„Made in Pain“: Sierra Kidd veröffentlicht sein letztes Album auf Deutsch
Das letzte Jahr endete mit einem schweren Schicksalsschlag für Sierra Kidd: Im November musste der Rapper aus Emden seinen kleinen Bruder zu Grabe tragen. Nach diesem tragischen Verlust setzte Sierra Kidd ein Statement ab: Ab hier alles auf Englisch, alles auf Anfang, Träume zur Realität machen, denn das Leben ist kurz. Mit „Made in Pain“ veröffentlichte der TFS-Chef zum Jahresende sein vorerst letztes Album auf Deutsch und sein vielleicht bisher rundestes.
Wer seinen Lebensweg kennt, kommt nicht umhin Sierra Kidd zu respektieren. Der Rapper aus Emden hat schon in jungen Jahren mehr gesehen, als für ein ganzes Leben gut ist: Häusliche Gewalt, Armut, eine zerrissene Familie. Der schon zu Schulzeiten einsetzende Erfolg als Schützling von RAF Camora, tat dann sein übriges. Sierra Kidd rutschte ab, verkehrte in den falschen Kreisen mit den falschen Leuten und den falschen Substanzen. Trotz dieser Voraussetzungen geht Kidd mit erhobenem Haupt durch sein Leben und schaut gleichermaßen erfüllt von Schmerz wie auch Stolz auf seinen Weg zurück.
„Lange lebe Jonah“
Dieser Weg führt den Rapper und Label-Chef nun in eine neue Etappe. Denn mit seinem neuen Album „Made in Pain“ könnten wir Sierra Kidd vielleicht zum letzten Mal in seiner Muttersprache hören. In einem inzwischen gelöschten Statement auf Instagram reflektiert er den Tod seines Bruders und die tragischen Umstände, unter denen das Album entstanden ist. „Made in Pain“ ist das Produkt von einem halben Jahr im Krankenhaus. Das eine Album, in das Sierra Kidd all die Qualen und Leiden steckt, die ihm widerfahren sind. Das eine Album, das perfekt durchgeplant und vermarktet sein soll.
Aber als sein kleiner Bruder Jonah stirbt, verliert all das an Bedeutung. Sierra Kidd beschließt, dem Deutschrap den Rücken zu kehren und seine Musik auf Englisch für die ganze Welt hörbar zu machen. Mit seinem Überhit „Living Life In The Night“ hat das ja bereits schonmal gut geklappt. An sein Label wendet er sich mit der simplen Bitte, „Made in Pain“ zu veröffentlichen – egal wie. Also erscheint die Platte am Tag vor Silvester, pünktlich zum Endes eines alten Jahres und eines alten Kapitels, aber auch in einer Zeit, in der Releases häufig in der allgemeinen Feierei untergehen. Und das hat dieses Album nicht verdient.
Von Nichts zu Geld, Macht und Respekt
„Made in Pain“ beginnt mit einem gesungenen Stück ohne Drums, dafür mit einem Gospel-Chor. „Ich balanciere gut und schlecht manchmal eher schlecht als gut / Wie mein Gesichts-Tattoo, eher schlecht als gut / Ich war jahrelang auf Abruf, wenn die Gang mich ruft / Doch jetzt ruf ich die Gang und nur wer kommt gehört dazu“, rappt Sierra Kidd. Solche Momente der ungeschönten Verletzlichkeit gehen auf „Made in Pain“ Hand in Hand mit Flex und Ansagen – „Geld Macht Respekt“, alles hart erarbeitet. Er krönt sich zum König der Blocks, die ihn geformt haben, fährt in teuren Autos durch das Viertel, im Wissen, dass diese bedeutungslos sind. Mit „Bitch“ verliert er abschließende Worte an alte Weggefährten, auf „Müde“ an seinen Vater, der nie wirklich in seinem Leben statt fand: „Hoffe diese Firma, die ich aufbau, wird so riesig, dass ich sagen kann, es war mir nie ein Stein im Weg, dass du nicht hier bist – auch wenn’s ‘ne Lüge wär“.
Jedem Ende wohnt ein Anfang inne
Aber Kidd hat auch warme Worte für alle, die noch da sind. Mit einem sage und schreibe 11-minütigem Freestyle beendet er sein Album und bedankt sich bei seinen Team Fuck Sleep-Gefährten, bei Cheriimoya, bei Freunden und Kollegen und solchen, die es einmal waren. Und bei Gott, vielleicht die größte Stütze, der immer wieder über allem schwebt. „Das war mein letzter Blick zurück. Ich schließe ab mit allem“, rappt Kidd in den letzten Sekunden der Platte und so fühlt sich das auch an. Aber „Made in Pain“ ist kein Ende, sondern ein Anfang. Das hat Sierra Kidd zum Start des Jahres bekräftigt: Mit „first of the first“ erschien am 1. Januar direkt die nächste Single, natürlich wie angekündigt auf Englisch. Sierra Kidd hat noch viel zu erzählen und keine Zeit zu verlieren, denn das Leben ist kurz.
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