K-Pop-Band ARTMS: „Wir haben toughe Zeiten durch, aber jetzt schreiben wir unsere eigene Geschichte.“
HeeJin, HaSeul, Kim Lip, JinSoul und Choerry sitzen natürlich in voller Bandstärke vor der Kamera. Das macht man in diesem Game so: Während sich bei Indie- und Rockbands oft nur die Sänger:innen oder Songschreiber:innen vor die Mikros setzen, sind im K-Pop meist alle Member am Start. Wenn K-Pop-Bands überhaupt mal längere Interviews außerhalb von TV- und Radioformaten geben.
Gespräche wie dieses, bei dem wir fast eine Stunde Zeit mit ARTMS haben, sind bis heute eher rar gesät. Viele K-Pop-Bands haben es gar nicht unbedingt nötig, intensiv mit der Musikpresse zu sprechen: Sie haben ihre eigenen Variety-Show-Formate, reden über Plattformen wie Weverse direkt zu den Fans und die Big Player im K-Pop wie BTS, Blackpink, Stray Kids oder Twice werden eh nur bei den größten Medien vorstellig.
Dazu kommt oft auch eine Skepsis von beiden Seiten: Viele große europäische und amerikanische Medien haben immer noch nicht geschnallt, das K-Pop kein Teenie-Ding ist. Oder sie pflegen das Vorurteil, hier habe man es mit seelenloser Industriemusik zu tun. Das spüren auch die K-Pop-Produktionsfirmen und sind entsprechend vorsichtig oder restriktiv. Und dann wäre da natürlich noch die Sprachbarriere: Die wenigsten K-Pop-Idols fühlen sich im Englischen so sicher, dass sie ein ganzes Interview in dieser Sprache bestreiten wollen. Also gibt es – wie auch bei diesem Gespräch mit ARTMS – ein munteres Englisch-Koreanisch-Ping-Pong mit Übersetzer, bei dem auch mal fünf Minuten zeitversetzt über einen lustigen Spruch gelacht wird.
Von Korea, nach Amerika, nach Europa
Aber die Vibes sind gut. Die fünf ARTMS-Member haben gerade den US-Part ihrer „Grand Club Icarus“-Welttournee hinter sich, die starke EP „Club Icarus“ im Rücken und offensichtlich Lust auf das Gespräch. Alle fünf kommen mal zu Wort, und HeeJin grinst gelöst, als sie den bisherigen Teil der Tour so zusammenfasst: „Wir waren vorher recht lange nicht mehr auf Tour und hatten Angst, vielleicht ein wenig aus der Übung zu sein. War dann aber gar nicht so. Wir haben uns gut vorbereitet. Es wurde also niemand verletzt, wir hatten ziemlich Spaß und die Tour in den USA lief sehr erfolgreich für uns.“ Jetzt freue man sich auf die deutschen Fans unter den OURII – so heißt das offizielle Fandom. Der Name setzt sich zusammen aus dem jeweils fünften Buchstaben der Namen der Fünf.
Schon 2024 waren ARTMS live in Deutschland zu sehen, deshalb wissen sie, dass auch hier eine treue Fanbase wartet. JinSoul meint: „Die Fans in Europa sind manchmal ein wenig schüchterner als die amerikanischen, aber sehr lieb.“ Und Choerry ergänzt: „Ich finde, unsere europäischen Fans sind auf ganz besondere Weise wertschätzend. Sie applaudiere und jubeln, als wollen sie uns ermutigen, auf unserem Weg zu bleiben. Deshalb spiele ich sehr gerne bei euch.“
Das Debüt als „Virtual Angels“
ARTMS debütierten offiziell im Mai 2024 mit dem Album „<Dall>“ und der Leadsingle „Virtual Angel“. Elf Songs sind drauf, die zwar manchmal ein wenig zu glatt produziert sind (was bei K-Pop-Girlgroups oft passiert), dabei aber vielen spannenden Ideen nachgehen. Da ist zum Beispiel das erst sehnsüchtig und dann euphorische klingende „The Hitchhiker’s Guide To The Galaxy“, in dem es nicht um die Nummer 42 oder um lebensrettende Handtücher geht, sondern um einen intergalaktischen, romantischen Lockruf. „Birth“ wiederum ist ziemlich dark geraten, mischt schwermütige Streicher und Klavierparts mit atmosphärischen Beats, die immer wieder das Tempo wechseln. Vor allem in Verbindung mit dem Video, das sich ebenfalls visuell in dunkle Regionen traut, zeigen ARTMS hier eine spannende Seite.
