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Hauptsache Real Talk: Flavio liefert Trap mit Message

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Wer dieser Tage ein gutes Gespür für den Deutschrap-Untergrund hat, weiß schon längst: Flavio ist up next. Mit einem frisch unterzeichneten Major-Deal in der Tasche startet er mit der Single „Muskel“ ins neue Jahr und zeigt, dass er 2022 große Pläne hat. Dabei ist Flavio längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Seit 2020 ist der sardisch-deutsche Rapper auf seinem Grind und hat in dieser kurzen Zeit bereits zwei längere Projekte veröffentlicht. Seine Texte klingen wie ein Augenzeugenbericht aus der Heimat Gelsenkirchen, Real Talk von den Straßen der ärmsten Stadt Deutschlands. Mit einer beachtlichen Intensität und Echtheit fließen Flavios Worte über wuchtige Piano-Beats und schicken uns auf einen Trip in ein Leben zwischen Batzen, Kopfficks und Knast. Wir stellen euch den Newcomer vor. 

Der neue Haftbefehl?

Zu Beginn der letzten Dekade tauchte ein junger Rapper in der deutschen Hip-Hop-Szene auf und erklärte Fans und Kolleg:innen gleichermaßen, was Chabos und Babos sind. Haftbefehl war ein absolutes Unikat im Deutschrap der frühen 2010er, ein schwarzes Schaf in einer Herde aus Silbenzählern und Reimfetischisten. Auf all das gab Haftbefehl rein gar nichts, stattdessen inspirierte ihn der fließende Sound der französischen Nachbarn und das Geschehen auf den Straßen seiner Heimat Frankfurt am Main. Mehr als zehn Jahre nachdem Haftbefehl die ersten Schritte seiner Karriere getan hat, gibt es ein neues Gesicht, das nun in seine Fußstapfen treten könnte: Flavio.

Seinen Namen hat sich der Rapper aus Sardinien, der Heimat seiner Familie, mitgenommen, aufgewachsen ist Flavio aber in Gelsenkirchen. Eine Stadt, die abgesehen von den zeitweisen Erfolgen des FC Schalke vor allem graue Straßen und eine immense Armut vorzuweisen hat. In diesem Umfeld wächst Flavio heran, auf einer Bahn, die nicht immer gerade verläuft. Aber während viele Freunde im Knast landen, kommt Flavio nie ganz vom Weg ab. Stattdessen findet er ein Ventil, mit dem er seine Erlebnisse im Straßendschungel ausdrücken kann: Rap. Das führt ihn 2018 zu Veröffentlichung seiner ersten Single „Nitro Freestyle“. Der Song ist bei den Fans bis heute einer der beliebtesten in Flavios Diskographie und mischt Deutsch und Italienisch auf einem wavy Trap-Beat.

Flavio – Nitro Freestyle

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Atlanta statt Berlin

Es folgen zwei Mixtape-Projekte, „Horster Str. 20“ und „Jungle Product“. Die Geschichte vom Kind aus dem Dschungel zieht Flavio dabei konsequent durch. So eröffnet er „Horster Str. 20“ gänzlich ohne Beat mit folgenden Zeilen: „Ich komm’ aus dem Dschungel. Turbulente Konsequenzen. Das Glück ist hinter dem Berg. Leiden. Ich mal’ dir ein Bild.“. Bei anderen Rapper:innen würden diese Worte vielleicht nach Kalenderspruch-Material klingen. Flavio lebt aber tatsächlich danach und lässt uns mit jedem Song an seiner Realität teilhaben. Er kennt die kriminellen Machenschaften auf der Straße, hat aber gleichzeitig seine Prinzipien, die er vehement vertritt: Glauben, harte Arbeit und Respekt spielen eine wichtige Rolle für Flavio.

Seine beiden Mixtapes nutzt Flavio um seinen Sound zu finden und an seinem eigenen Rap-Style zu schleifen. Auf „Jungle Product“ und „Horster Str. 20“ wechseln sich melancholische Gitarren-Samples mit Piano-Trap, immer modern, immer am Zeitgeist oder schon einen Schritt weiter. Musik und Flow klingen dabei so gar nicht nach Gelsenkirchen und auch die angesagte Berliner Wave scheint keine Inspiration zu sein. Stattdessen schwingt in Flavios melodischen Autotune-Flows ein Hauch Atlanta, Paris, Mailand mit – denn die europäischen und transatlantischen Nachbarn haben es eben einfach drauf, wenn es darum geht, Gefühl über Kopf zu stellen.

