Joji – Vom Internet-Meme zum ambitionierten Musiker
Es ist heute keine Seltenheit, dass Youtuber neben ihrer Karriere auf der Video-Plattform noch weitere kreative Ausdrucksformen für sich nutzen. Man veröffentlicht Bücher, Modekollektionen oder, besonders beliebt: eigene Musik. Oft scheinen solche Entscheidungen aber vor allem von kommerziellen Interessen getrieben zu sein – nicht so im Fall von Joji. Seine Geschichte beginnt im japanischen Osaka, wo er mit dem bürgerlichen Namen George Miller geboren wird. Nach seinem Abschluss treibt es den damals 18-jährigen nach New York. Dort geht er einen Schritt, der sein gesamtes weiteres Leben prägen sollte: Er eröffnet den Youtube-Kanal „TVFilthyFrank“ und beginnt, Comedy-Videos hochzuladen. Am besten beschreiben kann man diese wahrscheinlich mit Attributen zwischen „abstrakt“ und „irre“ und obwohl der Humor nicht jedermans Sache ist, versteht sich George Miller auch auf viralen Content: 2013 stiftet er die ganze Welt zum „Harlem Shake“ an. Das Original-Video wurde bis heute von 62 Millionen Menschen gesehen und zahlreich nachgeahmt, wobei wohl die wenigsten den Mann im pinken Ganzkörper-Anzug als Joji erkennen.
Do The Harlem Shake
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Die Rolle als „Pink Guy“ findet sich neben anderen Charakteren wie Chin Chin, Salamander Man und natürlich Filthy Frank auch in seinen Comedy-Videos wieder. Als Pink Guy veröffentlicht George Miller außerdem schon früh eigene Musik, die den schrägen Internet-Humor der damaligen Zeit genau trifft. Selbstironie und Over-The-Top-Texte über japanisches Essen und Nickelodeon treffen auf wuchtigen Trap und EDM. Dass George tatsächliches künstlerisches Potential hat, scheint hier schon durch, aber der Meme-Faktor ist vorerst oberste Prämisse. Georges Musik wirkt damals wie ein internationales, edgy Pendant zu Y-Titty – und bringt auf Grund des massiven Internet-Kults rund um Filthy Frank Klicks in Millionen-Höhe.
Pink Guy Cooks Fried Rice And Raps
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Aber der Höhenflug kann nicht ewig so weitergehen. 2017 veröffentlicht George ein Video, in dem er sich erstmals vorstellt, sein wahres Ich, ganz außerhalb seines Charakters. In einem ehrlichen Monolog berichtet er davon, wie sehr ihm der Stress rund um die Filthy Frank-Show zusetzt und der Fakt, dass seine Zuschauer ihn nur als überdrehte Rolle kennen. Dieser Umstand und die Arbeit, die mit dem Kanal verbunden ist, führt sogar zu Krampf-Anfällen und letztendlich dazu, dass er beschließt etwas kürzer zu treten – eine Pause, die zum Ende wird. Aber es heißt nicht umsonst, dass sich eine Tür öffnet, wenn sich die andere schließt: Im selben Jahr veröffentlicht George mit „Pink Season“ noch ein letztes Album in seiner geliebten Hampelmann-Rolle. Viel wichtiger ist aber, dass außerdem ein zweites Projekt erscheint, die EP „In Tongues“. Auf dem Cover sehen wir George unter Wasser, von schweren Ketten umschlungen – erstmals als Joji, ohne pinken Anzug. „In Tongues“ ist Jojis seriöses Musikdebüt, zumindest wenn man verstreute Soundcloud-Relikte und das inoffizielle „Chloe Burbank“-Projekt aus dem Vorjahr ausklammert. Beide EPs durchzieht eine musikalische Handschrift und Vision, die zeigt, dass Jojis Entscheidung zum Neuanfang nicht von ungefähr kommt. Erstmals kann sich der damals 25-jährige gänzlich verwirklichen, ohne den Zwang zur Comedy, der ihn wie die Cover-zierenden Ketten eingeengt hat. Fallen all die Memes weg, hören wir von Joji atmosphärischen Lo-Fi-Trap, vermählt mit melancholischem R&B: Wuchtige Beats voller Rauschen und organisch-schnalzender Perkussion, verirrte Klavier-Töne und Schichten von Jojis hallendem Wehgklagen. Dazu kommen anspruchsvolle Videokonzepte wie im Fall von „Demons“, die beweisen, dass Joji nach mehr als einem neuen kommerziellen Standbein sucht.
Joji – Demons
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Die Fans trauern Filthy Frank bis heute nach, aber auch als Joji findet George schnell eine massive Anhängerschaft. Schon „In Tongues“, sowie das folgende Debüt-Album „Ballads 01“ – erscheinen auf dem Label 88Rising, das es sich zum Auftrag gemacht hat, Brücken zwischen amerikanischer und asiatischer Pop-Kultur zu schlagen. Hier veröffentlicht auch Rich Brian, ehemals bekannt als Rich Chigga, seine Musik, er wird schnell zum guten Freund und musikalischen Kollaborateur für Joji. Während das Solo-Projekt „Ballads 01“ die Nische, in der schon die erste EP beheimatet war, weiter ausbaut, versucht sich Joji im Kreis seiner Label-Kollegen an Pop-Musik mit mehr Mass-Appeal. 2018 veröffentlicht man die gemeinsame Compilation „Head in the clouds“, konzipiert wie ein Sommer-Soundtrack, zu dem Joji unter anderem eine Hook für den leichtfüßigen Brockhampton-Klon „Midsummer Madness“ beiträgt.
