Fünf Dinge, die wir beim Konzert von Oasis in Manchester gelernt haben
1. Ohne Bierdusche geht es nicht
Die Oasis-Reunion ist eine hochemotionale Angelegenheit für alle Beteiligten. Die Wirkung der ersten Akkorde oder der ersten gesungenen Zeilen eines Liam Gallaghers haben einen spürbaren Effekt auf alle Anwesenden. Das konnte ich zwar schon den ganzen Tag über in Manchester sehen, aber erst abends im Heaton Park, als nach dem Intro die Gitarren von „Hello“ durch die Boxen drangen, checkte ich, was das alles so mit sich bringt. Die freundlichen Italiener hinter uns drehten dermaßen durch, dass einer von ihnen glatt vergaß, dass er ein volles Bier in der Hand hielt. Der Effekt: Er springt auf und ab, das Bier schwappt raus und suppt mir in die Haare, den Nacken runter bis in die … na ihr wisst schon. Spätere Bierduschen kamen eher diagonal angeflogen, vor allem bei den schnelleren Oasis-Bangern wie „Bring It On Down“, „Rock’n’Roll Star“ oder „Roll With It“. Aber, so heißt es ja auch im letztgenannten Song: „You gotta roll with it / You gotta take your time / You gotta say what you say / Don’t let anybody get in your way.“ Das gilt auch für tief fliegende Pints, die zum Glück immerhin nur mit Bier und nicht mit Pisse gefüllt waren.
2. Oasis haben mit ihrem Timing und ihrem Set-up alles richtig gemacht
Ich habe mich anfangs wirklich gefragt, ob es diese Reunion eigentlich braucht. Songs wie „Don’t Look Back in Anger“ holte man sich in den letzten Jahren auf Noel-Konzerten, „Rock’n’Roll Star“ und „Champagne Supernova“ gabs bei Liam. Auch der Bruder-Zwist erschien mir ab einem gewissen Punkt ein wenig inszeniert. Wie mein Kumpel Christian einmal sagte: „Die saßen Weihnachten vermutlich immer feixend bei Mutter Gallagher am Wohnzimmertisch und witzelten: ‚Machen wir es kommendes Jahr oder warten wir noch eines.‘“
Am Wochenende musste ich feststellen: Oasis haben mit ihrem Timing und ihrem Set-up alles richtig gemacht. Sie lassen die Fans, die zuerst dabei sein wollen, in ihre Heimat kommen. Sie bringen keine halbgaren neuen Platten raus, sondern spielen die Greatest Hits plus ein paar dieser B-Seiten, für die andere Bands getötet hätten. Looking at you „The Masterplan“ und „Acquiesce“! Und vor allem: Oasis waren so lange als richtige Band weg vom Fenster, dass es einerseits für die alten Fans wirklich eine Sensation ist, sie nach 15 Jahren wieder zusammen zu sehen und die jüngeren Fans andererseits recht lange warten mussten (und vermutlich nicht dran glaubten), um Oasis doch noch live zu erleben. Last but not least: Trotz der Erweiterung der Tour auf ein internationales Level versprechen Oasis nicht mehr als das, was jetzt kommt. Was ja auch bedeutet: Wer diese Chance noch mal nutzen will, wird Haus und Hof verkaufen, um dabei sein zu können. Und wer dabei ist, wird sich dermaßen freuen, dass Oasis schon wirklich richtig scheiße hätten sein müssen, um den Fans die Stimmung zu versauen.
3. Die Fans sind CRAZY – und nicht alle männlich und Ü40
Wo wir schon über die Fans sprechen: Die waren nicht alle männlich, Fred-Perry-beshirtet und über 40 Jahre alt. Männer waren schon in der Überzahl, aber in Manchester war das Verhältnis ungefähr, sagen wir 60 zu 40. Oder na ja, 65 zu 35. Es gab schon viele Dudes in meinem Alter (hüstel, Mitte 40) und älter, die ihr Glück nicht fassen konnten, Oasis NOCHMAL zu sehen – aber es gab auch sehr viele Mittzwanziger, die diese Chance zum ersten Mal bekamen. Neben mir stand zum Beispiel eine Gruppe junger Isländer, die – wie sie mir erzählten – von ihren älteren Geschwistern oder gar den Eltern angefixt wurden. Erst hätten sie die Musik natürlich uncool gefunden, weil man eben nicht das hört, was ältere oder Eltern hören – aber als sie aus diesen Gedanken rausgewachsen waren, hätten sie gemerkt, was für unglaubliche Hymnen diese Lieder sind. Vor mir waren außerdem zwei Teenagerinnen, die immer wieder auf die Schultern ihrer Freunde stiegen und wirklich jeden der 23 Songs mitsingen konnten. Am Tag nach dem Konzert (an dem abends der zweite Gig stattfand) kam ich mit zwei jungen Australiern ins Gespräch. „Wir haben für die Australien-Gigs keine Tickets bekommen – aber dann eben noch zwei für Manchester.“ Klar. Und wie lang fliegt man da so? „Bei uns hat es 30 Stunden gedauert.“ Das ist Commitment! Der kurze Talk fand übrigens statt, als ich auf meinen bereits erwähnten Kumpel Christian wartete – der sich gerade eine Straße weiter das Oasis-Logo auf den Arm tätowieren ließ.
