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Ein Festival, wie kein zweites: So war es auf dem Montreux Jazz Festival

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Eingebettet zwischen dem türkisen Wasser des Genfer Sees und den schneebetupften Gipfeln der Schweizer Alpen liegt Montreux. Ein beschauliches Städtchen, das schon im 19. Jahrhundert als beliebter Ferienort galt, weil man hier unweit von Skipisten ein fast schon mediterranes Klima genießen kann. Bekannt ist Montreux für seine hübsch angelegte Promenade, seine Architektur aus der Belle Epoque – und dafür, dass diese Oase der Ruhe einmal im Jahr für zwei Wochen auf den Kopf gestellt wird. Der Grund für diesen Ausnahmezustand? Das Montreux Jazz Festival.

1967 ursprünglich als touristische Maßnahme gegründet, gilt das Montreux Jazz Festival heute als eines der ältesten und prestige-trächtigen Festivals in Europa. Deep Purple schrieben hier ihren legendären Hit „Smoke On The Water“, nachdem eine der Bühnen abbrannte, Freddy Mercury verbrachte hier viel Zeit und auch heute gehört ein Gig auf dem Montreux Jazz Festival für viele aufstrebende Artists zu ihren kühnsten Träumen. Wir durften dieses Jahr selbst für zwei Tage in die Legende dieses magischen Fleckchens Erde eintauchen – und sind, umgangsprachlich gesagt, kleben geblieben.

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Jazz ist ein Gefühl

Das fängt schon, wie bei jedem guten Festival, mit dem Line-Up an. Hier darf man sich nicht vom namensgebenden „Jazz“ verunsichern lassen. Ja, hier kann man das spannendste an zeitgenössischen Artists aus dieser Sparte erleben, aber eben auch die großen Ikonen und neuen Talente aus Pop, Rock und Hip-Hop. Schon während der ersten Ausgaben des Festivals auf dem Zenit der 68-Bewegung hat der Gründer Claude Nobs erkannt, dass die Zukunft der Musik ein einziges großenen Potpourri ist, in dem ein puristischer Ansatz nichts verloren hat. Stattdessen scheinen uns die Macher:innen vermitteln zu wollen: Jazz ist ein Gefühl.

Das mag cheesy klingen, aber doch schien es uns während unserer zwei Tage in Montreux, als könne sich hier jeder Artist, jeder Fan und selbst die vielen freiwilligen Ordner:innen auf eine gemeinsame Passion für Musik und Performance einigen. Nach einem vorangegangenen splash!-Wochenende fehlten uns zwar die Moshpits, aber es war geradezu eine Wohltat, mit welcher Ernsthaftigkeit und welchem Anspruch die auftretenden Bands ihre Darbietung angingen. Von den warmen Afrobeats von Tems, über die gewagte, imporivisierte Flöten-Show von André 3000 bis hin zum Gen-Z-affinen Rave-Pop von Kenya Grace, sah man Künstler:innen und Besucher:innen zu jedem Zeitpunkt an, wie sehr sie die jeweilige Präsenz genossen. Booking done right.

Schafft euch einen See an!

Bevor wir weiter ins Detail gehen, kommen wir nicht umhin, einmal die Bilderbuch-Kulisse von Montreux zu würdigen. Wenn dein Blick wahlweise über Bergpanorama, Weinberge oder über den See hinüber nach Frankreich wandert, gibt es definitiv schlechtere Orte, um einem Konzert beizuwohnen. Das kann man zwar schlecht den Veranstaltenden anrechnen, aber gönnen kann man ihnen den Jackpot ja wohl.

Dieses Jahr hat man den Genfer See sogar noch prominenter in Szene gesetzt und die Hauptbühne wegen Umbauarbeiten an die Promenade verlagert. Besonders schön haben mit diesem neuen Setting die Impro-Fanatiker von Vulfpeck gespielt, die auf ihren Backdrop verzichtet und stattdessen auf das eh viel schönere Natur-Wallpaper gesetzt haben. Und auch die Franzosen von Air schienen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, mit ihrem Ambient Pop und einer herausragenden Licht-Show mit dem feurigen Sonnenuntergang mitzuhalten, der sich im Hintergrund abspielte. Also, @deutsche Festivals: Legt euch auch mal so einen See inklusive Alpen zu. Kann ja wohl nicht so schwer sein.

