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Leider Geil: Was tun mit guten Songs von schlechten Menschen?

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„Neue Anschuldigungen gegen Marilyn Manson“: Diese und ähnliche Push-Benachrichtigungen sind Dienstagmorgen über die Bildschirme geflimmert. Der Rock-Sänger – in dessen Wikipedia-Artikel es traurigerweise einen ganzen Abschnitt mit dem Titel „Missbrauchsvorwürfe“ gibt – wird (wieder einmal) der Vergewaltigung beschuldigt: Er soll seine Ex-Freundin Evan Rachel Wood vor laufender Kamera sexuell missbraucht haben. Eine grausame Tat und leider kein Einzelfall – die Liste von bekannten Musikern, die mit ähnlichen oder auf andere Art gefährlichen Neuigkeiten von sich reden machen, wächst stetig. Die Frage, die man sich als Fan oder zumindest Musikkonsument:in daraus stellt: Was tun, mit dem musikalischen Werk von diesen problematischen Menschen?

Aus Feind wird Freund: Kunst und Moral

Kunst und Moral waren die längste Zeit nicht wirklich gute Freund:innen. Der Freiheitscharakter von Musik, in dem es lange keine Grenzen gab und einzig das Motto „Je provokanter, desto besser“ galt, machte Popkultur zu dem genauen Gegenentwurf politischer Korrektheit und moralischer Grenzen. Doch besonders in letzter Zeit scheinen sich die beiden miteinander zu versöhnen, mehr noch eine Liaison einzugehen. Songtexte werden hinterfragt und nach und nach Sexismus-Vorwürfe in der Branche aufgearbeitet. Die MeToo-Bewegung hat viele Sexualstraftaten gegen Frauen ans Licht gebracht und einen großen Teil dazu beigetragen, dass erschreckendes Verhalten von Musiker:innen an die Öffentlichkeit gerät und fragwürdige Denkweisen, die sich lange unter dem Kunst-Stempel unberührt verstecken konnten, diskutiert werden. 

Das ist (an sich) etwas Gutes, besonders wenn man bemerkt, dass dauerhafte Veränderungen daraus hervorgehen. Aber es ist nicht zu leugnen, dass dieser Aufklärungsprozess auch unangenehme Fragen mit sich bringt, die man sich als Musikfan selbst stellen muss. Denn was mache ich mit Songs von Menschen in meiner Playlist, die aufgrund von Querdenkertum, Sexismus-Vorwürfen oder anderen, schlimmen Verhaltensweisen vollkommen zurecht von der Musikszene abgesägt wurden?

Früher gefeiert, heute geschnitten

Mir ist erst kürzlich mein allererster MP3-Player in die Hände gefallen, prall gefüllt mit 2000er Hits und damals aktuellen Charts. Und als ich so reingehört habe, in den Soundtrack meiner Kindheit, ertönt plötzlich „Und wenn ein Lied“ der Söhne Mannheims. Die Äußerungen vom Frontmann Xavier Naidoo zur aktuellen Corona Pandemie kann man nicht mehr einfach als Verirrung abtun, der Musiker wirft mit waschechten antisemitischen Verschwörungstheorien um sich. Ein Grund ihn im echten Leben zu meiden. Aber wie steht es um seine Musik? Ich konnte mir den Song jedenfalls nicht mehr anhören, denn auch wenn durch die semi-legale Download-Version auf meinem Player kein weiterer Stream-Ertrag auf seine Kappe gegangen wäre, der negative Beigeschmack war da.

Nun muss ich sagen, dass ich nie großer Fan der Söhne Mannheims war, die Musik nicht mal einen hohen nostalgischen Wert für mich hat. Wie das bei meiner Lieblingsband aussehen würde, will ich mir gar nicht ausmalen, denn: Ist Musik nicht so viel mehr, als der Mensch, von dem sie kommt? Durch die eigene Playlist scrollen ist für mich, wie ein Fotoalbum anschauen. Songs, die man mit Urlauben, Abi-Zeit oder traurigen Phasen im Leben verbindet, gehören nicht mehr nur den entsprechenden Interpret:innen. Sie gehören zu einem Selbst, als Bestandteil einer Erinnerung. Also ist es okay, die Tracks anzuhören? So einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten.