Manchester war am Wochenende sowieso eine einzige Oasis-Party. Jeder Pub, jedes Café, jedes Geschäft, sogar die Supermärkte hatten sich einen Marketing-Gag überlegt. Selbst der Aldi übersetzte als Hommage den Namen in den Manchester-Slang und hieß „Aldeh“. Schon morgens im Pub brandeten die ersten Chöre auf und die Fahrt zum Heaton Park war ein einziges schiefschönes Sangesfest. Als wir in der Schlange zur Tram warteten, ging plötzlich ein englischer Fan auf einen Verkehrspolizisten zu und fragte ihn, ob er sich kurz das Megafon borgen könnte. Der Cop rückte das Ding tatsächlich lachend raus – und der Fan stimmte einmal für alle „Wonderwall“ an. Szenen wie diese gab es immer wieder. Später lagen sich sogar wildfremde Männer in den Armen, als hätten sie gerade ihren verschollen geglaubten Bruder zum ersten Mal seit Jahrzehnten wiedergesehen – eine Metapher, die ja ganz gut zu einer Oasis-Reunion passt.
4. Die Hits von Oasis sind HUGE
Ok, diese Headline klingt ein wenig banal. Aber: Ich muss tatsächlich zugeben, dass ich lange nicht mehr so viele Lieder an einem Abend gehört habe, die dermaßen explodieren, wenn sie auf 80.000 Menschen treffen. Fast alle der 23 Songs wurden so aufgenommen, wie sonst sagen wir mal „Sex On Fire“ bei einem Kings of Leon-Gig oder „Best of You“ bei den Foo Fighters oder „Shake It Off“ bei Taylor Swift. Dabei gab es nicht nur einen Riesenchor – man sah einfach immer wieder Menschen, die sich umarmten, tränenverschmierte Gesichter oder einfach pure, ungezügelte Konzert-Euphorie in all ihren Farben, Formen und Tänzen. Und das erstaunlichste: Selbst frühere B-Seiten der Band haben inzwischen diese Kraft. „The Masterplan“ und das fantastische „Acquiesce“, bei dem sich Noel und Liam die Vocals teilen, sind der beste Beweis dafür.
5. Oasis schämen sich nicht, Geld verdienen zu wollen
Eines muss man an dieser Stelle aber noch mal betonen: Die Tour ist schon auch die Absicherung des Altenteils der Gallagher-Brüder. Und für Fans sind die Konzerte eine kostspielige Angelegenheit. Die Gallagher-Renten sind jedenfalls mehr als sicher – sie sind spätestens nach der Comeback-Tour Millionäre. Auch ihre Merch-Deals und die Kooperation mit Adidas, deren Erfolg man am Publikum absehen konnte, zeigen, dass sie das Ganze extrem gut finanziell aufgesetzt haben. Der Run auf die Tickets wurde ebenfalls abgemolken. Oasis entschieden sich dafür, das „Dynamic Pricing“ von Ticketmaster zu wählen – und taten beim Backlash dann feigerweise so, als hätten sie das nicht gewusst. Beim ersten Gig in Cardiff witzelte Liam dann in Richtung Publikum: „You alright, yeah, [are] we having a good time, yeah? Was it worth the £40,000 you paid for the ticket?“ Kam im Nachgang nicht so gut an …
Den Fehler machte er in Manchester nicht, aber als er „Fade Away“ jenem Arbeiterviertel widmete, in dem er aufgewachsen war – Burnage – raunte so mancher, dass sich viele in Burnage wohl kaum ein Ticket leisten konnten.
Ich will hier auch gar nicht moralisch judgen – für mich war es eines der besten Konzerterlebnisse meines Lebens – aber man konnte eben doch wieder sehen, dass vor allem riesige Konzerte wie diese eine Money Machine sind, die viele Leute ausschließt. Eine Kollegin erzählte mir jedoch, dass sie auf dem Konzert mit einem 16-jährigen Rotzlöffel aus Manchester ins Gespräch gekommen ist. Er hat mit seinen Freunden die Security-Leute ausgetrickst und das Konzert gecrasht. Vielleicht war er ja aus Burnage.
Bonus-Erkenntnis: Ein Bucket Hat hat noch keinen Kopf schöner gemacht
Auch das muss ich hier noch mal loswerden: Ich hatte zwar selbst für exakt ein Foto mal kurz einen Bucket Hat auf, aber diese fürchterlichen Hutmützen oder Mützenhüte haben einfach wirklich noch nie einen Kopf schöner gemacht. Nicht mal den von Liam Gallagher. Sie halten einfach das, was ihr Name verspricht: Mit ihnen wird jeder Kopf zum Eimer. Die Bucket-Hat-Dichte war jedenfalls aufdringlich hoch (und war sogar höher als die Oasis-Shirt-Dichte), aber das lag vielleicht auch einfach daran, dass die Band höchstselbst aufgrund des brutal sonnigen Wetters befohlen hat: „WEAR A (BUCKET) HAT.“
Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: SSIO
Außerdem im Heft: Interviews mit badmómzjay, t-low, Magda, Paula Engels, fcukers, Betterov uvm. Außerdem große Reportagen über Kneipenkultur, Queer Rage und Essays!