Ein Jahr, ein Song: 2017, Bonaparte und „Melody X“
Am 14. Februar 2017 wird der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel von der Polizei in Istanbul festgenommen. Ein Haftrichter ordnet daraufhin Untersuchungshaft gegen Yücel an, die Vorwürfe lauten Volksverhetzung und Terrorpropaganda. Seit dem im Jahr 2016 gescheiterten Putschversuch in der Türkei werden zehntausende Menschen unter dem Vorwurf der Unterstützung terroristischer Vereinigungen inhaftiert. Darunter Oppositionelle und Journalisten, weshalb Präsident Erdogan vorgeworfen wird, die Meinungs- und Medienfreiheit beseitigen zu wollen. Deniz Yücel sitzt insgesamt ein Jahr lang im Gefängnis, lange Zeit sogar in Einzelhaft. Nicht nur in Deutschland, sondern europaweit solidarisierten sich die Menschen mit Yücel und der Pressefreiheit. Wie wichtig und aktuell es ist, die Pressefreiheit zu schützen, zeigt auch der Angriff auf ein Kamerateam der „heute-show“ vor wenigen Tagen. Von Terroranschlägen, schwieriger Regierungsbildung in Deutschland und den Ausschreitungen während des G20-Gipfels in Hamburg bekommt Yücel in seiner Zelle nicht viel mit – dafür schafft es Tobias Jundt aka Bonaparte in seiner Single „Melody X“ die turbulenten Zeiten mit einem ungewohnt nachdenklichen und ruhigen Sound in Einklang zu bringen.
Bonaparte – Melody X
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Tobias Jundt bzw. Bonaparte einem Genre oder einer Kunstform zuzuschreiben, ist gar nicht so einfach. Der Sound seiner Musik ist rustikal und rau, teilweise an den Punk anzulehnen. Dazu gehört allerdings auch der große Einfluss digitaler Musik, wodurch der Klang an Komplexität gewinnt. „Visual Trash Punk“ beschreibt das Gesamtkonstrukt wohl am besten. Seine Konzerte werden von einer Vielzahl unterschiedlicher Live-Performer begleitet, in Kombination mit den teils grenzüberschreitenden Texten entsteht so eine groteske Show aus Kunst, Erotik und Faszination, die abschrecken kann und möchte. 2017 veröffentlicht Bonaparte sein fünftes Studioalbum „The Return of Stravinsky Wellington“, das plötzlich gar nicht mehr an den „Party-Kaiser“ erinnert, wie der Schweizer Wahlberliner Jundt auch genannt wird. Das Album klingt nicht mehr nach extravaganter Liveshow mit verschwitzten Körpern, sondern erwachsen, fast schon ruhig. Besonders auffallend ist die Single „Melody X“. Es geht um Alltagssorgen und Ängste, es wird in seichten Klängen zur Vernunft aufgerufen: „Now you look for love in the times of hate(…) Try to sooth yourself to sleep my dear, I know this hole mess is born from fear“. Auch wenn sowohl Song als auch Video kaum mit der Ekstase alter Bonaparte-Veröffentlichungen verglichen werden können, schafft es „Melody X“ die turbulenten Zeiten 2017 perfekt zu verarbeiten. Die Single ist außerdem Teil des Soundtracks der Netflix-Originalserie „Dark“ und fängt dort die stürmische und verwirrende Zeit der Charaktere exzellent ein.
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