Einfach „Lagom“: So war das Way Out West Festival 2025 in Göteborg
Charli xcx und Chappell Roan. An dieser UK-US-Connection kam man in den vergangenen Wochen in Schweden wohl nicht mehr vorbei. Den Merch konnte man schon am Flughafen spotten, die Hits den Hotel-Lobbys entnehmen und auch auf dem Weg zur „Lunge von Göteborg“, dem Slottsskogen Stadtpark, auf Plakaten bewundern. Zwischen Wald und Wiese fand dort vergangenes Wochenende schon zum 17. Mal das Way Out West Festival statt.
Tag 1: Nilüfer Yanya, Becky and the Birds und Iggy Pop



Gestartet hat das Way Out West allerdings nicht mit BRAT-Summer-Vibes, sondern verdächtig German, wenn man die letzten Wochen so vergleicht. Zu Mk.gees „ROCKMAN“ (Fortsetzung folgt!) ging es jedenfalls aufs Festivalgelände – ein gutes Omen! Und schon beim ersten Act Nilüfer Yanya – zugegeben unter einem Zelt – war der Regen dann auch vergessen. Während die englische Indierock-Künstlerin noch etwas verhalten durch ihre Diskografie führte, wurde es danach pickepackevoll als die Inselnachbarn Kneecap aus Belfast die Stage übernahmen. Das palästinensische Tuch „Kufiya“ sollte auch das Accessoire für Solidarität beim Festival bleiben – on und off-stage!
Vorbei an der Gänsehaut-Performance der 86-jährigen Soul-Ikone Mavis Staples – die passenderweise gerade mit „I’m Just Another Soldier“ ein Zeichen für Liebe und Frieden setzte – ging es zur Newcomer-Bühne von Spotify. Dort stimmte die schwedische Hyperpop-Musikerin Becky and the Birds auch gleich die ersten experimentellen Akkorde an – begleitet von ihrem Papa auf dem Akkordeon. Der Rest des Abends stand dann im Zeichen des Punkrocks. Fontaines D. C. stellten die Sitzheizung auf der Fläche zwischen den beiden Mainstages schon mal an. Niemand wollte nämlich danach als „The Passenger“ beim oberkörperfreien Iggy Pop mitfrieren. Der 78-Jährige „Godfather of Punk“ lieferte trotz Skoliose eine aufgeladene Performance und ließ es sich nicht nehmen, die halbe Front-Row zu umarmen – „fucking beautiful!“.
Tag 2: Mk.gee, Yung Lean und Charli xcx



Tag zwei wurde dann deutlich elektronischer. Die kleine Rave-Stage direkt am Einlass wurde von früh bis spät von DJs bespielt. Wir kamen genau richtig zum Österreicher Salute, der neben eigenen Garage-Produktionen auch gerne mal Daft Punk auf die Menge loslässt. Absolutes Highlight war auch ein älterer Security-Mann, der sich für jede seiner befolgten Anweisungen mit einer Tanzeinlage bedankte. Und auch unter der Zelt-Bühne wurde danach 4-to-the-floor getanzt. Die walisische Producerin Kelly Lee Owens zeigte beeindruckend, wie elektronisches Multitasking auf der Bühne funktionieren kann. Auch ihre englische Nachbarin Little Simz setzte mit neuem Album „Lotus“ im Gepäck besondere Rap-Maßstäbe: Mal mit Band, mal vom Band oder einfach Acapella.
Das Pulver war jedenfalls noch lange nicht verschossen. Der neue Stern am Dream-Pop-Himmel heißt Mk.gee. Das wusste nicht nur Justin Bieber auf „SWAG“, auch in Schweden ist der Singer-Songwriter längst kein Geheimtipp mehr. Umso schöner, dass er die eingangs erwähnte Hymne „ROCKMAN“ gleich doppelt zum Besten gab. Die Platzhirschen Yung Lean und Bladee brachten derweil die Bassfrequenzen der Mainstage ans Limit. Aber auch ruhigere Balladen des gemeinsamen Albums „Psykos“ entfalteten in ihrem Heimatland eine ganz besondere Wirkung. Yung Lean und Charli xcx sorgten dann im Grande Finale auch für den „360“-Grad-Moment. Der Rapper unterstützte sie als einziges Feature auf der Bühne. Die minimalistische (und auch ordentlich verspätete) Show setzte uns endgültig wieder die knallgrüne BRAT-Brille auf! „I want this to last forever“ hieß es am Ende auf den Festival-Screens und wahrscheinlich auch in den Göteborger Köpfen.
Tag 3: Lola Young, PinkPantheress und Chappell Roan



