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Kann Jan Böhmermann Konzert?

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Man vergisst ja gerne mal, wie „groß“ Jan Böhmermann über die Jahre geworden ist. Das zweiwöchentliche Geplauder und Gestreite mit Olli Schulz für „Fest und Flauschig“ klingt seit Jahren eher familiär vertraut, das „ZDF Magazin Royale“ ist das kleine Freitags-Ritual in der Mediathek und hin und wieder liest man mal wieder was von einem Gerichtsstreit, wie zum Beispiel gerade mit dem Journalisten Stefan Aust. Irgendwie bildet man sich dabei immer ein, nur Teil einer recht kleinen linksgrünversifften Systemmedien-Bubble zu sein, die den Satiriker und Entertainer nicht unbedingt immer feiert, aber verlässlich begleitet. Wie falsch man damit liegt, merkt man spätestens im Gedränge vor der Max-Schmeling-Halle. Der Berliner Gig von Böhmermann mit seinem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld ist der größte Stopp der „Ehrenfeld Intergalactic Tour 2023“ und seit Wochen ausverkauft. 9.000 Menschen schieben sich nun langsam in die Halle – und werden dabei viel intensiver gefilzt, als dass sonst der Fall ist. Was zu einem erheblichen Rückstau führt. Auch die Polizei-Präsenz ist höher als bei anderen Shows. Was nicht daran liegt, dass viele Cops den POL1Z1STENS0HN pumpen, sondern an der Querdenker-Demo vor dem Eingang. Die Partei Die Basis fordert dort unter anderem Frieden mit Putin und hält Plakate mit Aufschriften in die Luft wie „J Blödermann, wie erbärmlich!“ Ein seltsamer, ebenfalls erbärmlicher Haufen mittelalter bis alter Menschen, die irgendwie politisch falsch abgebogen sind und ihre Wahrheit über alle anderen stellen.

Jan Böhmermann als Tommy Tellerlift (Foto: Lennart Speer)

Tommy Tellerlift eröffnet den Abend

Mit amtlicher Verspätung geht es los, als endlich alle auf ihren Plätzen oder im Gedränge vor der Bühne angekommen sind. Das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld, kurz RTO, unter der Leitung von Musikproduzent, Musiker und Komponist Lorenz Rhode ist von der ersten Sekunde an der große Trumpf des Abends. Schon vor dem Fernseher macht es Spaß, dieser bunt gemischten Truppe zuzuschauen. Hier bekommen sie die ganz große Bühne mit schillernden Podesten, die jedem Mitglied ein Spotlight geben. Jan Böhmermann schlendert erst nach einem Intro und einem Instrumentalstück dazu. Er trägt Anzug und eine FFP2-Maske und widmet den ersten Song des Abends der Querdenker-Demo vor dem Eingang: „Ischgl-Fieber“ ist die Volksmusik-Schlager-Verarsche zu Ehren der Superspreader-Pisten im Touri-Ort Ischgl, die er vor gut einem Jahr als „Tommy Tellerlift und die Fangzauner Schneebrunzer“ in seiner Show vorstellte. Hier zeigt sich schon ein wenig das Problem des Abends: Der Song ist witzig, mitklatsch-kompatibel, tanzbar. Und trotzdem steht das Publikum auch direkt vor der Stage andächtig auf der Stelle und nickt in den meisten Fällen nur wissend grinsend mit. Wenig später wird’s dann kurz sehr ernst, als Böhmermann das Antikriegslied „Meinst du, die Russen wollen Krieg“ singt – im Original nach einem Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko aus dem Jahr 1961 entstanden.

Jan Böhmermann bittet Danger Dan auf die Bühne (Foto: Lennart Speer)

Kann Jan Böhmermann Konzert

Kann Jan Böhmermann Konzert? Das fragten wir uns schon auf dem Weg zum Gig. Und müssen nach gut der Hälfte der Show feststellen: Irgendwie nicht. Was paradoxerweise gar nicht seine Schuld ist. Er ist ein versierter Sänger, kann mal dramatisch schmachten, mal mit Pathos in der Stimme 60er-Jahre-Anti-Kriegs-Lieder schmettern, als POL1Z1STENS0HN amtlich rappen – aber das, was ein Konzert ausmacht, passiert irgendwie selten bis nie. Da ist keine Bewegung in der Menge, kein Mitklatschen, kein Zwischenruf. Stattdessen schauen alle mit diesem wissenden Grinsen ehrfürchtig und gut unterhalten auf die Bühne. Irgendwie beschleicht einen das Gefühl, die Figur Böhmermann und seine eigene Inszenierung überstrahlen jeden Versuch, bloß ein guter Sänger zu sein. Bei jedem Lied schwingt der Kontext einer Folge seiner Show mit, bei jedem Rollen-Switch wird deutlich, dass eben alles bei ihm eine Rolle ist.

