Lola Young ist nicht Amy Winehouse!
Ich komme mir ja schon ein wenig dämlich vor, wenn ich so eine Überschrift texte: „Lola Young ist nicht Amy Winehouse.“ Das sollte doch eigentlich klar sein. Wer aber in den letzten Tagen viel bei TikTok unterwegs war, oder die Berichterstattung nach Lolas Tourabsage im Blick hatte, weiß vielleicht, wie dieser Satz gemeint ist. Vor allem bei TikTok gibt es gerade viele Clips, in denen aufgeregte Menschen das Video von ihrem Zusammenbruch beim New-York-Konzert zeigen und dann mit großen OMG-Augen in die Kamera sagen: „Checkt ihr eigentlich, dass sie und Amy Winehouse den gleichen Manager hatten?“ Wer es nicht wusste (was ich mir bei unseren Leser:innen kaum vorstellen kann): Soulsängerin Amy Winehouse, die uns mit „Frank“ und „Back To Black“ gleich zwei fantastische Alben geschenkt hat, starb am 23. Juli 2011 im Alter von 27 Jahren nach einem sehr öffentlichen Kampf mit ihrer Suchterkrankung, Essstörungen und anderen mentalen Struggles.
Teil 1: I < 3 Amy
Mich ärgert dieser Vergleich aus vielen Gründen – auch und vor allem, weil ich beide verehre und sie beide für eigenständige, brillante Künstlerinnen halte. Ich hatte sogar das Glück, Amy Winehouse einmal im Leben live zu sehen und sogar kurz zu „treffen“, wenn man die kurze Begegnung, bei der ich meinen Mund nicht aufkriegte, denn so nennen kann. Beides passierte im Sommer 2007. Ich war auf dem Glastonbury Festival, wo ich ein paar Jahre lang als Bierverkäufer arbeitete. Wetter-technisch war es ein tristes Jahr, es regnete ununterbrochen und man watete vier Tage durch den Matsch. Ein Lichtblick war jedoch Amy Winehouse, die am Festivalfreitag am frühen Abend auf der Pyramid Stage spielte:
„Back To Black“, ihr zweites Album und Meisterwerk, war da schon eine Weile draußen, hatte mich irgendwie aber noch nicht so richtig gepackt. Was vielleicht daran lag, dass ich meine Liebe zu alter und neuer Soulmusik erst ein wenig später entdeckte. Ich glaube heute, sie ist daran nicht ganz unschuldig. Aber vielleicht verkläre ich das auch. Die Show war jedenfalls fantastisch: Amy war erkennbar nervös, aber wenn sie sang, hielt man automatisch die Luft an. Zwischen den Liedern lachte sie immer wieder laut und fluchte wie ein Kesselflicker – was die Live-Übertragung der BBC sicher zum Schwitzen brachte.
Am Montag drauf kam es dann zur erwähnten Begegnung. Sie passierte in London, in Camden, wenn ich mich richtig erinnere. Ich war mit einer Kollegin und guten Freundin, die auch aus Deutschland angereist war, in die Stadt gefahren, da unsere Flieger nach Deutschland erst am Abend gingen. Wir nutzten diese Zeit, um uns in einem Supermarkt mit britischem Tee und Keksen einzudecken. Während sie einkaufte, „bewachte“ ich vor der Tesco-Filliale unser Gepäck. Ich muss einen amüsanten Anblick geboten haben. Meine Hose war bis zu den Knien matschbraun, weil ich die letzte halbwegs saubere Hose erst am Flughafen anziehen wollte. Von meine Arbeitsstiefeln bröckelte der Schlamm. Neben mir lag ein Haufen von Wanderrucksäcken, Zelten und Taschen.
Plötzlich hielt auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Taxi. Und Amy Winehouse stieg aus. Sie rief dem Fahrer noch etwas zu, sah mich, blieb stehen und lachte mich laut und herzlich aus. Dann zeigte sie auf meine Stiefel und Rucksäcke und rief: „Ha! Glastonbury, mate?“ Ich nickte nur verwirrt und sie rauschte vorbei in den Markt. Als ich noch überlegte, ob dieses charismatische, außerirdische Wesen WIRKLICH Amy Winehouse war, sah ich wie drinnen ein paar junge Frauen durchdrehten und Amy mit ihren Smartphones filmten. Kurz darauf kam Amy wieder aus dem Laden, lachte mir noch einmal zu und rief: „Have a safe trip home. Get clean!“ In der Hand hielt sie ihre Einkäufe: Kippen und eine Zwei-Liter-Flasche Milch.