Der dritte Tag auf Festivals ist immer so eine Sache. Die Ohren bluten, der Kater ist unerträglich genauso wie die Körpergerüche aller Art. Auf alle drei Probleme hat das Way Out West eine adäquate Antwort gefunden: Gratis-Ohrenstepsel (sowie Regencapes und Kondome), Bier für 8 Euro und generelles Camping-Verbot. So hatten die fast 80.000 Besucher:innen (Zuschauer:innen-Rekord!) je nach Alter über das Wochenende allenfalls Rücken- und/oder Knieschmerzen, dafür scheinte am Samstag aber endlich auch mal die Sonne. Montell Fish ließ sich trotz Mittagshitze jedenfalls nicht in seiner Outfit Choice beirren. Der Rapper, Sänger und Multiinstrumentalist bot den perfekten Soundtrack zum Einschunkeln auf den letzten Festivaltag – mit Winterjacke und Kapuze. Es folgte Lola Young, die schon Promo für ihr anstehendes Album „I’m Only F***ing Myself“ machen konnte. Trotz angeschlagener Stimme jagte ein Gänsehaut-Moment den nächsten. So blieb das einzige Problem die Wespenplage, die auch vor der Britin nicht Halt machte.
Danach rief PinkPantheress zum TikTok-Tanz zurück ins Zelt und traf nach eigenen Angaben auf die „CRAZIEST CROWD EVER“. Zwischen Fieberträumen, aufgeblasenen Kondom-Luftballons (Touché!) und Handshake-Trends wurden sogar Moshpits geöffnet. Zwanzig Minuten vor Konzertende lichteten sich dann aber die Reihen, weil sich alle noch gute Plätze für die Märchenstunde mit Chappell Roan sichern wollten – einschließlich uns. Im kompletten Kontrastprogramm zu Charli öffnete Chappell ihr Prinzessinnenschloss – mit komplett weiblich besetzter Band, drei verschiedenen Outfits und der nächsten Reizüberflutung im positivsten Sinne. Mit dieser Performance krönte sich die US-Amerikanerin auch zur Way-Out-West-Princess und lockte selbst den letzten Zweifler in ihren Pink Pony Club.





Fasst man die drei Tage zusammen, fällt in unserer Running Order vor allem eines auf: das enorme Ungleichgewicht von männlichen und weiblichen Artists. In Deutschland nichts Neues, kippt es in Schweden allerdings in die andere Richtung aus. Das „Lagom“-Gleichgewicht spiegelt sich nämlich auch im diversen Booking wider. Als Teil der Keychange-Initiative achtet das Festival auf ein 50/50-Lineup, welches sich auch im weiblich geprägten (und deutlich rücksichtsvolleren) Publikum ausdrückt. Auffällig war auch, dass der Slottsskogen Park zu jeder Tageszeit prall gefüllt war – egal ob bei vermeintlich kleineren Artists oder den großen Namen. Auch kulinarisch haben wir im komplett vegetarischen Food-Konzept nichts vermisst. Unterm Strich kann Schweden also nicht nur Inneneinrichtung, sondern auch verdammt gute Festivals ausrichten. Tack Way Out West – wir kommen jederzeit gerne wieder!
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