Die Leadsinge „Virtual Angel“ ist ebenfalls interessant: Engel, oder besser gesagt gefallene Engel, sind ein wiederkehrendes Motiv in der ARTMS-Lore. „I’ll be there for you when your wings break“ ist eine Schlüsselzeile des Tracks. In „Virtual Angel“ spielt die Band lyrisch und visuell mit einem Thema, das im K-Pop eigentlich eher negativ belegt ist: parasoziale Beziehungen zwischen den Idols und ihren Fans. Im Clip sieht man mit ARTMS-Logos tätowierte Fans, die sich an den Bildschirmen verzehren, um ihren Idols nahe zu sein. Zugleich wird die Band im Video in einer überkünstlichen Ästhetik gezeigt, die Fragen aufwirft, ob die fünf überhaupt real existierende Wesen sind – und ob das nicht am Ende egal ist, wenn ihre Musik und ihre virtuelle Präsenz diesen jungen Fans im Clip helfen.
Eine K-Pop-Karriere mit Bruch
ARTMS sind aber nicht nur musikalisch spannend. Sie haben auch eine mehr als interessante Bandhistorie – und bevor wir wieder ins Gespräch einsteigen und auf ihren aktuellen Release und die Tour dazu blicken, müssen wir von ihren Anfängen erzählen. HeeJin, HaSeul, Kim Lip, JinSoul und Choerry wurden zuerst durch die 2018 gegründete Band LOONA bekannt – nicht zu verwechseln mit dem niederländischen Eurodance-Projekt Loona, das uns „Bailando“ eingebrockt hat.
Die zwölfköpfige K-Pop-Band LOONA war bis 2022 aktiv und hat uns zwar den K-Pop-Banger „PTT (Paint The Town)“ und andere starke Songs beschert, aber auch ein eher unrühmliches Kapitel im K-Pop-Business geschrieben. Ab 2022 klagten nämlich immer mehr LOONA-Mitglieder gegen die anscheinend unfairen Verträge der Produktionsfirma Blockberry Creative – und schafften es tatsächlich, sich daraus zu befreien. Was – wenn man weiß, wie hart das K-Pop-Business funktioniert – keine Kleinigkeit ist. Währende andere Idols aus der zwölfköpfigen Band solo neu starteten, oder sich unter den Namen Loossemble formierten, wurden HeeJin, HaSeul, Kim Lip, JinSoul und Choerry zu ARTMS. Sie sind heute bei der Produktionsfirma Modhaus unter Vertrag, zu der auch der Creative Director und Produzent von LOONA, Jaden Jeong, wechselte, mit dem sie bis heute arbeiten.
ARTMS wollen über dieses Thema sprechen – was auch nicht wirklich zu vermeiden ist, denn sie haben diesen kurzzeitigen Crash ihrer Idol-Karrieren in die ARTMS-Lore eingeschrieben. Erst durch die gebrochenen Flügel der „Virtual Angels“ – und jetzt durch die Neu-Interpretation des aus der griechischen Antike stammenden Ikarus-Mythos für ihre „Club Icarus“-EP. Ihr kennt die Story sicher: Ikarus war der junge Mann, der mit den von seinem Vater Dädalus gebauten Flügeln zu nah an die Sonne flog – und schließlich abstürzte. Eine tragische Geschichte über den Hochmut des Menschen, der ARTMS nun einen empowernden Twist geben.
HaSeul von ARTMS: „Wir wollten Musik machen, die aufrichtiger ist.“
Choerry erklärt es so: „Ja, Ikarus ist im Grunde eine tragische Figur, aber für uns ist sie eine Art Symbol für unsere neue Freiheit. Wir haben toughe Zeiten durch, aber jetzt schreiben wir unsere eigene Geschichte.“ Während der OG Ikarus ins Meer stürzt und ertrinkt, verbinden ARTMS den Mythos wieder mit dem Bild der gefallenen Engel. Sie rappeln sich zusammen hoch, lassen die Wunden und die Flügel heilen und richten sich gegenseitig auf. „Für uns fünf war es klar, dass wir weiterhin zusammen Musik machen wollen“, sagt Choerry.
