DIFFUS

„Father Mother Sister Brother“ ist cringe – aber ihr solltet ihn schauen!

Posted in: Features

Erwachsen werden ist so eine Sache. Nicht nur, dass man plötzlich mit dem Ernst des Lebens konfrontiert wird, zusätzlich werden einem auch die Marotten der eigenen Eltern und Geschwister immer bewusster. Irgendwann werden Familientreffen zu einer reinen Formalität – oder bleiben ganz aus. Genau dieser Eltern-Kind-Beziehung nimmt sich Jim Jarmusch mit seinem neuen Werk „Father Mother Sister Brother“ an. In einem Triptychon bietet er uns drei verschiedene Familienkonstellationen, in drei verschiedenen Ländern. Alle in unserer Gegenwart, doch keine wie die anderen und irgendwie schon genau gleich. 

New Jersey, Dublin, Paris!

Aber von Anfang an. Der erste Akt nimmt uns mit in die USA, wo Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) ihren Vater (Tom Waits) in seinem abgeschiedenen Häuschen besuchen gehen. Nach einem etwas verklemmten – nicht nur bei den Proganist:innen Fragen aufwerfenden – Treffen, verabschieden sie sich wieder und wir wechseln Standort und Familie. Weiter geht es in Dublin. Dort empfängt die Mutter (Charlotte Rampling) ihre beiden Töchter Timothea (Cate Blanchette) und Lilith (Vicky Kneips). Im Gegensatz zu der vergangenen Storyline ist das Setting hier zwar eher elitär und wohlhabend, doch deswegen ist es nicht minder verklemmt. Eher im Gegenteil. Auch hier begleiten wir einen Nachmittag, bis die Töchter wieder abfahren und wir zur letzten Familie nach Frankreich reisen. Entgegen der anderen Geschichten findet hier kein Besuch statt. Denn die Eltern der Zwillinge Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) sind bereits verstorben. Stattdessen fahren die beiden in die inzwischen leergeräumte Wohnung in Paris und schwelgen in Erinnerungen und dem Glück, einander zu haben. 

Hier wäre eigentlich etwas eingebettet. Du hast aber Embed und Tracking deaktiviert.

Zur Optimierung unseres Angebots nutzen wir Cookies, Google Analytics und Embeds von Seiten wie YouTube, Instagram, Facebook, Spotify, Apple Music und weiteren. Mit dem Klick auf "Jetzt aktivieren" stimmst du dem zu. Mehr Informationen findest du in unserer Datenschutzerklärung.


Während also „Father“ und „Mother“ ein bisschen mit der Verpflichtung spielen, die Eltern besuchen zu müssen, erinnert „Sister Brother“ daran, dass man sich glücklich schätzen kann, überhaupt noch die Chance dazu zu haben. Auch wenn diese Treffen manchmal noch so unangenehm sind. 

Aushalten, konfrontieren und reflektieren

Jim Jarmusch fängt mit diesem Triptychon die Untiefen von familiären Beziehungen ein. Die weirde Stimmung bringt er gekonnt auf die Leinwand. Lässt uns die Stille zwischen dem Smalltalk aushalten. Füllt sie weder mit Musik, noch mit schneller Kameraführung oder vielen Schnitten. Voyeuristisch sitzt man im Kino und muss sich fast zwingen, die Augen auf der Leinwand zu halten und die seltsamen Situationen zu durchleben. Am Ende ist es vielleicht sogar für manch einen erleichternd, in dem Wissen, dass die eigene Familie gar nicht so verkorkst ist. Oder eben, weil man nun weiß, dass andere Familien genauso sind.

In der Ruhe liegt die Kraft!

Das vielleicht Interessanteste an „Father Mother Sister Brother“ ist die Ruhe, mit der der Film arbeitet. Denn Stille wird hier konsequent ausgehalten. Teilweise gibt es minutenlange Aufnahmen von unangenehmen Schweigen, an dem wir einfach nur teilhaben. Es kommt keine Melodie, kein Song, kein Soundeffekt, der das Ganze für die Zuschauenden angenehm gestaltet. Einfach Ruhe. Das schlürfen aus den Teetassen, ein leises Räuspern, der tropfenden Wasserhahn. Mehr ist da nicht. Allgemein verlässt sich der Film auf ein kleines Spektrum an Soundtrack. Ein einziger Song spielt eine größere Rolle und das ist „Spooky“. Dieser ertönt nicht nur direkt am Anfang im Vorspann, sondern wird am Ende auch als Lieblingssong der verstorbenen Mutter der Zwillinge betitelt und fungiert so als eine Art Klammer des Films. 

Ein Triptychon ergibt auch ein Gesamtbild!

Man mag denken, drei einzelne Geschichten könnten dem Spielfilm als Gesamtes einen irritierenden, zusammenhanglosen Charakter verleihen. Doch dem ist nicht im Geringsten so. Narrativ wiederkehrende Elemente und Themen führen als roter Faden durch die Story, der einen neugierig werden lässt, wie bestimmte Momente in den nächsten Geschichten aufgegriffen werden. So bekommt beispielsweise in jedem Akt eine Rolex ihren Gastauftritt und jede Familie unterhält sich in unterschiedlichen Kontexten über Wasser und Drogen. Außerdem schleicht sich in alle drei Storys eine sonderbare Faszination für Skater ein.

Alles in allem schafft Jarmusch hier ein Werk, das mit Witz, Raffinesse und cineastisch beachtlichen Aufnahmen eine leicht melancholische, hier und da unbequeme aber vor allem vielschichtige Wahrheit erzählt, die individuell irgendwo zwischen Father Mother Sister und Brother liegt. Auch die Auszeichnung mit dem goldenen Löwen als „Bester Film“ bei den Filmfestspielen in Venedig ist ein Zeugnis dafür, dass „Father Mother Sister Brother“ definitiv ein Werk ist, welches es sich 2026 anzuschauen lohnt. 



Cover neues DIFFUS Magazin

Das neue DIFFUS Print-Magazin

Titelstory: Ikkimel

Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.