaks haben hier bedeutende Platten veröffentlicht. Aber wie steht es im Hier und Jetzt um das Label? Genre-Grenzen verfließen dieser Tage bekanntlich und so machte auch Epitaph in den letzten Jahren einige Schritte in Richtung Neuzeit. Inzwischen hat man sich einen beachtlichen Kader an jungen Künstler:innen aufgebaut, die in ihrer Musik neue Entwicklungen wie Emo-Rap und Hyperpop mit dem energiegeladenen Rock-Sound der Vergangenheit mischen.
Epitaph geht mit der Zeit
Die Geschichte von Epitaph Records beginnt mit einem gleichnamigen Song von King Crimson auf ihrem gefeierten Debüt „In The Court Of The Crimson King“. Davon inspiriert benennt Brett Gurewitz, seines Zeichens Gitarrist der kalifornischen Punkband Bad Religion, 1981 sein eigenes Independent-Label. Hier erscheinen die folgenden Alben von Bad Religion und verhelfen dem Label zu ersten Erfolgen. Dieser wird dann spätestens mit dem großen Hype um The Offspring und ihrem Album „Smash“, das ebenso bei Epitaph erscheint, um ein vielfaches multipliziert. Diese Bilderbuch-Geschichte wird in den 90ern und 2000ern weitergeschrieben und der Katalog des Labels ergänzt sich stetig. Punkrock-Pioniere wie NOFX oder Pennywise legen hier bedeutende Grundsteine, genauso wie Greenday, Bring Me The Horizon, Parkway Drive und sogar deutsche Bands wie Beatsteaks und Terrorgruppe.
Aber der Zahn der Zeit mahlt stetig. Wahrscheinlich würde sogar Epitaph-Gründer Brett Gurewitz nicht bestreiten, dass die goldene Ära von Punk und Rock’n’Roll inzwischen längst vorbei ist. Aber es gibt neue Entwicklungen und das Label kennt keine Scheu, sich diesen zu öffnen. Denn auch wenn Punkrock nicht mehr das ist, was er mal gewesen sein mag, ist die Gitarre keineswegs aus der heutigen Musiklandschaft verbannt. Im Gegenteil: Die jüngsten Signings bei Epitaph beweisen gekonnt, wie jüngere Genres à la Hyperpop und Emo-Rap Hand in Hand mit der klassischen DNA des Labels funktionieren.
Soundcloud-Pionier Cold Hart
Wie zu Zeiten von Bad Religion und Co. hängt sich Epitaph dabei nicht an schon bestehende Hypes, sondern gräbt an der Wurzel. Das zeigt ihr Signing von Cold Hart, mit dem das Label seit 2020 zusammenarbeitet. 2012 hat dieser, halb im Scherz, den Namen Gothboiclique ins Leben gerufen – und damit unwissentlich den Nährboden für das geschaffen, was in den folgenden Jahren als Emo-Rap bekannt werden sollte. Denn unter dem gemeinsamen Namen Gothboiclique fand Cold Hart schnell zu Gleichgesinnten wie Fish Narc, Mackned, Lil Tracy, Horsehead und – besonders prominent – Lil Peep.
Vorerst nur auf obskuren Soundcloud-Profilen, veröffentlichte die Truppe ihre Musik, die so ganz anders war, als alles, was zu dieser Zeit im Mainstream kursierte. Diese Kids hatten ihre Jugend gleichermaßen mit blink-182 und Chief Keef auf den Kopfhörern verbracht und gaben diese unterschiedlichen Einflüsse in einer kuriosen Fusion wieder: Simple Trap-Beats trafen hier ohne Berührungsängste auf nostalgische Gitarren-Riffs aus der Emo- und Punk-Ecke.
Wie jede Crew sollte auch die Gothboiclique irgendwann auseinanderdriften und jedes der Mitglieder trug das gemeinsame Erbe auf eigene Art und Weise weiter. Bei Cold Hart ging es 2019 in Richtung Debütalbum „Good Morning Cruel World“ und Pop-Punk – und das lange bevor Machine Gun Kelly diesen Sound in den Mainstream brachte. 2021 machte Cold Hart dann mit dem Nachfolger „Everyday Is A Day“ sein Debüt bei Epitaph und zeigte, dass er hier bestens aufgehoben ist: “Growing up a lil‘ skate rat from Long Beach that was into punk and alternative music and listening to Rancid, Bad Religion, and Joe Strummer (RIP,) I felt it was only right that I went with Epitaph and followed in the footsteps of these legends“.
LiL Lotus – Ein gefallener Engel in L.A.
Die neue Emo-Rap-Szene ist eine, die vor Kollaboration nicht zurück schreckt und das spiegelt sich auch im Epitaph-Kader wieder. Ein gern gesehener Featuregast und Labelkollege von Cold Hart ist LiL Lotus, der schon seit der goldenen Soundcloud-Ära im Umfeld der Gothboiclique unterwegs ist. In seinen frühen 20ern schmeißt er seinen regulären Job, zieht nach L.A. und setzt alles auf die Musik. Der Plan geht auf: Mit Cold Hart entsteht unter anderem der Song „Body Bag“, der bis heute über 10 Millionen mal gestreamt wurde.
