Little Grandad: Auf der Bühne lernt sich das Band-Sein am besten
Würde man einen Song von Little Grandad auf ein Mixtape (ja, ich hörte schon Musik, als man die noch auf Kassetten aufnahm) mit obskuren US-Indie-Bands der Neunziger packen – sie würden kaum auffallen. Wobei: Sie würden schon auffallen, weil sie tolle Songs haben. Aber niemand würde sich die Frage stellen, ob da jemand eine Band untergemogelt hätte, die erst 2025 gegründet wurde.
Man höre dafür nur ihren Song „Unmasked“ – einer von dreien, die überhaupt erst regulär draußen sind. Als er mir das erste Mal in einen Release-Radar gespült wurde, dachte ich kurz: „Wow, ein verschollener Replacements-Song?“ Oder: „Gibt es etwa Citizens Utilities wieder, die schon damals gefühlt nur ein paar hundert Leute gehört haben?“ Und dann lernte ich: Nee, diese Band ist brandneu. Jack Lower (Bass, Gesang), sein älterer Bruder Harry Lower (Gitarre, Gesang), Ned Ashcroft (Gitarre und eine Killer-Trompete) und James Brennan (Drums, Gesang und manchmal Gitarre) haben sich erst im vergangenen Jahr als Little Grandad gegründet – und spielten ihre ersten Gigs dann im legendären Londoner Pub und Club Windmill, der der gleichnamigen Indie-Szene seinen Namen gab und Bands wie Black Midi, Shame, The Last Dinner Party, Fat White Family oder Black Country, New Road hervorbrachte.
Warum klingen sie eigentlich so amerikanisch?
Ich traf die Band zum ersten Mal Ende im Juni beim OpenAir St. Gallen in der Schweiz, wo wir uns für ein kurzes Interview an den Fluss setzten. Als ich ihnen erzählte, dass sie mich an amerikanische Indie-Bands erinnern, die keine Sau mehr kennt, sagte mir Drummer James: „In den ersten Monaten schickten uns Fans und Frende auch immer wieder amerikanische Bands und meinten, wir würden, wie die klingen. Und wir sagten immer nur: ‚Wow, stimmt, aber wir haben noch nie von denen gehört.‘“
Jack, Sänger und Bassist, meint: „Momentan gibt es einen Trend, dass Bands aus Großbritannien ziemlich amerikanisch klingen, und ich wünschte, ich wüsste, warum. Wir sind seltsamerweise erst zu unserem Sound gekommen, nachdem wir ihn gefunden hatten. Das war irgendwie eher Zufall oder etwas Intuitives.“ Sein etwas älterer Bruder Harry ergänzt: „Es war wohl das, was man einen Happy Accident nennt. Aber all diese Musik, nach der wir angeblich klingen, gefällt uns am Ende. Also: alles gut.“

Da Little Grandad mit Westside Cowboys befreundet sind (die wir euch hier ja schon mal vorgestellt haben), kann ich mir natürlich die Frage nicht verkneifen, ob ihre Musik auch „Britainicana“ sei – so hatten Westside Cowboys ihren Sound, eigentlich eher mit einem Augenzwinkern, genannt und damit ihre Genre-Schublade gleich selbst beschriftet. „Ich finde, es ist auf jeden Fall eine coole Art, eine neue Bewegung zu beschreiben“, sagt Jack dazu. „Ich weiß nur nicht, ob wir da reinpassen.“ Sein Bruder Harry meint: „Man könnte uns so beschreiben, aber ich habe Bedenken, dass man so ein wenig zu schnell in einer Schublade feststeckt. Trotzdem: Ich mag dieses Genre wirklich sehr. Und ich freue mich darauf, zu sehen, wie andere Bands daraus hervorgehen. Leute, die wir kennen und die du sicher im nächsten Jahr interviewen wirst.“
Jack Lower ist sich ziemlich sicher: „Ihr werdet eine Band namens Wyatt kennenlernen, die bald mit Westside Cowboy auf Tour sind. Sie sind Teil derselben Bewegung und sie kommen ebenfalls aus Manchester.“
Was zählt, ist auf der Bühne
Little Grandad sind eine dieser Bands, die man live gesehen haben muss. Da wird aus ihrem US-Indie-UK-Gitarrenrock-plus-Grunge-Elementen noch ein bisschen mehr, weil man sieht, wie wichtig die Dynamik der Vier ist, die ihre Bandpflichten sehr demokratisch aufteilen. Jeder darf mal singen, jeder kriegt mal seinen Spot, jeder kann mal freidrehen.
Vor allem Gitarrist Ned Ashcroft überrascht einen dabei immer wieder. Als ich bei ihrem ersten Deutschland-Gig auf dem Haldern Pop Festival in der kleinen Haldern Pop Bar war, zückte Ned auf einmal die Trompete und spielte ein herzzerreißend traurig-schönes Trompeten-Solo. Später bearbeitete er dann gar seine E-Gitarre mit der Trompete.

