Künstler wie Die Nerven und Drangsal sorgen dafür, dass Gitarrenmusik auch heute noch relevant bleibt
In Deutschland lässt sich seit einigen Jahren beobachten, wie Bands aus unterschiedlichsten Genres den Weg in den Pop beschreiten, ohne auf die Gitarre als tonangebendes Instrument zu verzichten. Paradebeispiel für diese Entwicklung ist die Band Die Nerven aus Stuttgart. Gegründet von Max Rieger (Gesang, Gitarre) und Julian Knoth (Bass, Gesang) veröffentlichten sie 2012 ihr Demoalbum „Asoziale Medien“ woraufhin Kevin Kuhn als Schlagzeuger dazustieß. In ihrem ursprünglichen Proberaum, einem verlassenen Bahnwagon, schufen sie mit ihrer Mischung aus Post-Punk und Noise- Rock einen Sound, der die Szene maßgeblich beeinflusst hat. Nach den Alben Fluidum, Fun und Out veröffentlichten sie am 20. April „Fake“ beim prestigeträchtigen Label Glitterhouse (u.A. Mudhoney, Monster Magnet).
Die Nerven – Fake / Frei
Die vertraute Umgebung der Stuttgarter Bahnwagons haben sie längst verlassen und füllen mit ihrem brachialen und düsteren Sound Konzerthallen im ganzen Land. Ausverkaufte Konzerte und Anerkennung im Feuilleton sind ihnen sicher. Anders mutet da die Geschichte von Max Gruber alias Drangsal an. Wie aus dem Nichts startet dieser 2016 die Promophase zu seinem Album Hariescheim und gewann innerhalb kürzester Zeit an Popularität. Am 27. April erschien sein zweites Album „Zores“, auf welchem er sich größtenteils der deutschen Sprache zuwendet. Im Vergleich zum Vorgänger wirkt er hier deutlich selbstbewusster und zugänglicher. Wo bei den Nerven die Verweigerung gegenüber dem Pop-Mainstream aus jeder Zeile trieft, will Drangsal genau dahin. Zeilen wie „Uhh, Baby sag mir wann – fängt das Leben an“ könnten auch aus dem Mund deutscher Schlagersänger stammen, wäre da nicht das Gefühl für Sprache und der ironische Unterton, der das gesamte Album durchzieht. Auch besitzen die Songs in ihrem Arrangement zu viel Verschrobenheit und Unberechenbarkeit, als dass Drangsal in die Reihe der generischen deutschen Pop-Musik gestellt werden könnte.
Auch die Charts werden erobert
Zores und Fake verfehlten nur knapp die Top Ten der deutschen Albumcharts (Fake #13, Zores #12), was sie zu den aktuellen Vorzeigebands deutscher Gitarrenmusik und Lieblingen der Indie-Presse macht. Insgesamt ist der Kreis der erfolgreicheren Bands überschaubar, aber gerade deshalb scheinen sich diese gegenseitig zu befruchten. Man kennt sich, man hilft sich.Drangsal – Magst Du Mich
Kevin Kuhn gibt nicht nur bei den Nerven den Rhythmus vor, sondern liefert mit seiner Mischung aus Präzision und Gewalt auch bei Karies die Basis für deren düsteren Sound. Die Reihe an Bands, in denen er spielte, ließe sich lange fortsetzen. Als ob dies nicht genug wäre, spielt er auch Studioaufnahmen anderer Bands ein, auch die Drums auf Zores tragen zum Teil seine Handschrift. Julian Knoth veröffentlichte als Peter Muffin im November 2017 das Album „Ich und meine tausend Freunde“, für welches er die Instrumente selbst einspielte. Außerdem ist er Mitgründer des Labels Butzen Records, auf welchem neben seinem Album auch die „Tape“-EP von Friends of Gas erschien. Und Max Rieger ist sowieso immer da, wo eine Gitarre und ein Mischpult aufeinandertreffen. Neben seinem Soloprojekt „All diese Gewalt“ mischt er Alben für Bands wie Friends of Gas, Fabian, Karies und auch die Produktion der neuen Drangsal-Platte übernahm er in Zusammenarbeit mit Markus Ganther (Casper, Sizarr, Muso). So unterschiedlich die Musik der beiden Bands auch ist, so stehen sie doch gemeinsam für die Kreativität einer aktuellen Generation an Musikern und Musikerinnen, für welche die Gitarre unverzichtbar bleibt.
Drangsal – Das große Interview zu „Zores“
Die Nerven über ihr neues Album „Fake“, Nebenprojekte und Konzerte in den USA
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