Flavio 2.0

Im vergangenen Jahr ist Flavio nun in ein neues Kapitel seiner Karriere übergegangen. Mit „100“, „Wim Hof“ und „Gegengift“ präsentierte der Rapper auf drei Singles eine neue, gereifte Version seiner selbst. „Wim Hof“ kommt mit seinem treibenden Klavier-Beat ganz wie ein deutsches Pendant zu Pooh Shiestys „Back In Blood“ daher. Dazu kommen die hungrigen Lines von Flavio, die auch den letzten Faulpelz zu einem Satz Liegestützen motivieren: „Instagram, gib mal ein’n blauen Check / Bruder kocht mit Pyrex in ein‘ Lab / Habe Hunger, ich werde up next / Werde skinny, ich bin in mei’m Shred“.

Flavio – Wim Hof

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Der anfängliche Haftbefehl-Vergleich greift dabei mit jedem neuen Song ein Stückchen mehr. Zugegeben, klanglich haben die beiden Künstler wenig bis gar nichts gemeinsam. Aber ähnlich wie der Azzlackz-Chef aus Offenbach findet Flavio seine ganz eigenen Flows und spittet diese mit einer Selbstverständlichkeit und Sicherheit, die beeindruckend ist. Jede Zeile hat so viele Worte und Silben, wie es für Flavios Message braucht – egal, wie viel eigentlich in den Takt passt. Gleichzeitig nutzt er ein ganz eigenes Vokabular und mischt Slang mit religiösen Motiven: „Lebe Real Life, ich kleb’ nicht an mein‘ Mobil / Bruder ist weg von haram und ich lob’ ihn“. Untermalt werden Flavios Zeilen durch seine stimmigen Musikvideos, die von Van Doorn umgesetzt werden. Der Regisseur taucht Flavio in sandig-beige Farben und lässt uns nur ein vages Bild vom unnahbaren Jungen mit Gesichtsmaske und Armani-Jacke erhaschen.

Flavio – Gegengift

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Der neueste Streich in Flavios Diskographie nennt sich „Muskel“ und stellt gleichzeitig sein Major-Debüt bei Atlantic Records dar. Tatsächlich ist auch die Entstehungsgeschichte des Songs eng mit seinem Signing beim Warner-Ableger verknüpft: „Ich hatte für den Mittag einen Termin mit Atlantic Germany. Ich wusste nicht, ob ich pünktlich sein würde, weil ich davor zum Gericht musste. Ich kam Gott sei Dank früher nach Hause als gehofft und dachte mir, ich habe noch ‘ne Stunde Zeit, um was aufzunehmen. In dieser Stunde entstand der Song.“. Begleitet von stimmigem Klavier packt Flavio ein mal mehr seine Seele auf den Beat und erzählt. Von falschen Freunden und Partnerinnen, von Abhängigkeiten, vom Schalke-Wahnsinn in Gelsenkirchen. Immer wieder geht es aber auch um seine Familie und Lektionen, die ihn seine Vergangenheit gelehrt hat: „Sah meine Mutter zerbrechen an Männern, seitdem hab ich vor allen Frauen Respekt“

Flavio – Muskel

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Flavio ist reflektierter, als man es von Typen in seinem Alter und ehrlich gesagt auch von vielen älteren Szenekolleg:innen gewohnt ist. In seiner Vergangenheit verbergen sich viele Details, die den jungen Rapper immer wieder einholen. Trotzdem steht Flavio zu seiner Laufbahn und ihren Schattenseiten. „Was soll ich sagen, meine Lebensgeschichte ist vielleicht nicht die beste / Hast du mal überlegt, dass es vielleicht daran liegen könnte, dass sie echt ist?“, rappt Flavio auf „Muskel“ und bringt es damit eigentlich auf den Punkt. Denn genau diese kurvenreiche Lebensgeschichte ist es, die den Rapper aus Gelsenkirchen so besonders macht und von der wir 2022 unbedingt mehr hören wollen. 

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