Grönländische Indie-Rock-Band Nanook im Interview: „Wir haben unsere eigene Stimme”
Grönland – die größte Insel der Welt – flog in der Vergangenheit medial und musikalisch eher unter dem Radar. Dabei schlummern auf der Insel viele musikalische Talente – praktisch in jedem Ort. So auch die Band Nanook. Gegründet von den beiden Brüdern Christian und Frederik Elsner im Jahr 2008 zählt die Pop-Rock-Band bis heute zu einer der beliebtesten und bekanntesten Bands auf Grönland. Der Bandname „Nanook“ lässt sich übrigens mit „Eisbär“ übersetzen. Nanook ist dabei außerdem auch der Name eines mythologischen grönländischen Bärs; der König, heißt es manchmal auch. Während die Bandbesetzung sich über die Jahre hier und da mal verändert hat, behielten Nanook immer ihren musikalischen eigenen Sound bei. Ein Mix aus Indie, Rock und Pop. Mit ihren sanften Gitarren und dem eingängigen Gesang ihrer Muttersprache hat sich die Band in die Herzen ihrer Fans gesungen. Inzwischen zählen die Musiker schon fünf Studioalben.
Zuletzt veröffentlichte die Musikgruppe im Mai 2023 ihr „Ilutsinniit Apuussilluta“-Album. Sowohl in ihrem Sound als auch in den begleitenden Musikvideos geben Nanook dem Einfluss ihrer Kultur und ihrer Herkunft den nötigen Raum. So zeigt beispielsweise das Video zum Song „Nanook“ Eisbären, Gletschereis und eine Band, die sich auf der Insel zuhause und wohl fühlt. Doch Nanooks Musik ist mehr als nur Pop-Rock aus dem Norden – sie ist Ausdruck grönländischer Identität in einer Zeit, in der andere Mächte zunehmend Anspruch auf die Insel erheben.
Geopolitisches Interesse an Grönland
Doch während Nanook Grönland seit Jahren eine musikalische Stimme geben, steht die Insel aktuell aus ganz anderen Gründen im Rampenlicht. Nicht ihre Musikszene, sondern geopolitische Interessen rücken das Land in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Während der US-amerikanische Präsident Donald Trump immer wieder offen davon spricht, Grönland annektieren zu wollen , blickt auf einmal die ganze Welt auf die eisige Insel. Denn Grönland liegt strategisch sehr günstig zwischen Nordamerika, Europa und der Arktis. Die USA haben dort beispielsweise schon lange eine Militärbasis, die für Raketenwarnsysteme und Weltraumüberwachung wichtig ist. Der Streit um die ehemalige Kolonie Dänemarks – mittlerweile verwaltet Grönland sich selbst und zählt als autonomes Gebiet – spitzt sich nun aber immer weiter zu, seitdem Trump damit droht, Grönland zu kaufen und Handelszölle gegen europäische Länder zu verhängen, falls Dänemark nicht einlenkt. Außerdem hinken die USA, wenn es um die Vorherrschaft in der Arktis geht den Konkurrenten Russland und China hinterher, die bereits seit einiger Zeit an der Erschließung der Arktisregion und der Rohstoffförderung arbeiten. Zuletzt rührt Trumps Gier nach Grönland neben den wirtschaftlichen Interessen vermutlich vor allem der simplen territorialen Erweiterung. Also kurz gesagt: Grönland ist von einem abgelegenen Eisbrocken zu einem geopolitischen Hotspot geworden.
Kulturelle Selbstbestimmung auf Grönland
Seitdem Grönland 1953 offiziell als gleichberechtigter Teil in das Königreich Dänemark integriert wurde, hat das Land schrittweise auch mehr Autonomie bekommen. Aber die Insel ist bis heute von finanziellen Zuschüssen aus Dänemark abhängig, was besonders die indigene Bevölkerung Grönlands belastet. Trumps Drohungen sorgen nun für Empörung, Angst und Ablehnung und lassen Grönländer:innen – und damit auch Künstler:innen wie Nanook – mehr als Ware denn als selbstbestimmtes Volk behandelt fühlen, wie Interviews mit dem BBC und der New York Times zeigen.
