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„Hamnet“: Ein theatralisches Kinoerlebnis à la Shakespeare

Posted in: Features
Tagged: Max Richter

Sein oder nicht sein? Das ist hier die Frage!“ Es ist vielleicht eines der bekanntesten Zitate, die das Theater jemals hervorgebracht hat. Doch was bewegte William Shakespeare seinerzeit zu dieser philosophisch tiefgreifenden Zerrissenheit? Tausende Jahre später gibt Maggie O’Ferrall in ihrem Roman „Hamnet“ (2020) darauf eine – immerhin semi-fiktive – Antwort. Und eben dieses Buch findet Anfang dieses Jahres seinen Weg auf die Leinwand. Regisseurin Chloé Zhao (Nomadland, 2020) gelingt es, die herzzerreißend schöne Geschichte bildlich einzufangen. Dabei besticht sie nicht nur durch Szenografie und Soundtrack, sondern auch durch die reine Katharsis. Doch dazu später mehr!

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„Hamnet“ nicht „Hamlet“ 

Die Wortähnlichkeit zwischen „Hamnet“ und Shakespeares „Hamlet“ liegt natürlich auf der Hand. Hamnet (Jacobi Jupe) lautet der Name von Williams Sohn, der in dem Drama nicht nur zum Titelhelden wird, sondern auch Shakespeares Inspiration für „Hamlet“ ist. Grob gesagt geht es in dem Film nämlich um den Entstehungsprozess des Theaterstücks „Hamlet“. Zugegebenermaßen ist das viel zu kurz gegriffen. Eigentlich erzählt „Hamnet“ eine Liebesgeschichte. Eine Familiengeschichte. Und – wie könnte es anders sein – eine Tragödie. Im Zentrum der Handlung steht nicht mal unbedingt Shakespeare (Paul Mascal) selbst. Während William nämlich in London ist, um seinen Traum als Dramatiker zu verfolgen, bleiben wir als Zuschauende bei seiner Frau Agnes (Jessie Buckley) und den Kindern auf dem Land. Agnes, eine naturverbundene, willensstarke Frau, unterstützt ihren Mann, der sich trotz der Distanz als liebevoller Partner und Vater beweist. Doch dann wird die Familie von einem Schicksalsschlag heimgesucht und auf eine harte Probe gestellt.

Katharsis: Die Reinigung der Seele 

Es geht also um das, worum es bei Shakespeare in den meisten Fällen geht: Liebe, Leidenschaft, Leben und Tod. Es ist ein Drama par excellence. Die ganze Quintessence einer Tragödie besteht immerhin darin, den Zuschauenden einen besseren Menschen vor Augen zu führen, der aus guten, ehrenhaften Absichten in Verstrickungen gerät und tragisch scheitert. Und mit Hamnet bekommen wir auch genau diesen Charakter geliefert. Das Mitgefühl, das wir ihm gegenüber im Lauf der Geschichte verspüren, bewirkt dann die Katharsis – also die Reinigung der Seele. Zumindest wenn man Aristoteles’ Theater-Theorien glauben schenken will. 

Die Nähe zum Theater fängt Chloé Zhao in einer so subtilen Raffinesse ein, dass es einigen beim Schauen vielleicht nicht mal zwingend bewusst wird. Lange, stille Aufnahmen in Zentralperspektive verwandeln die Leinwand in eine Bühne. Den Kinosaal, in ein Theater. Die Distanz zwischen Schauspiel- und Zuschauerraum scheint geradezu obsolet. Sämtliche Emotionen werden über die grandiose Schauspielkunst der Darstellenden vermittelt. Und über den Soundtrack, der den ruhigen Bildern eine Wucht verleiht, die ohne Worte verstehen lässt, sodass wir jede Emotion am eigenen Leib mitzuerleben scheinen. Dass der Film mit dem Golden Globe als „Bestes Filmdrama“ ausgezeichnet wurde, ist also in unseren Augen nicht verwunderlich!

Die Musik von „Hamnet“: Emotion, Atmosphäre, Voraussagung 

Wen wundert es aber? Immerhin war Max Richter („Maria Stuart, Königin von Schottland“, 2018) für die musikalische Untermalung verantwortlich. Dass „Hamnet“ mit erstaunlich wenig Dialoganteil auskommt und viel mehr von der Harmonie aus Bild und Ton lebt, ist letztlich auch ihm zu verdanken. Richter gibt den einzelnen Schauplätzen, Gefühlen und Personen Melodien, die tiefgreifende Emotionen erwecken. Der Wald scheint plötzlich nach uns zu rufen, Shakespeares kreative Passion in uns zu kitzeln, und ein einziger Ton, vermag, leise Tränen über die Wangen laufen zu lassen. Mit diesem Werk beweist Richter einmal mehr seine einmalige Handschrift in Ambiente und kammermusikalischen Instrumentalisierung.

Paul Mascal („Normal People“, 2020; „Gladiator II“, 2024) und Jessie Buckley („Judy“, 2019; „Rome & Juliet“, 2021) verkörpern William und Agnes darüber hinaus so gekonnt, dass wohl Shakespeare selbst nichts daran auszusetzen gehabt hätte. Aber nach ihrer Rolle als Julia in der Verfilmung von „Romeo & Julia“ von 2021 ist Jessie Buckley immerhin auch kein neuer Name im Shakespeare Universum und den Golden Globe als „Beste Hauptdarstellerin in einem Drama“ für „Hamnet“ hat sie allemal verdient. Paul Mascal kündigte wiederum an sich nun für seine Rolle als Paul McCartney im kommenden Beatles-Film zurückzuziehen. Die Vorfreude auf anstehende Filmhighlight steigt also. Solange schwelgen wir noch in der bittersüßen Nachwirkung von „Hamnet“. Ein atemberaubender Film, der mit seiner leisen, ruhigen Erzählweise mehr als überzeugt. Was bleibt also zu sagen? „Der Rest ist Schweigen”!

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