„Europapa“ von Joost Klein: Nur ein Werbejingle für die EU?
Auch dieses Jahr finden im Mai wieder die Olympischen Spiele der queeren Szene aka der Eurovision Songcontest statt. Und genau wie bei sportlichen Großereignissen fangen die Diskussionen und Spekulationen rund um die teilnehmenden Teams schon Monate im Voraus an. Mit besonderer Spannung habe ich als Niederländerin den Beitrag erwartet, der am Freitag in der Kult-Late-Night-Show „De avondshow met Arjen Lubach“ vorgestellt wurde: „Europapa“ von Joost Klein. Und eins ist schon mal klar, der Song geht durch die Decke, hat schon zwei Tage nach Veröffentlichung Millionen von Streams und Views gesammelt.
In „Europapa“ geht es, Überraschung, um Europa, oder besser gesagt, die EU.
Am Anfang des Musikvideos wird der Staatenverbund als ein aus mehreren Gebäuden zusammengesetztes Bauwerk dargestellt, inklusive Windmühle und Baukränen. Das Ergebnis erinnert jedoch eher an Weasley’s Fuchsbau als an ein modernes Wohnhaus mit stabilem Fundament. Über der Eingangstür prangt die Fahne der EU. Aber nicht nur dort. Die Fahne, das EU-Blau und die gelben Sterne finden sich überall im Video, von der Set- Gestaltung bis hin zu den Kostümen. Glücklich tanzend wird die EU besungen, die catchy Hook lädt zum Mitgrölen ein. Vor dem Hintergrund der menschenfeindlichen Politik der EU geht das eigentlich gar nicht.
Europa in Flammen
Aber feiert „Europapa“ die EU wirklich nur unkritisch ab? Ich bin skeptisch. Hängen bleibe ich unteranderem an folgenden wiederkehrenden Lyrics im Chorus: „Welkom in Europa, blijf hier tot ik dood ga“ was sich übersetzen lässt zu „Willkommen in Europa, ich bleib hier, bis ich sterbe“. Vielleicht doch ein Hinweis auf das Sterben an den Außengrenzen der EU? Dass dies kein komplettes Wunschdenken sein muss, zeigt sich auch im Outro: „Aan het einde van de dag zijn we allemaal mensen M’n vader zei me ooit: ‚Het is een wereld zonder grenzen‘“ also „Am Ende des Tages sind wir alle Menschen. Mein Vater sagte mir eins: ‚Es ist eine Welt ohne Grenzen‘“. In der Schlusssequenz des Musikvideos geht besagtes Bauwerk vom Anfang in Flammen auf und brennt ab.
Trotzdem wirkt der Song mit seiner catchy Produktion, an der neben Tantu Beats auch der Hardcore-Begründer Paul Elstak mitgewirkt hat, in Teilen wie ein Werbejingle für die EU. Besungen werden die Bewegungsfreiheit und Grenzenlosigkeit innerhalb der EU, die Vielfalt der und Freund*innenschaft unter den Mitgliedsstaaten. Dieser starke Fokus auf die Vorteile der EU, sowie die Ohrwurmtauglichkeit bergen natürlich das schon beschriebene Risiko, dass von sich selbst-besoffene sogenannte Liberale in EU-Pulli „EU-RO-PA“ mitkrakeelen und unkritisch abfeiern.
Der richtige Zeitpunkt für einen politischen ESC-Beitrag
Auf der anderen Seite ist es vielleicht genau der richtige ESC Beitrag für 2024: Denn nur einen Monat nach dem Songcontest finden die Wahlen zum Europäischen Parlament statt. Wahlen mit traditionell geringer Wahlbeteiligung – 2019 haben sich immerhin erstmals seit 1994 wieder knapp mehr als 50% der Wahlberechtigten zur Urne bewegt. Und während die Hälfte der Bevölkerung noch überlegt ob sich das Wählen überhaupt lohnt oder ob man nicht doch lieber auf der Couch bleibt, schmieden die Rechtspopulisten Allianzen, wetzen Messer und träumen von der Abschaffung der EU. Und bei aller berechtigter Kritik an der EU, bin ich mir doch sicher, dass sie uns fehlen würde. „Europe, let’s come together, its now or never“ führt Joost in seinen Track ein – Leider wahr.