JinSoul möchte vor allem klarstellen: „Der Bruch mit LOONA lag nicht an der Motivation der Member, sondern an der Situation der Produktionsfirma. Wie kann man seinen Traum wegen so was aufgeben? Wir wollten diesen Traum weiterverfolgen und das als neue Chance begreifen.“ HaSeul meint: „Ich glaube, wir sind in genau dieser Konstellation zu ARTMS geworden, weil wir Musik machen wollten, die aufrichtiger ist.“

Bei Modhaus, ihrer neuen Produktionsfirma, sei das möglich, sagt KimLip. „K-Pop ist zwar ein Team-Sport, weil du als Idol mit vielen Songwriter:innen, Produzent:innen, Choreograf:innen und Stylist:innen zusammenarbeitest, aber wir sind als ARTMS viel intensiver am kreativen Prozess beteiligt. Wir bringen in allen Bereichen viele Ideen ein und unsere Company hilft uns dabei, unsere Vision zu verwirklichen.“
Choerry schließt das Thema mit diesen Worten ab: „Du hast recht, wenn du sagst, dass wir einige Herausforderungen bestehen mussten, aber die gemeinsame Arbeit an neuer Musik und neuen Ideen waren ein toller Heilungsprozess. Wir bekommen außerdem viel Liebe und Inspiration von unseren Fans. Viele schreiben uns, dass sie Trost und Mut aus unseren Songs schöpfen.“
Die Bandgeschichte als Kurzfilm
Wie wichtig ARTMS diese Storyline ist, sieht man vor allem an der „Cinematic Version“ von „Icarus“, in der sie ihre Version der Geschichte ausführlich erzählen und alle fünf Member in einem sehr poetischen Kurzfilm vorstellen. Auch wenn Videos dieser Art im K-Pop nicht selten sind, überrascht diese „Icarus“-Version dennoch. Weil hier nicht mit Riesenbudgets operiert wird, sondern mit guten Ideen und einer sehr stimmigen Bildsprache. Auch hier verwischen ARTMS wieder die Grenzen zwischen der vermeintlichen Realität und einer virtuellen Parallelwelt.
JinSoul erklärt: „In der langen Version haben wir versucht, die individuellen Geschichten von jedem Member zu erzählen, ihre Essenz zu destillieren und diese mit unserem Banduniversum zu verschmelzen. Es war eine großartige Möglichkeit, unsere Geschichte zu vertiefen.“
ARTMS haben ihre Karriere von Anfang an eher international ausgerichtet, auch wenn sie in Südkorea und den Nachbarländern ebenfalls viele Fans haben. Aber sie touren oft in Amerika und Europa – und sie geben, wie schon erwähnt, für K-Pop-Verhältnisse erstaunlich oft Interviews. Der für DIFFUS-Leser:innen vielleicht zugänglichste Song der aktuellen EP dürfte „Goddess“ sein, das komplett auf Englisch gesungen wird und musikalisch eher in Richtung Oklou als in Richtung K-Pop geht.
Wie blicken ARTMS auf den aktuellen K-Pop-Hype?
HeeJin stellt allerdings klar, dass die Sprachwahl keine rein taktische Überlegung ist: „Wir sind Koreanerinnen, wir lieben unsere Sprache und es fällt uns natürlich leichter, unsere Emotionen auf Koreanisch auszudrücken.“ Wie oft im K-Pop nutzen sie Englisch dann oft im Chorus und in einzelnen Schlüsselzeilen. „Goddess“ sei, so HeeJin erst rein Koreanisch getextet gewesen, aber: „Nachdem wir es aufgenommen hatten, merkten wir, dass sich die koreanische Aussprache in diesem Lied manchmal etwas steif anfühlte.“ Vor allem in den dynamischen Momenten, wenn aus Gesang kurz Flüstern wird, habe Englisch besser gepasst. „Also haben wir gedacht: Lasst uns doch gleich einen rein englischen Song draus machen – vielleicht können wir damit auch andere Menschen, die K-Pop noch nicht so im Blick haben, erreichen. Vielleicht können wir ihnen unsere Kultur so noch näherbringen.“
Das Timing dafür ist oberflächlich betrachtet gerade besser denn je: Durch den Welthit „APT.“ von Blackpinks Rosé, den Erfolg der Songs aus „KPOP Demon Hunters“, den US-Charts-Rekorden der Stray Kids und dem Comeback von BTS ist K-Pop gerade wieder im Pop-Mainstream unterwegs. Aber merken auch ARTMS etwas von diesem Hype? Als K-Pop-Band mit viel Potential, die aber noch nicht in der Arena- und Stadien-Tournee-Liga unterwegs ist – aber trotzdem Streams im zweistelligen Millionenbereich sammelt und schon recht große Clubs füllt?