Seit diesem Moment hatte ich immer wieder gehofft, sie mal irgendwann interviewen zu können. Was dann leider nie geklappt hat. Aber ihre Musik wurde mir über die Jahre immer wichtiger, und so manche Zeile von ihr hat sich in mein Herz eingebrannt. Zum Beispiel diese hier aus „In My Bed“: „You’ll never get my mind right / Like two ships passing in the night.“
Teil 2: I < 3 Lola
Auch Lola Young hat mich in den letzten Jahren auf eine Weise begeistert, wie ich sie lange nicht mehr gespürt habe. Zuerst stieß ich vor gut fünf Jahren auf ihren Song „FAKE“, der mich ziemlich aus den Socken haute. Und ja, auch ein wenig, weil sie da tatsächlich produktionstechnisch und stimmlich nicht so weit von einem guten Amy-Song entfernt war. 2023 kam dann „What Is It About Me“, das wirklich rauf und runter lief bei mir.
Der Song war auf ihrem zweiten Album „My Mind Wanders And Sometimes Leaves Completely“, das ich bis heute für eines ihrer besten halte. Schon der Opener „Stream Of Consciousness“ kriecht einem unter die Haut, und wenn man dann bei „Don’t Hate Me“ angekommen ist und die fluchende, ehrliche, unverstellte, schonungslos gegen sich selbst textende und singende Lola kennengelernt hat, weiß man, dass das mit ihr noch ganz groß werden kann. Stilistisch war das dann schon so eigenständig, dass die Amy-Vergleich musikalisch nicht mehr gegeben waren, auch weil bei Lola Soul und Jazz nie so die Hauptrolle spielten wie bei Winehouse.
Im November 2023 konnte ich Lola Young dann auch endlich mal live erleben: Sie spielte im Säälchen in Berlin, wuselte über die Bühne, fluchte wie eine Kesselflickerin, lachte viel und laut und dreckig und sang zwischendurch ihre fantastischen Lieder. Als sie ein paar Monate später kurz bei uns für ein Top-5-Video vorbeischaute, war ich fast ein wenig starstruck und traute mich nicht so richtig, mich vorzustellen.
Danach sah ich Lola Young noch einmal 2024 auf der kleinen Bühne beim Lollapalooza in Berlin, wo sie vor 400 Leuten spielte, obwohl ihr Überhit „Messy“ da schon eine ganze Weile draußen war. Aber der zündete erst ein paar Tage später bei TikTok, deshalb hatten sie beim Lolla noch nicht alle auf dem Schirm. In diesem Sommer, wo ich sie auf dem Roskilde live sah, war das natürlich anders: Hier drängten dermaßen viele Leute in das riesige Bühnenzelt, dass ich sie nur aus der Ferne sah. Aber der Sound war gut und Lola war zwar wie oft auf der Bühne irgendwie ein wenig wild und fahrig, aber bei den Songs on point.
Sorry für die lange Liebeserklärung, aber irgendwie denke ich, die sei bei so einem Text nötig.
Kapitel 3: Eine Karriere mit sehr offener Mental-Health-Kommunikation
Seitdem ich Lola Youngs Karriere verfolge, lese ich auch über ihre Mental-Health-Struggles. Sie hat diese von Anfang an sehr offen kommuniziert und es sind schon immer mal Konzerte ausgefallen, wenn es ihr nicht gut ging. Was sie so plagt und umtreibt, findet sich außerdem immer wieder in ihren Lyrics und in ihren Interviews. 2022 erzählte sie zum Beispiel in einem Interview mit „The Telegraph“: „In meiner Familie gibt es dafür eine Vorgeschichte – mein Onkel väterlicherseits litt an Schizophrenie, und der Bruder meiner Mutter litt an Depressionen. Beide sind gestorben.“
Im Teenageralter wurden bei Lola ADHS und eine schizoaffektive Störung diagnostiziert – eine psychische Störung, die sowohl Symptome der Schizophrenie als auch der affektiven Störung in sich vereint. Zusätzlich zu den Stimmungsschwankungen durch eine affektive Störung wie Depression oder Manie, treten dabei Symptome wie Wahn oder Halluzinationen auf. Kurz gesagt: Es ist eine Erkrankung, die ein Leben – und erst recht eine gerade heiß laufende Karriere auf viele Weisen zerschießen kann.