88Rising – Midsummer Madness
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Auch der Nachfolger „Head in the clouds II“ aus dem vergangenen Jahr wartet wieder mit einer ähnlichen Palette aus sommer-tauglichen Pop-Tunes auf. Parallel zu diesen kollaborativen Songs tut sich bei Joji aber einiges. Nach seinem Debüt-Album meldet sich Joji mit „Sanctuary“ zurück, einer Single, die genau schräg, wie auch spektakulär ist. Das Video hinterlässt uns beim ersten Anschauen mit hochgezogenen Augenbrauen und erklärt sich erst nach und nach: Das trashige Setting erinnert an Retro-Futurismus à la „Star Trek“, denn Joji ist Kapitän eines eigenen Raumschiffs. Nachdem der große Widersacher der Crew besiegt ist, verfällt er und mit ihm die gesamte Besatzung in Depression und Lethargie. Einer seiner Untergebenen kann diesen Anblick nicht ertragen, er begeht einen Mord und flieht anschließend vom Schiff – eine Art Opfer, denn nun hat Joji einen neuen Kampf, der ihn beschäftigt und in den letzten Sekunden des Videos stiehlt sich ein Lächeln auf seine Lippen. Die Visualisierung wirkt skurril, trotzdem passt die Weltraum-Atmosphäre sehr gut und trägt sich auch musikalisch durch den Song. Der minimalistische Beat lebt von elektronischen Synthesizer-Sounds und öffnet sich mit der großartigen Chor-Hook in schwerelose Weiten: „If you’ve been waiting for falling in love, babe, you don’t have to wait on me“
Joji – Sancturary
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Gerade die Chor-Passagen zeigen, wie weit Joji stimmlich von seinen anfänglichen Darbietungen gereift ist. Aber auch stilistisch scheint er sich immerwieder neu zu erfinden und zu überbieten, denn mit seinem neuesten Song „Run“ landete Joji vor wenigen Wochen seinen bisher vielleicht besten Song und enthüllt ungeahnte künstlerische Ambitionen. Der atmosphärische R&B-Trap-Mix aus seiner Anfangszeit war mit Sicherheit „für einen Youtuber“ schon wirklich gut, aber noch recht formlos und generisch. Und auch den poppigen Songs mit den Kollegen von 88Rising fehlte es an Alleinstellungsmerkmalen, die sie vom übrigen Radio-Sound hervorhoben. Mit „Sanctuary“ zeigte Joji eine gänzlich neue Reife, die er mit „Run“ nur noch weiter untermauert. Dabei hat die Single wenig vom Sci-Fi-Flair ihres Vorgängers, stattdessen: Morbider Goth-Rock-R&B. Statt Synthesizern dominieren vor allem düstere Gitarren den Song, ganz zu schweigen von Jojis theatralischem Gesang. Dieser klingt definierter denn je und führt nur noch ein weiteres Mal die Enwicklung seit seinen ersten Songs vor Augen. Jojis Wehklagen war damals noch versteckt hinter Effekten und in der Abmischung vergraben, hier erstrahlt es mit einer ganz unkitschigen Dramatik und Leidenschaft. Die Stimme klettert in Höhen, die man ihm zuvor vielleicht nicht zu getraut hätte und bildet einen spannenden Kontrast mit den schweren Gitarren. „Run“ klingt gänzlich losgelöst von „Sanctuary“, gemeinsame Nenner gibt es aber mit dem wohl platzierten Chor-Einsatz sowie dem Video-Setting, denn das Ende enthüllt: Wir befinden uns immernoch im Raumschiff und können uns wohl auf eine größere, übergreifende Handlung gefasst machen.
Joji – Run
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Das ist der aktuelle Stand, wenn es um die außergewöhnliche Karriere von George Miller aka Filthy Frank aka Joji geht. Vom edgy Internet-Troll zum etablierten Musiker mit eigener Handschrift hat er einige Stationen durchlaufen und sich dabei nie für den einfachsten Weg entschieden. Von Anfang an war klar: Jojis Musik ist kein weiteres Kommerz-Produkt, um Zuschauern im Teenager-Alter das Geld aus der Tasche zu ziehen. Und selbst jetzt, wo er doch seinen Sound nach zwei Solo-Projekten gefunden zu haben schien, scheut sich Joji nicht alles umzukrempeln und mit „Run“ einen Song zu veröffentlichen, der zwar Hymnen-Charakter hat, aber dennoch viel zu nischig und speziell für die breite Masse ausfällt. Das erfordert Mut, Ambition und künstlerische Vision – Eigenschaften, die Joji nun endgültig unter Beweis gestellt hat und die uns hoffen lassen, dass er gerade erst anfängt.
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