Zeiten, in denen ein Präsident andere Länder einnehmen will, erinnern dabei auch an die Unterwerfungen der Kolonialzeit – also eine Zeit, die auch Grönland erlebt hat. Gerade in Zeiten, in denen Grönland wieder ein Objekt politischer Interessen wird, gewinnt die Frage nach kultureller Selbstbestimmung an Bedeutung. Nanook gehören zu den Künstler:innen, die dieser Entwicklung eine eigene Stimme entgegensetzen. Die Band hat mit uns über ihre Musik, grönländische Identität und ihre Perspektive auf Politik gesprochen.
Wenn Grönland plötzlich weltweit Schlagzeilen macht, ändert das dann eure Sichtweise auf die internationale Rolle eurer Musik?
Nanook: Natürlich bekommen wir im Moment viel mehr Aufmerksamkeit von Journalisten, und unsere Texte werden oft analysiert. Auch wenn wir versuchen, keine politische Band zu sein, haben wir natürlich unsere Meinung. Heute, wo alle Augen auf Grönland gerichtet sind und wir als Band unser Land oft außerhalb Grönlands vertreten, denken wir mehr über unsere Rolle nach und versuchen immer, die Wahrheit über unser Land zu zeigen. Dass wir hier oben echte Menschen mit einer echten Geschichte sind, die sich sehr mit ihrer kontrastreichen Heimat verbunden fühlen. Wir haben eine einzigartige Sprache und sind sehr stolz darauf, in unserer Muttersprache zu singen. Wir sehen, dass eine unserer Aufgaben darin besteht, eine Art Botschafter für Grönland zu sein.
Eure Lieder sind stark in der grönländischen Identität und Sprache verwurzelt – wird dies durch die zunehmende weltweite Aufmerksamkeit noch wichtiger?
N: Ja, sehr sogar. Unsere Identität als Volk und die Bewahrung unserer Sprache und Kultur sind einer der Hauptgründe, warum wir nicht auf Englisch singen. Die weltweite Aufmerksamkeit verstärkt dieses Gefühl, wie wichtig diese Dinge sind, nur noch. Vor allem, weil die Erzählung über das grönländische Volk immer von uns in Grönland kommen sollte und nicht von irgendwo anders, wo man manchmal sehen und hören kann, dass es eine ganz andere Agenda als die Wahrheit gibt.
Glaubt ihr, dass Musik Perspektiven bieten kann, die in den Schlagzeilen der internationalen Berichterstattung über Grönland in den Medien oft fehlt?
N: Ja, und oft kann Musik mehr bieten als nur eine Schlagzeile. Durch die Metaphern und tiefere Bedeutungen von Songs kann man viel mehr über Grönland und seine Menschen erfahren. In Grönland sind wir nicht so reich an Filmproduktionen und Filmen – wenn man 40 bis 50 Jahre zurückblickt, gibt es nicht viel Material. Aber in der Musik haben wir mehr als 600 bis 700 Produktionen erhalten. Seit den frühen 70er Jahren haben wir einiges an Material, das viel Geschichte erzählt. Diese Perspektiven stammen von den Menschen, die durch Kunst und Musik erzählt werden, und das ist einfach wunderschön und auch sehr wichtig.
Wenn ihr den internationalen Zuhörern, die gerade grönländische Musik hören, eine Botschaft mitgeben könntet, was würdet ihr ihnen über Grönland vermitteln wollen, das über die Schlagzeilen hinausgeht?
N: Ich halte es für sehr wichtig, dass Menschen weltweit, zunächst verstehen lernen, wer wir als Volk hier oben sind. Das Land befindet sich noch immer in einer Phase des Wandels, und das Wichtigste dabei ist, dass wir in Grönland selbst über unsere Zukunft entscheiden wollen – in unserem eigenen Tempo und mit unseren eigenen Entscheidungen. Wir haben unsere eigene Stimme, die wir durch Kunst und Musik zum Ausdruck bringen.
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