Auch in der Vorberichterstattung zum Release ihres neuen, wieder fantastischen Albums „I’m Only F**cking Myself“ Ende August veröffentlichte die „New York Times“ ein Portrait über Lola Young, das Mental Health in den Mittelpunkt stellt. Der Titel wirkt aus heutiger Sicht fast ein wenig prophetisch. „Can Lola Young make it big without breaking?“ Der Satz lässt sich nicht 1:1 ins Deutsche übersetzen, zumindest nicht ohne das clevere Wortspiel zu killen. Wer groß rauskommen will als Musiker:in muss natürlich „breaken“ – was so viel bedeutet wie, den Durchbruch zu schaffen. In dieser Headline ist „breaking“ aber auch so gemeint, dass Lola Young an dem Erfolg und Druck zerbrechen könnte.
Das Interessante an dem Portrait von Joe Coscarelli ist, dass der Autor nicht nur immer wieder mit Lola selbst spricht, sondern auch ihren Manager Nick Shymansky ausführlich zu Wort kommen lässt.
Und damit sind wir beim Hintergrund dieses Artikels hier, denn Shymansky war wirklich einst der Manager von Amy Winehouse. Für Shymansky war der Artikel also auch eine Chance, ein paar – sagen wir mal – Unschärfen in der Berichterstattung klarzustellen.
Kapitel 4: Die Ballade von Amy und Nick
Dieser heute so oft gesagte Satz „Sie hat den gleichen Manager wie Amy Winehouse“, bei dem ja irgendwie mitschwingt, dass man wisse, wie das enden werde, ist nämlich geradezu fahrlässig ungenau. Ja, Nick Shymansky war Amy Winehouses Manager. Die beiden trafen sich, als sie 16 und er 19 war. Shymansky hatte sich gerade entschieden, wie ein Großteil seiner Familie ins Musikbusiness zu wollen, als er Amy über einen befreundeten Songwriter in einem Pub in Nord-London kennenlernte. Die beiden bondeten über ihre gemeinsame Liebe zum Jazz und ihr Jüdisch-Sein. Amy schickte Shymansky ein Demotape – und kurz darauf wurde er ihr Manager. Von 1999 bis Anfang 2006 arbeiteten die beiden zusammen. Gemeinsam legten sie den Grundstein für ihre Karriere und nahmen das starke Debüt-Album „Frank“ auf.
Im britischen „Guardian“ gab Shymansky das Kennenlernen so wieder: „Ich rief sie kurz darauf an und gab vor, ein großer Manager zu sein, der alles möglich machen konnte. Sie hielt mich anfangs für einen überheblichen Wichser, das machte sie mir sehr deutlich. Sie wischte mein Ego beiseite, als wäre es eine Erbse auf meiner Schulter, und mir wurde klar, dass Humor der Plan B war. So kamen wir uns näher.“
Wer die Dokumentation „Amy“ kennt, schätzt an diesem Film vor allem die sympathischen privaten Aufnahmen, die Amy Winehouse lachend, fluchend, singend und vergnügt Taxi-fahrend zeigen. Ein Großteil dieser Szenen stammt aus Syhmanskys Privatsammlung, die er dem Regisseur Asif Kapadia für den Film überließ. Man sieht die enge Verbindung der beiden – und man sieht, wie Amys Kampf mit ihren Depressionen, ihre Sucht und später ihre toxische Liebesbeziehung mit Blake Fielder-Civil immer wieder ihr Leben sabotieren.