HeeJin findet schon, dass sich K-Pop definitiv mehr etabliert habe. „Mir kommt es vor, als habe sich überall auf der Welt ein großes Interesse an K-Pop und an koreanischer Kultur entwickelt. Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich zum Beispiel in einem europäischen Restaurant oder einem amerikanischen Supermarkt plötzlich K-Pop höre.“ Auch koreanisches Essen habe die Welt noch mehr erobert, findet sie. „Ich glaube aber, dass K-Pop in den nächsten Jahren noch mehr wachsen wird.“
Was hören eigentlich Idols so?
Am Ende des Gesprächs möchten wir noch wissen, welche Musik HeeJin, HaSeul, Kim Lip, JinSoul und Choerry eigentlich gerade so hören und welchen Song sie gerade besonders feiern. HeeJin macht den Anfang und zeigt sich gleich extrem geschmackssicher: „Ich liebe immer noch ‚All For Us‘ von Labrinth und Zendaya aus dem Finale der ersten ‚Euphoria‘-Staffel – dieses Lied bewegt mich bis heute. Ich liebe, wie sie da Gospel und Pop zusammenbringen und überlege schon lange, wie wir das mal bei ARTMS einbringen könnten.“
Choerry outet sich als Musical-Fan: „Ich liebe diese großen Emotionen und ich finde ‚This Is Me‘ aus ‚The Greatest Showman‘ fängt das perfekt ein.“ Kim Lip wiederum hat sich von der Weihnachtsstimmung anstecken lassen: „Im Dezember höre ich am liebsten Lieder, die diese Stimmung treffen. Und ich liebe es, wenn ein Christmas Song das überall auf der Welt schafft. So wie Mariah Careys ‚All I Want For Christmas Is You‘ – sie hat dieses Gefühl der Aufregung, aber auch der Herzenswärme, die Weihnachten auszeichnet, am besten eingefangen.“
HaSeul bleibt im K-Pop und will sich nicht zwischen „Eight“ von Sängerin IU und Suga von BTS oder dem K-Pop-Klassiker „Fantastic Baby“ von BIGBANG entscheiden. „Ich liebe Songs, die vor Euphorie explodieren und einfach einen Riesenspaß machen – so wie ‚Fantastic Baby‘. Aber ich liebe auch ‚Eight‘ sehr: Als IU zuletzt ein großes Stadionkonzert in Seoul spielte, hat sie die Show mit diesem Lied eröffnet – das war sehr bewegend.“
JinSoul verrät mit ihrem Lied am Ende noch eine schöne Anekdote, aus der man etwas über die Banddynamik lernen kann. „Manchmal, wenn wir auf Tour etwas müde sind, pushen wir uns zusammen mit ‚Get Happy‘ von Sam Smith wieder hoch.“ Der Song ist ein Duett mit Schauspielerin Renée Zellweger aus dem Biopic „Judy“. Das Lied wurde vor allem durch Judy Garlands und Gene Kellys Duett im Film „Summer Stock“ (1950) bekannt. JinSoul erzählt: „Der Text ist ein bisschen traurig, aber die Melodie ist wirklich fröhlich, und wenn wir alle etwas Energie brauchen, drehen wir zusammen im Backstage die Lautstärke hoch und singen mit.“
ARTMS sind Ende der Woche live in Deutschland zu sehen
Am Samstag, dem 17. Januar spielen ARTMS in der Kantine in Köln, am Montag, dem 19. dann in München im Backstage Werk. Die Shows sind schon recht voll, aber es gibt noch ein paar Karten zu ergattern.
Was euch da erwartet, erklärt die Band euch zum Abschluss noch einmal selbst. HeeJin verspricht: „Wir haben eine sehr dynamische Performance: Wir selbst wirbeln ständig in diversen Chores über die Bühne und wir haben noch weitere tolle Tänzer:innen dabei. Ihr solltet also schon mal eure Sinne schärfen, weil da sehr viel passieren wird.“ HaSeul schließt ab: „Es ist K-Pop, aber es ist auch Clubmusik – das ist unser Tourkonzept. Der ‚Grand Club Icarus‘ ist der Club für alle mit gebrochenen Herzen oder Flügeln – wir möchten, dass ihr bei uns Spaß habt, eure Sorgen für eine Weile vergesst und wie wir auch durch unsere Musik vielleicht neue Kraft findet.“
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