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Die „Nullerjahre“ werden lebendig: Hendrik Bolz‘ Bestseller feiert Premiere auf der Theaterbühne

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Endlich auf der Autobahn. Felder und Wälder ziehen an den Fenstern in grün-grauen Linien vorbei. Die Geschwindigkeit liegt im Durchschnitt bei 130 km/h und alle paar Minuten lässt sich mal ein Auto blicken. Blinker links, überholen, überholen, überholen, Blinker rechts, einscheren und weiter. So in etwa läuft die Fahrt von Brandenburg Richtung Norden nach Mecklenburg-Vorpommern ab – dem „Land zum Leben“. MV tut gut. Doch was ich eben noch selbst am eigenen Leib auf der Fahrt nach Schwerin erlebt habe, spielt sich jetzt – knapp 60 Minuten später – erneut auf der Bühne ab. Wie fühlt es sich an, wieder in die Heimat zurückzufahren? Und welche Gedanken gehen mir durch den Kopf?

Das sind die ersten Szenen der Premiere von „Nullerjahre“, dem Bestseller von Hendrik Bolz aka Testo (Zugezogen Maskulin). Sein Buch wurde gestern in der M*Halle in Schwerin in einer Bühnenfassung uraufgeführt. Ein besonderer Ort, denn nur knapp zwei Autostunden von Schwerin entfernt liegt Stralsund, Hendriks Heimatstadt. Ebenso wie ich durchqueren auch die Schauspieler auf der Bühne erst die ländliche Einöde Brandenburgs, um schließlich weiter durch die mecklenburgische Prärie zu preschen. Im Auto sitzt Protagonist Hendrik, auf dem Weg zum Junggesellenabschied eines alten Freundes. Doch wie immer auf dem Weg von Berlin in die Heimat kommen Erinnerungen hoch: schmerzhafte, schöne, abscheuliche, witzige. All diese Erinnerungen durchleben wir gemeinsam mit Hendrik in den nächsten anderthalb Stunden. 

Knieper West 

Knapp ein Jahr ist es her, da erschien „Nullerjahre“ – das erste Buch von Hendrik Bolz, Musiker, Podcaster und jetzt auch noch Autor. Doch so richtig einordnen lässt sich das Werk nicht. Stattdessen geistert es irgendwo zwischen Coming-of-Age-Roman, Sachbuch und Autobiografie umher – und begeistert das Publikum, denn endlich spricht mal jemand über die Nachwendezeit und es sind nicht die 90er. Es ist eine Zeit, in der „echte“ Männer keine Gefühle zeigen, in der gebrochene Nasen zum guten Ton gehören und das Wort „schwul“ im täglichen Sprachgebrauch als Beleidigung verwendet wird. Die Jugend von Hendrik und seinen Freunden findet inmitten von Schlägereien und Kampfsport, Drogenexzessen und Mutproben in den Plattenbauten von Knieper West statt.

Foto: Silke Winkler

Nina Gühlsdorf und Katharina Nay haben es sich zum Ziel gesetzt, genaue diese ungeschönte Wahrheit mit Studierenden der Hochschule für Musik und Theater Rostock auf die Bühne zu bringen. Völlig losgelöst von Hendrik selbst, landet die Anfrage, „Nullerjahre“ als Theaterstück umzusetzten, vor einiger Zeit beim Verlag Kiepenheuer & Witsch. „Dann wurde ich gefragt: ‚Ist das für dich okay?‘. Und ich dachte direkt: ‚Ja, hammer!‘ Und jetzt, nicht mal ein Jahr nachdem das Buch rausgekommen ist, findet es hier statt.“, erklärt Hendrik freudestrahlend.