In einem Interview zum Film-Release sagte Syhmansky damals über Amy: „Wenn man ihr nahe war, merkte man, dass sie brillant war, dass sie wirklich intelligent war, dass sie etwas Besonderes war. Und man merkte vor allem, das sie manchmal sehr krank wurde – sie wurde depressiv. Es gab psychische Probleme, die niemand jemals öffentlich thematisiert hat. Keine Zeitung hat jemals einen Artikel mit dem Titel ‘Oh, wir sind alle sehr begeistert von diesem Amy-Winehouse-Zirkus – stimmt da etwas nicht?’ veröffentlicht. Es hieß nur: ‘Oh, schau mal, sie ist am Arsch.’“
Nick Shymansky war irgendwann an einem Punkt, an dem er nicht mehr mit Amy arbeiten konnte. Nach der ersten Trennung von ihrem Freund und späteren Ehemann Blake Fielder-Civil, trank Amy in einem Masse, das Shymansky Angst machte. Er, wie auch später ihr Vater, riet ihr, einen Alkoholentzug zu machen – sonst werde er nicht mehr ihr Manager sein. Der Ausgang ist bekannt und schrieb etwas später Musikgeschichte: „Rehab“, das von dieser Zeit erzählt, wurde Amys grösster Hit, „Back To Black“ ein Meisterwerk – und ihr Leben geriet bis zu ihrem viel zu frühen Tod immer mehr aus den Fugen. Amy und Shymanski versuchten nach der beruflichen Trennung noch eine Weile befreundet zu sein, aber das hielt Shymanski irgendwann nicht mehr aus und zog sich zurück.
In der Doku „Amy“ hört man auch eine Sprachnachricht von Amy und Shymanski, in der sie ihm sagt, dass sie ihn vermisse – und sauer sei, dass er nicht mehr ans Telefon gehe.
Kapitel 5: Die lange Zusammenarbeit von Lola Young und Nick Shymanski
Lola Young ist nun die erste Künstlerin seit Amy Winehouse, der sich Shymanski als Manager anbot. Er sah die heute 24-Jährige, als sie mit 16 in einem Pub spielte und im Wechsel dreckige Witze machte und todtraurige Lieder spielte. In dem Artikel der „New York Times“ sagt Lola Young dazu, sie sei erst skeptisch gewesen, als Shymanski anbot, eventuell mit ihr zu arbeiten. „Und dann habe ich herausgefunden, dass er früher Amy Winehouse gemanagt hat, und plötzlich hat sich das Blatt gewendet“, sagt sie dazu. Trotzdem beschlossen die beiden erstmal eine Art Testlauf. Irgendwann habe Lola Young Shymansky dann immer als ihren Manager vorgestellt – und die Sache wurde sehr organisch offiziell.
Shymansky macht gegenüber der „New York Times“ keinen Hehl daraus, dass er darin eine Art zweite Chance für ihn sah. „Das Ganze ist emotional ziemlich komplex“, meint der der heute 45-jährige Shymansky. „Ich sehe diese Person, die mir sehr am Herzen liegt, die ich für etwas ganz Besonderes halte, und ich möchte der Mensch werden, der ich damals gerne gewesen wäre.“
Dann sagt er: „Es wird nicht perfekt sein, aber ich glaube, dass Lola an ihrer psychischen Gesundheit arbeiten und mit ihren Dämonen umgehen kann. Ich glaube, dass sie wachsen kann, großartig sein kann und ich glaube, dass sie alles haben kann. Ich möchte, dass sie es 2025 auf eine Weise hat, wie Amy es nie haben konnte.“
Mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen scheint diese Hoffnung vorerst getrübt. Einerseits. Andererseits sind Parallelen zur kritischen Phase von Amy Winehouse falsch und fahrlässig. Alle Beteiligten, inklusive Lola Young, wissen, dass sie aufpassen und auch mal Dinge absagen müssen. Schon vor dieser recht umfangreichen Tourabsage, fielen immer wieder Gigs aus. Andere fanden statt und waren fantastisch.
Shymansky sagt in der „New York Times“-Story dazu: „Wir müssen wirklich vorsichtig sein. Niemand weiß wirklich, mit welchen Problemen sie zu kämpfen hat. Ihre Arbeitsmoral und ihre Selbstaufopferung sind beeindruckend, aber es wird unvermeidlich Momente geben, in denen sie nicht beides unter einen Hut bringen kann.“
Lola selbst sagt dazu: „Es ist schwer, einen kleinen – es ist nicht wirklich ein kleiner Vorgeschmack, es ist eher ein ziemlich riesiger Vorgeschmack – auf ein gewisses Maß an Ruhm, Erfolg und Geld und all den Glanz und Glamour zu bekommen, den man zu wollen geglaubt hat. Ich bin verfickt gut in dem, was ich tue. Ich habe wirklich hart gearbeitet, um hier zu sein. Manche Menschen würden alles dafür geben, um in meiner Position zu sein, und an manchen Tagen hasse ich es. Das fühlt sich nicht fair an.“
Wurde denn wirklich „aufgepasst“?