Ned Ashcroft von Little Grandad in der Haldern Pop Bar. (Foto: Katrin Huth)
Aber auch Jack Lower fällt auf: Zwar singen alle vier ausgesprochen gut, aber seine Stimme hat manchmal diese kehlige Roughness, die sie noch ein wenig besonderer macht – was vor allem in „Sleepwalking“ zum Tragen kommt. Sein Bruder Harry wiederum hält sich zum Anfang des Gigs ein wenig zurück, bis er dann bei den Songs, die er überwiegend singt, von Null auf Frontmann schaltet. Drummer James wiederum hat auch ein sehr spannendes Timbre und greift zwischendurch bei den ruhigeren Stücken wie „Unmasked“ mal eben zu Gitarren, wenn der Bandkollege Trompete spielen „muss“.
Tatsächlich kommen diese faszinierenden Band-Vibes auf der Bühne nicht von ungefähr. Jack selbst sagt, er habe das Bass-Spielen vor allem bei den Konzerten gelernt, weil er erst zur Bandgründung auf dieses Instrument umgestiegen war. „Ich habe ungefähr im Juni letzten Jahres angefangen, ein Instrument zu lernen“, sagt Jack lachend. „Und dann hatte ich irgendwie einfach keine Zeit zum Üben, weil wir ständig auf der Bühne standen. Das war also die einzige Gelegenheit, bei der ich Bass spielen konnte. Aber wenn man mich gebeten hätte, einen anderen Song zu spielen, der kein Little Grandad Song war, hätte ich das nicht gekonnt.“ Sein Bruder grinst ein wenig und sagt: „Ich als älterer Bruder hatte da natürlich anfangs viel zu kritisieren, aber ehrlich gesagt, ist er sehr schnell, sehr gut geworden. Er hat das Ding anfangs nur immer falsch gehalten.“
Als ich zwischen den Vieren beim Interview an der Sitter saß, habe ich schnell gemerkt, wie gut der Bandvibe zwischen ihnen ist. Little Grandad beantworten die Fragen ähnlich demokratisch, wie sie ihre Gesangs-Pflichten verteilen, sind zugleich euphorisch und entspannt und blicken mit einem netten Grinsen etwas verdutzt auf die Dinge, die da gerade passieren.
Der Begriff „trust the process“ fällt einmal und wird schnell mit einem Abend verbunden, der eher trist klingt, am Ende aber dazu führte, dass sie als Band zusammenfanden. „Wir haben uns bei einer Open-Mic-Nacht kennengelernt, und es war ziemlich trostlos“, erzählt Jack, bevor Ned den Faden aufgreift. „Da war außer uns Vier nur ein weiterer Typ im Raum – der Veranstalter. Er war gleichzeitig das Publikum. Es hat geregnet, es war grau, ich glaube, es war ein Montag.“ Jack erklärt: „Im Grunde haben wir uns dann einfach gegenseitig Songs vorgespielt und irgendwann haben mein Bruder und ich gestanden, dass wir überlegen, eine neue Band zu gründen. Ned und James meinten dann irgendwann ‚Cool, na klar.‘ So fing es an.“

Band Hug in der Haldern Pop Bar (Foto: Katrin Huth)
Zurück in die Haldern Pop Bar: Als der letzte Song gespielt ist, sammeln sich Little Grandad in der Bühnenmitte und zelebrieren einen Band Hug. Das Publikum frisst ihnen da längst aus der Hand, obwohl nicht viele sie vorher kannten. Als ich die vier hinter der Bühne noch einmal kurz begrüße, freuen sie sich schon wieder auf ihren zweiten Gig auf dem Haldern später am Tag – und darauf, die befreundeten Cardinals zu treffen. Westside Cowboy, mit denen sie ebenfalls befreundet sind, haben sie leider um einen Tag verpasst. Aber, so erzählt Jack: „Voll sweet, sie haben das Videointerview gesehen, das wir in der Schweiz gemacht haben und uns danach geschrieben.“
Vielleicht ist es auch das, was mich an Little Grandad und Westside Cowboy gerade so begeistert: Sie erfinden diesen Musikstil nicht unbedingt neu, bringen aber Charakter, Euphorie und sehr gutes Songwriting mit – und sie zeigen einen Zusammenhalt und Bock auf das Bandsein, die im Vergleich zu vielen etwas zu coolen Acts, die gerade unterwegs sind, sehr wholesome sind.
That being said: Drei verfügbare Songs sind wirklich ein bisschen wenig. Wir hoffen, dass da bald noch ein bisschen mehr kommt …
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