Das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld in seiner ganzen Bühnenpracht (Foto: Lennart Speer)

Wir wünschen uns Lieder gegen Rainer Wendt im Radio

Und, was vielleicht das größte Problem ist: Lieder wie „Wir sind die Versandsoldaten“ über das Leid der Paketausliefer:innen, die auf dem Rücken unserer Faulheit durch die Welt hetzen, oder „Rainer Wendt (Du bist kein echter Polizist)“ sind ebenfalls gute, wichtige Lieder, die aber außerhalb seiner Show nie ein Eigenleben entwickeln konnten. Was gerade im Fall von „Rainer Wendt“ schade ist. Der ist übrigens Chef einer sehr kleinen Polizei-Gewerkschaft und spielt sich in den Medien gerne als Sprachrohr des kompletten Berufszweiges auf. Dabei teilt er oft rassistische, rechtskonservative politische Meinungen, die von der Medienlandschaft sehr gerne als eine Art „offizielle Meinung“ der Polizisten-Zunft verkauft werden. Außerdem ist dieser Mann, der gerne über „Sozialschmarotzer“ lästert, selber einer: Er kassierte elf Jahre lang neben seinem Gewerkschaftsgehalt noch ein komplettes Kommissars-Gehalt, obwohl er den Beruf gar nicht mehr ausübte. Später hat er ein üppiges Gehalt für das Sitzen im Aufsichtsrat der Versicherung Axa nicht korrekt angegeben, was nach einem Disziplinarverfahren zu einer Kürzung seiner Pension geführt hat. Ein Schritt, der laut dem Innenministerium NRW nur gemacht wird, wenn „erhebliche Verfehlungen“ vorliegen. Man würde sich ja wünschen, dass Lieder gegen diesen Mann bei Spotify heiß laufen oder im Radio gespielt werden – aber außerhalb des großen Böhmermann-Fankreises haben sie eben keine Wirkung. Das wird besonders deutlich, als Danger Dan für einen Song auf die Bühne kommt und natürlich „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ spielt. Sofort ist Stimmung da, rhythmisches Klatschen, lautes Mitsingen – weil eben dieser Song ein eigenes Leben entwickeln konnte, das sich an den erstaunlichen Klickzahlen ablesen lässt.

Habe den Style und das Geld und die Stimme und den Hüftschwung: die Jadebuben (Foto: Lennart Speer)

Vielleicht eher eine „Revue“ als ein Konzert

Trotzdem ist unsere Headline nicht als Diss gemeint. Denn der Abend ist von Anfang bis Ende perfektes Entertainment. Die Ansagen sitzen, Verstärkung wie das A-cappella-Quartett Die Jadebuben oder eben das mitreißend spielende RTO und auch Böhmermanns Performances machen einen Riesenspaß. Vor allem weil Böhmermann hier Teamspieler ist und ganz genau weiß, was er an dieser Truppe hat. Die Vorstellung des kompletten Orchesters vor der Zugabe, mit Anekdote zur Namensnennung, ist geradezu herzwärmend und auch das kurze Daft-Punk-Medley vom RTO machen Laune auf eine eigene Tour und eine eigene Platte des RTOs.

Dass die Medienfigur Böhmermann jeglichen Versuch ein einfacher, empathischer Performer zu sein, überstrahlt, kann man ihm ja nur bedingt vorwerfen. Und auch für das vielleicht etwas zu andächtige Publikum, gibt es ja Gründe. Wenn man diesen Abend nicht als reines Konzert, sondern eher als Revue des musikalischen Schaffens aus dem „ZDF Magazin Royal“ sieht, geht das alles völlig klar. Zumindest bei uns – an der Biertheke trifft man auch härtere Kritiker. Da raunte einer seinem Kumpel zu: „Komisches Publikum. Nur Pärchen und Honks.“ Aber wer weiß, vielleicht war das auch ein Querdenker, der sich reingeschlichen hat …

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