Während Cold Hart in seiner aktuellen Schaffensphase den Emo-Rap seiner Anfänge verfeinert und zur Perfektion treibt, steckt LiL Lotus mit seinem Epitaph-Debüt „Error Boy“ von 2021 bis über beide Ohren tief in seiner Pop-Punk-Phase. Manifest davon sind gleich zwei Features mit blink-182-Schlagzeuger Travis Barker sowie ein Song mit Sängerin Chrissy Constanza von der Band Against The Current. Auf dem Cover von „Error Boy“ inszeniert sich LiL Lotus als gefallener Engel mit schwarzen Federn und blutigen Verbänden – und in etwa so klingen auch seine emotionalen Texte. Ganz in Pop-Punk-Tradition sind diese dabei keineswegs kryptisch oder verkopft, sondern spiegeln auf sehr direkte Weise die Wirren im Lieben und Leben eines Anfang-20ers wieder.
Sadeyes oder „Emo-Rap to relax/study to“
Während Lil Lotus seine Teenage-Heartbreak-Ästhetik gerade auf Hochglanz poliert, bedient Epitaph auch das andere Ende des Spektrums. Dürfen wir vorstellen? Sadeyes. Die im April erschienene „Grim“-EP des Künstlers aus Portland vereint minimalistische Lo-Fi-Beats mit emotionalen Texten, die man bei dem Namen Sadeyes vielleicht auch erwarten sollte. Trotzdem klingt diese Musik, vor allem dank der schleppenden, sanften Beats, versöhnlicher als bei vielen anderen Emo-Rap-Kollegen. Stattdessen erinnert Sadeye an manchen Stellen eher an Powfus Knister-Hit „death bed (coffee for your head)“, an Regentropfen auf der Fensterscheibe und dunkle Wintertage, an denen man sich wohlig warm in den eigenen vier Wänden verschanzt.
„Hyper-Punk“ von Poptropicaslutz!
Aber bevor es hier noch zu gemütlich wird, lasst uns die Regler nochmal aufdrehen. Poptropicaslutz! haben zwar einen Namen, den man erstmal entwirren muss, ihre Musik ist dafür aber absolut unmissverständlich. Nick Crawford und Christian Cicillia, die gemeinsam das Duo Poptropicaslutz! bilden, stammen aus Long Island. Hier entsteht ein Sound, den die beiden treffend als „hyper-punk“ betiteln: Klassischer Pop-Punk, aber in die Zukunft gedacht, ergänzt um verzerrende Effekte, schillernde Synths und Einflüsse aus dem zeitgenössischen Hip-Hop. Eine Erwähnung wert sind übrigens auch die großartigen Songtitel von Poptropicaslutz!: „grandma got run over by a lawnmower“, „who remembers MTV?“, oder, besonders sweet, „in this world of mona Lisa’s, you’re my Jackson Pollock“.
Magnolia Park bringen klassischen Band-Sound ins Jahr 2022
Last but not least möchten wir euch mit Magnolia Park bekannt machen. Während viele der hier vorgestellten Epitaph-Künstler den Weg von obskurem Soundcloud-Trap hin zu Pop-Punk und Band-Sound vollzogen haben, verhält es sich bei Magnolia Park genau anders herum. Denn hinter diesem Namen verstecken sich gleich sechs Musiker, die sich im Jahr 2019 zur gemeinsamen Band formiert haben. Seitdem haben die Jungs fleißig diverse Singles und im letzten Jahr ihr „Halloween Mixtape“ veröffentlicht, auf dem sich auch Epitaph-Kollege LiL Lotus mit einem Gastbeitrag findet.
Und während der Rest der Welt großes Pop-Punk-Revival feiert, öffnen sich Magnolia Park zunehmend für fette Trap-Produktionen und Synth-Melodien, die in ihr Bandgefüge einfließen. Die neueste EP der Truppe entstand innerhalb einer einzigen, intensiven Woche, mit den Anime-Filmen von Studio Ghibli als Treibstoff. Das Ergebnis sind verzehrfertige, energiereiche Hymnen wie „Feel Something“: „I wanna sing out loud and jump around / I wanna touch the sky, mosh in the crowd / I wanna feel something, I wanna feel something“. Das simple Songwriting unterstreicht hier: Magnolia Park machen aus ihrer Musik keine Raketenwissenschaft, sondern vertonen die eigene Gefühlswelt und die ihrer Generation.
„The New Punk“
Wer nach diesem ausführlichen Ritt durch die jüngere Label-Geschichte von Epitaph Records noch dran geblieben ist, wird merken: Das Label ist mit der Zeit gegangen, aber seinen Wurzeln als Independent-Gigant aus den 80ern und 90ern durchaus treu geblieben. Denn während viele Rock-Fans von damals über die zunehmende Fusion mit Hip-Hop und Co. nur betrübt den Kopf schütteln, können sich die Verantwortlichen bei Epitaph für diese Entwicklungen durchaus begeistern und lassen sie auf kredibile Art und Weise in den Katalog des Labels einfließen. Label-Gründer und Bad Religion-Gitarrist Brett Gurewitz findet dazu weise Worte: “The spirit of punk, of hip-hop, of rock n‘ roll – it’s all the same elixir in different dispensers […] They’re calling his sound the new punk and who am I to argue“. Statt also mit verbitterter Miene und erhobener Faust gegen den Zeitgeist anzukämpfen, heißt das Label neue Gesichter in den eigenen Reihen willkommen – und hat mit Künstlern wie Cold Hart, LiL Lotus, Sadeyes, Poptropicaslutz! und Magnolia Park würdige Träger für das Epitaph-Erbe gefunden.
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