Das Problem mit der Doppelmoral

Je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr wird mir meine Doppelmoral gegenüber dem Thema klar. Ich habe kein Problem damit, auf einer Party einen Michael Jackson-Song aufgrund der Misshandlungs-Vorwürfe gegen ihn auszumachen, da ich nie wirklich Fan seiner Musik war. Ich muss mir aber eingestehen, dass ich einige Songs der Böhsen Onkelz, leider immer noch Wort für Wort mitsingen könnte. Ich wuchs auf dem Land auf und dort gehören Onkelz-Aufkleber ebenso zu einem Auto wie Reifen und Lenkrad. Die Songs der Band sind für mich mit nostalgischen Gefühlen besetzt, auch wenn ich Einstellungen und die (frühere) politische Orientierung der Band und vieler ihrer Fans aufs Tiefste verurteile. Es macht einen Unterschied, wie sehr die Musik von den eigenen Emotionen beeinflusst wird und das macht jede Entscheidung für oder gegen ein Lied so kompliziert.

Dann ist da natürlich noch der Punkt, in welcher Form sich das problematische Verhalten der Interpret:innen äußert. Es ist etwas anderes, wenn ich ein – in meinen Ohren – wundervolles Lied höre, vollkommen davon eingenommen werde und im Nachhinein erfahre, dass der Act dahinter völlig gestrige Meinungen zu Feminismus und Gender-Themen hat, als wenn ich direkt in den Lyrics mit unangemessenen Gedanken konfrontiert werde. Die Autor:innen Rhian Jones und Eli Davies haben in ihrem Buch Under My Thumb: Songs That Hate Women and the Women Who Love Them hierzu einen sehr spannenden Gedanken in Bezug auf ihre Liebe zu AC/DC formuliert. Trotz deren niederträchtigem Frauenbild in einigen Songs ist es für Jones und Davies okay, die Musik weiterhin zu lieben – solange man sich kritisch damit auseinandersetzt. 

Dennoch: Marilyn Manson gehört meiner Meinung nach aus jeder Playlist, besser noch aus der kompletten Musikbranche verbannt. Denn auch wenn man viele Straftaten und problematische Äußerungen nicht stumpf gegeneinander abwägen sollte, funktioniert so letzten Endes unser innerer moralischer Kompass. Manche Vergehen sind einfach grausamer als andere und manche aus persönlichen Gründen für einen selbst erschreckender. Und Vergewaltigung ist etwas, das ich definitiv nicht in meiner Playlist akzeptieren kann.

Aber Achtung: Nicht sofort verurteilen

Natürlich sind nicht alle Fälle so eindeutig und grausam wie dieser. In anderen Fällen, wenn es zum Beispiel um sehr dumme Aussagen geht, sollte weiterhin gelten: Man darf nicht jede:n sofort verurteilen. Denn entscheidend in Bezug auf Musik von Künstler:innen, die schon wegen schwierigen Vorwürfen in der Öffentlichkeit standen, ist deren Reaktion darauf. Man muss an dieser Stelle keine „Jeder-Mensch-macht-Fehler“-Rede schwingen, aber es hilft vielleicht, sich vor Augen zu führen, dass unsere Gesellschaft was Themen wie Homophobie, Rassismus oder Sexismus angeht noch vor wenigen Jahren an einem schockierend rückschrittigen Punkt war und alle – auch man selbst –  schon Dinge gesagt oder getan haben, die heute (zurecht) inakzeptabel sind und aufs höchste verurteilt werden.

Um zu der Anfangsfrage zurückzukommen, gilt dennoch: Man ist kein schlechter Mensch, wenn man die Songs eines vermeintlich schlechten Menschen anhört. Doch man sollte sich den Ausmaßen dessen bewusst sein und überlegen, wie viele Streams man diesen Kunstschaffenden wirklich gönnen will. Jeder Schritt in die richtige Richtung ist hierbei ein Erfolg, denn alleine das über solche Dinge gesprochen wird, zeigt doch eine enorme Entwicklung. Wer sich also vielleicht noch nicht von dem:r kritischen Lieblingskünstler:in trennen kann, könnte versuchen den Konsum deren Werke bewusst zu gestalten – und lieber ab und zu die Vinyl im eigenen Wohnzimmer anhören als jeden Tag mit Streamingdiensten das Konto der „Angeklagten“ zu bereichern. Am Ende des Tages ist Kunst nämlich einfach nicht von den Künstler:innen, die sie erschaffen zu trennen. Aber eben auch nicht von den Gefühlen, die sie im eigenen Körper auslöst.

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