Vielleicht brauchen wir genau in diesem Moment EU-Optimismus um dann mit Hilfe der EU Demokratie und Menschenrechte wieder zu stärken. Natürlich scheint das aktuell tragischerweise wie ein utopischer Gedanke. Und vielleicht brauchen wir eben deshalb den vermeintlich unpolitischen ESC um die Masse zu aktivieren. Denn wie wir aktuell anhand der Demonstrationen, die in der ganzen Bundesrepublik gegen Rechts stattfinden sehen: Es dauert, bis die Masse sich bewegt. Aber wenn sie es tut, können sich wahnsinnige Kräfte und Symbolbilder entwickeln. Vielleicht ist „Europapa“ nicht die Antifa-Hymne, die wir uns erhofft haben, aber die, die wir brauchen.
Wirklich und wahrhaftig niederländisch
Und noch etwas anderes fällt mir auf als Niederländerin. Der Beitrag ist wirklich und wahrhaftig niederländisch. Von der Einbindung der niederländischen Sprache, über die Darstellung niederländischer Landschaften, bis hin zur humoristischen Darstellung niederländischer (Sub-)Kultur. Aber auch musikalisch spielt der Track mit niederländischem Erbe – Und das könnte dem Ursprungsland von Gabber und co. 2024 wirklich entgegenkommen. Denn harter Techno und Eurodance sind längst zurück in den Charts. Ziemlich smarter Move also, dass Joost für „Europapa“ mit Paul Elstak einen der Urväter dieser Musik verpflichtet hat. Mit der Rückbesinnung auf „das Niederländische“ reiht sich „Europapa“ auf gewisse Art und Weise schon fast traditionell in den Kanon des ESC ein. Ein guter ESC-Song vermittelt Identität, ist eingängig und spielt mit Kulturmerkmalen des zu repräsentierenden Landes –– ohne dabei zu überfordern. Und das ist Joost, der in der Vergangenheit nicht unbedingt für politische oder politisch korrekte Songs bekannt war, durchaus gelungen.
Gut, als Deutsch-Niederländerin bin ich vielleicht etwas biased. Schließlich findet sich „niederländische Repräsentation“ außerhalb der Niederlande sonst häufig nur in Form von schlechten Sprach- oder Kiffwitzen oder seltsam anmutenden Projektionen deutscher Urlauber:innen und Partytourist:innen wieder.
Aber in der vermeintlich flachen Partynummer steckt so erstaunlich viel drin, dass mir auch nach mehrmaligem Hören noch Aspekte auffallen. Beispielsweise der Seitenhieb auf die fehlende Gastfreundlichkeit der deutschen Nachbar*innen („Ich bin in Deutschland, aber ich bin so allein“) oder, wenn man es denn so interpretieren mag, selbstkritische Töne („Ik ben echt alles kwijt behalve de tijd / Dus ben elke dag op reis want de wereld is van mij“, also in etwa „Ich habe wirklich alles verloren, außer die Zeit / Also bin ich jeden Tag unterwegs, denn die Welt gehört mir). Und auch die Widmung an die eigenen Eltern, die Joost im Alter von nur 12 (seinen Vater) und 13 (seine Mutter) verlor, sollte nicht unerwähnt bleiben.
12 punten voor Nederland?
Aktuell rankt die Niederlande in Umfragen und Wetten rund um den ESC auf Platz 13. Es bleibt spannend ob „Europapa“ für den Niederländer, der in Deutschland vor allem für sein Feature mit Ski Aggu und Otto Waalkes („Friesenjung“) bekannt ist, zum perfect storm wird – Und ob er seine Plattform nutzen wird, um die politischen Anteile seines Beitrages zu unterstreichen. Wer weiß, vielleicht war „Friesenjung“ ja der erste strategisch clever gesetzte Schritt, um die Bekanntheit Joost Klein’s außerhalb des Heimatmarktes zu vergrößern. Geschadet haben wird es vermutlich nicht.
Ob all das am Ende reichen wird, um Jury und Publikum zu überzeigen und ob es dann wirklich 12 punten voor Nederland gibt, das zeigt sich spätestens am 11. Mai 2024 in Malmö.
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