„Das waren ja nicht nur alles hammergeile Erinnerungen.“

Bis die Aufführung losgeht, sind es noch etwa 30 Minuten, doch so langsam meldet sich auch beim Autor selbst die Nervosität – zu Recht. Bereits in den Proben, als plötzlich die zu Papier gebrachten Erinnerungen wieder lebendig wurden, machte sich eine Art Gefühlchaos in Hendrik breit: „Da waren ganz viele Gefühle auf einmal: Zum einen natürlich Freude und Stolz. Ich meine, wie geil irgendwie, dass den Kram, den ich da aufgeschrieben habe, Leute so spannend und wichtig finden, dass sie das nochmal in ein anderes Medium bringen wollen. (…) Dann war das aber natürlich aber auch ein bisschen anstrengend, denn das waren ja nicht nur alles hammergeile Erinnerungen. Sie waren auch schmerzhaft. (…) Und das passiert ja auch nicht alle Tage, das einem eine Sache, die man selbst erlebt hat, nochmal auf der Bühne vorgespielt wird. Schon auch irgendwie Special.“ Und das Wort „special“ trifft den Nagel wirklich auf den Kopf. 

Foto: Silke_Winkler

Plastiktüten, Esslöffel und Boxpratzen

Selten war eine Aufführung so „banal“ und verstörend zur selben Zeit. Denn eigentlich ist es ja „nur“ der Alltag des jugendlichen Hendriks, der hier von sechs Student:innen vor den Augen etwa 150 Menschen auf die Bühne gebracht wird. Das Bühnenbild besteht bis auf die großen weißen Leinwänden im Hintergrund, einer Kleiderstange neben der Bühne und ein paar wenigen Requisiten wie Plastiktüten, Esslöffel und Boxpratzen (das sind diese Boxhandschuhe, auf die man draufschlägt) nur aus den Schaupieler:innen selbst. Die Besonderheit: Niemand ist hier so richtig Haupt- oder Nebenrolle. Stattdessen schlüpft jeder zeitweise in die Rolle des Ich-Erzählers – eine sehr erfrischende Art des Geschichtenerzählens. Und gemeinsam fesseln die sechs Akteur:innen das gesamte Publikum so sehr im Geschehen, dass ich mich plötzlich selbst dabei erwische, wie ich beim vermeintlichen „Gas ziehen“ auf der Bühne langsam ein- und ausatme oder sich mir der Magen völlig umdreht, als Susanne, gespielt von Annika Hauffe der Kindergärtnerin den Brei wieder entgegen kotzt. Wie wohl die Schulklasse über all das denkt, die sich ebenfalls im Publikum befindet? 

Foto: Silke Winkler

Das von Hendrik beschriebene Gefühlschaos macht sich langsam aber sicher auch auf den Gesichtern der Zuschauer:innen breit: Es wird gelacht, entsetzt zwischen dem/der Nebenmann:frau und der Bühne hin und her geschaut und bedächtig auf den Boden gestarrt, als es plötzlich heißt: „Das ist der Teil in dem Sie ins Spiel kommen!“. Spoilerwarnung: Es musste niemand auf die Bühne. Doch das Ensemble bricht auf charmante Art und Weise subtil immer wieder die vierte Wand und damit auch die Distanz zu uns, dem Publikum.  

Nach gut 95 Minuten ist das Spektakel – und es war ein echtes Spektakel – auch schon vorbei und es macht sich eine innere Zerrissenheit in mir breit. Trauer, über das Ende der Vorstellung. Dankbarkeit, für die vergelichsweise einfache und ereignislose Jungend, die ich in Brandenburg hatte. Erschütterung, über die Zustände der damaligen Zeit. Und Überraschung darüber, dass Geschichte manchmal doch so fesselnd sein kann. All in all, ein guter Gefühls-Cocktail, oder? Mit diesen Gedanken geht es zurück nach Hause. Autobahn, Geschwindigkeit 130 km/h und alle paar Minuten ein Auto in Sicht.

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Hendrik Bolz – Nullerjahre Lesetour – präsentiert von DIFFUS


19.03.23 Stralsund, Theater Vorpommern + Flake
01.04.23 Hamburg, Laeiszhalle + tba.

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