Ich möchte mit diesem Artikel wirklich keine Sorge um Lola Young abwerten oder gar ihren Manager vorbehaltlos in Schutz nehmen. Die Fans und damit auch ich sorgen sich, dass Lola vielleicht zu einem Arbeitsmaß gepusht wurde, dass ihr nicht gut tut. Ob dem so ist, ist mit einem Blick von außen aber natürlich schwer zu sagen. Nick Shymansky und Lola Youngs Label müssen sich kritische Fragen durchaus gefallen lassen, aber es war zum Beispiel auch Shymansky, der den vorherigen Gig in Newark im Namen von Young absagte – und zugab, dass die Absage auf sein Anraten erfolgte.
Andererseits kam eben gerade Lola neues Album raus, und sie befand sich in einer recht internationalen Promophase – mit einigen sehr fordernden Auftritten vor einem Millionen-TV-Publikum. Musste man da gleich US-Tour-Verpflichtungen hinterher schieben? Das sind Fragen, die man durchaus diskutieren sollte.
Das wäre, finde ich, auch effektiver und für andere Künstler:innen mit ähnlichen Problemen hilfreicher, als sich schon jetzt auf einem vermeintlichen Schuldigen einzuschießen, der vor allem wegen seiner Historie verdächtig erscheint. Wenn man hier eine Schuld finden kann, dann vielleicht eher in dem System Musikindustrie, das im heutigen Tempo fordernd und Kräfte zehrend ist und auch Menschen ohne psychische Erkrankungen auf die Knie bringen kann.
Auch sollten wir alle mal überlegen, welchen Twist wir diesen Entwicklungen in TikTok-Videos und Artikeln geben: Die gerade überwiegende Lesart scheint zu sein, dass man hier eine Künstlerin straucheln oder gar untergehen sieht. Man kann es aber auch so sehen, dass hier eine Künstlerin, die gerade ein fantastisches Album veröffentlicht hat (was auch schon ein emotionaler Kraftakt ist, vor allem, wenn man so schonungslos offene Lieder schreibt wie Lola Young), mit ihrem Team den genau richtigen Move macht – innehält, sich eingesteht, es überrissen zu haben – und sich in Ruhe und hoffentlich mit professioneller Hilfe um ihre mentale Gesundheit kümmert.
Alle in der Musikindustrie reden darüber, wie wichtig Mental Health sei – diese harte und wirtschaftlich sicher nicht unkomplizierte Entscheidung wiederum beweist irgendwie auch, dass man die Sache zumindest bei Lola Young und ihrem Team ernst meint.
Wie bereits geschrieben: Die absolute Wahrheit kennen wir nicht. Sorge um Lola und Kritik an Management-Entscheidungen von Seiten der Fans sind berechtigt und erwünscht. Aber voreilige Schuldzuweisungen, bloß weil sie eine gute Headline liefern, helfen auch niemandem weiter. Und K.I.-TikTok-Videos, in denen eine Fake-Lola-Young-Stimme erzählt, dass sie ihr Team habe feuern wollen, weil sie ständig zum Arbeiten gezwungen werde und ihr Manager ja schon Amy zu Tode hat schuften lassen, schon gar nicht. Kein Witz, das gibt es wirklich – und die Kommentare zeigen, dass nicht alle merken, dass hier jemand mit K.I. Traffic abgreifen will.
Deshalb hier abschließend vor allem die Worte: Gute Besserung, Lola Young! Ich liebe deine Songs, halte dein Roskilde-Konzert, das ich diesen Sommer erleben durften, in schillernder Erinnerung, höre jetzt eifrig weiter dein Album und hoffe darauf, dich vielleicht im nächsten oder übernächsten Jahr motiviert und ausgeruht wieder live sehen zu können.
Und bis dahin werde ich sicher ebenso das ein oder andere mal, Amy Winehouses „Frank“ auflegen und um diese tolle Sängerin trauern, die viel zu früh von uns gegangen ist – und die noch nicht das Glück hatte, in einem Umfeld zu leben, in dem man bei öffentlich strauchelnden Popstars auch mal fragt, wie es um ihre mentale Gesundheit und um ihr persönliches Umfeld steht.
Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: SSIO
Außerdem im Heft: Interviews mit badmómzjay, t-low, Magda, Paula Engels, fcukers, Betterov uvm. Außerdem große Reportagen über Kneipenkultur, Queer Rage und Essays!