Weniger ist mehr

Noch so eine Sache, die die Konzerte zu so einem angenehmen Erlebnis gemacht hat, war die Umsetzung und Organisation vor Ort. Das Montreux Jazz Festival wird über ganze zwei Wochen zelebriert, inklusive hochkarätigen Doppel-Headlinern, wie in unserem Fall am einen Abend erst Air und Massive Attack, am zweiten Abend dann Larkin Poe und Lenny Kravitz. Dadurch verteilt sich der Andrang der Fans und jeder besucht Montreux eben in dem Zeitraum, der terminlich oder musikalisch am meisten zusagt. Das sorgt dann widerum automatisch für eine schönere Stimmung vor und auf der Bühne. Die Laufwege entlang des Ufers sind zwar gut gefüllt, aber dann doch so weitläufig, dass man in 20 Minuten von einem Ende zum anderen kommt und sich immer ein Plätzchen am See ergattern lässt. Vor die größte Bühne passen gerade einmal 5000 Menschen – ein Rahmen, der bei Headlinern wie Sting, Raye oder Deep Purple fast schon intim wirkt. 

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Bewahren und Verbessern

Das Montreux Jazz Festival hat den Ruf, der ihm heute voraus eilt, nicht von ungefähr. Das Vermächtnis des Festivals wurde bis 2013 von seinem Gründer Claude Nobs mit viel Liebe und Hingabe gehegt, seither wird dieses Erbe von seinem Partner Thierry Amsallem sowie dem neuen CEO Mathieu Jaton aufrechterhalten. Während unserem Aufenthalt in Montreux wurde uns die große Ehre zu teil, das Chalet zu besuchen, in dem Claude gelebt hat. Heute ist es eine wahre Schatzkammer für Musik- und Kultur-Nerds. Wohin man sieht, finden sich kleine und große Erinnerungsstücke und Geschenke seiner vielen Freund:innen. Freddy Mercurys Kimono, leuchtende Schuhe von David Bowie, Kunst von Keith Harring. Motorräder, eine beachtliche Sammlung an Modellbahnen und natürlich überall die Musik, in Form von Jukeboxen, Schallplatten und Instrumenten.

Der größte Schatz ist jedoch kein materielles Sammlerstück, sondern das Ergebnis harter Arbeit: Das riesige Live-Archiv des Montreux Jazz Festivals. Seit der ersten Ausgabe hat Claude akribisch jede Show dokumentiert, erst nur mit Audio-Aufzeichnungen, später dann auch mit Videos. Ein Lebenswerk, das nach Claudes Ableben als Weltdokumentenerbe von der Unesco anerkannt wurde. Wenn man auf dem Dachboden des Chalets im gemütlichen Heimkino die Tapes vergangener Ausgaben anschaut, wird schnell klar, dass die Veranstaltenden des Montreux Jazz Festivals ihre weiteren Schritte in sehr großen Fußstapfen gehen. Trotzdem hat man das Gefühl, dass daraus ein durchaus positiver Druck entsteht. Die Vergangenheit wird hier nicht nur zu Recht vergoldet, sondern dient vor allem als Ansporn, sich selbst wieder und wieder zu übertreffen.

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The kids are alright

Bevor wir nach Montreux gekommen sind, dachten wir ehrlich gesagt, dass wir dort vor allem den Schlag Menschen antreffen, von dem diese Branche eh schon wimmelt: Mittelalte bis ältere, weiße Cis-Dudes, die ihre Nase ganz schön weit oben tragen und selbige rümpfen, sobald du mit ihnen über Hip-Hop sprichst. Selten haben wir uns so getäuscht. Das Publikum, dass sich das Montreux Jazz Festival erarbeitet hat, ist divers in allen Belangen und spürbar daran interessiert, seinen Horizont zu erweitern. Die Ordner:innen sind zum größten Teil junge Erwachsene und Studierende, die freiwillig aushelfen und dafür zu den Konzerten kommen dürfen. Eine Win-Situation für beide Parteien und auch ich lasse mir die Tasche lieber mit einem strahlenden Lächeln kontrollieren.

Besonders schön behalten wir auch unsere Abende im Lake House im Gedächtnis, wo nach den großen Headlinern das ganze Festival nochmal zusammen kommt. Hier jammen dann auch mal gestandene Artists wie Rag’n’Bone Mane, Raye, Vulfpeck oder Marc Rebillet noch Stunden nach ihrem eigentlichen Auftritt in einem Rahmen, der sich mehr nach Wohnzimmer-Konzert als nach Weltstars anfühlt. Ganz normal in Montreux. In den verwinkelten Räumen des Lake House ist die nächste Party nie weit weg und findet manchmal auch einfach im Gang statt. Wenn uns das mal zu viel wurde, zogen wir uns gerne in die Bibliothek zurück, wo bis tief in der Nacht tolle Disco- und Jazz-Platten vorgespielt und besprochen wurden. Da taumelte dann auch gerne mal ein durchgefeierter, verirrter Student rein – und blieb einfach sitzen und lauschte andächtig. Die Liebe zum Jazz und zur Musik im allgemeinen zieht sich in Montreux durch alle Generationen.

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