Empfehlung des Tages: jolle – frei
Vor gut eineinhalb Jahren ging jolle mit „alle märchen sind gelogen“ viral, inzwischen ist sie längst mehr als nur ein Newcomer-Hype. Nach Features, ersten größeren TV-Auftritten und einer eigenen Tour erschien nun ihr Debütalbum „sunny side up/:down“. Die zwölf Songs sind als emotionales Auf und Ab angelegt: Die erste Hälfte klingt heller und hoffnungsvoller – im Song „plusminus“ erfolgt dann der Switch: Die Musik setzt kurz aus, die Stimmung kippt, Sunny Side Up wird zu Sunny Side Down.
Dieser Wechsel spiegelt auch Jolles eigene Erfahrungen wider. Bei ihr wurde vor einigen Jahren eine Bipolar-II-Störung diagnostiziert, seit ihrer Jugend erlebt sie depressive Phasen ebenso wie Zeiten starker Euphorie und Tatkraft. Jolle macht daraus zwar nicht den alleinigen Mittelpunkt ihrer Kunst und will auch nicht zum Aushängeschild für Mental Health werden, spricht aber bewusst offen darüber – unter anderem auch bei uns im „Zum Dorfkrug“-Podcast sowie in unserem Artikel über die Kürzungen in der Psychotherapie und Mental Health in der Musikbranche. Auf „sunny side up/:down“ wird dieses Auf und Ab deshalb nicht nur zum Konzept, sondern zum Ausgangspunkt für sehr persönliche Songs.
„frei“: einer der persönlichsten Momente des Albums
„frei“ ist ein Song aus der zweiten, düstereren Hälfte von „sunny side up/:down“ und gehört zu den persönlichsten Tracks des Albums. Zunächst klingt alles nach Kindheit und Sommer: Brausepulver, Maikäfer und Wasserbombenschlachten, „Garten meiner Kindheit / frisch gemähtes Gras“. Doch die Idylle bekommt schnell Risse. Kleinkarierte Zäune, Streit und unausgesprochene Konflikte stehen plötzlich neben diesen eigentlich warmen Erinnerungen.
Hinter „frei“ steckt die Geschichte von drei Generationen Frauen und drei sehr unterschiedlichen Vorstellungen davon, was Freiheit bedeuten kann. Jolles polnische Großmutter wurde von Krieg, häuslicher Gewalt und politischer Unterdrückung geprägt und zog sich schließlich in eine eigene Welt zurück, in der Medikamente die Erinnerungen und Traumata auf Abstand hielten. Ihre Mutter suchte Freiheit dagegen in Sicherheit und Normalität: in der vermeintlichen Idylle einer konservativen Kleinstadt, hinter Zäunen und geordneten Verhältnissen.
Jolle selbst versucht wiederum, genau daraus auszubrechen und ihre eigene Version von Freiheit zu finden – in der Großstadt, mit Freund:innen um sich herum und dem Skateboard unter den Füßen. Trotzdem trägt sie die Geschichten der Generationen vor ihr weiter mit sich. Die Zeile „Baue Flieger aus Papier / Doch ich bin viel zu schwer dafür“ bringt dieses Spannungsfeld besonders gut auf den Punkt.
Auch der Refrain „Breche aus und wieder ein / Die Gedanken bleiben frei“ zeigt, dass Freiheit bei jolle kein endgültiger Zustand ist. Man kann sich lösen und trotzdem wieder zurückfallen, Erinnerungen hinter sich lassen und sie trotzdem weiter mittragen. Genau diese Widersprüche machen „frei“ zu einem der stärksten Songs auf „sunny side up/:down“ – und zu einem guten Schlüssel für das ganze Album.
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