Mehr Glücksgefühle wagen!
Hallo zusammen!
Es wäre ein Leichtes, heute nur apokalyptisch drauf zu sein – und wir kämpfen wirklich hart, um den angepissten Rant runterzuschlucken, der uns im Halse hängt. Gestern wurde in Sachsen-Anhalt gewählt. 44 Prozent der Wählenden haben sich dabei für einen gesichert rechtsextremen AfD-Landesverband entschieden, dessen Spitzenkandidat Ulrich Siegmund teilweise von Leuten umgeben ist, die kaum noch einen Hehl draus machen, dass sie die Nazizeit doch schon ganz schön geil fanden. Trotzdem: Man tut der AfD und ihrer vor allem im Netz sehr aktiven Wähler:innenschaft einen Gefallen, wenn man jetzt nur noch schwarzsieht. Das Wahlergebnis ist verheerend, ohne Frage, aber Sachsen-Anhalt ist eines jener Bundesländer, dass die AfD seit Jahren sehr intensiv gegroomt und bearbeitet hat. Ein Bundesland, das viele (aber längst nicht alle) dort geborene, stabile Menschen verlassen haben. Ein Bundesland, das geflutet wird von Freizeitangeboten der AfD, von rechtsgerichteten Gratis-Zeitungen, die oft von AfD-nahen Millionären finanziert werden, von dem Fake-News- und Überspitzungs-TikTok-Geballer, in dem die AfD so gut ist. Für die Alleinregierung der AfD hat es trotzdem noch immer nicht ganz gereicht. Und dann muss man eben sagen: Viel Glück beim Koalitionspartner suchen! Auch, wenn die AfD so tun wird, als wäre das nicht auch Demokratie, dass andere Parteien (hoffentlich) nicht mit einer Partei zusammenarbeiten wollen, die offen demokratiefeindlich operiert und täglich halb Deutschland beleidigt und abwertet – ist es nun mal deren gutes Recht. Siegmund hat ja besoffen von all dem Zuspruch auf all den AfD-Volksfesten (by the way: Wer hat die eigentlich alle bezahlt?) immer wieder gesagt, er wolle nur allein regieren. Jetzt, wo das nicht geklappt hat, faselt er von Neuwahlen, während der Bundesvorstand seiner Partei übrigens was anderes sagt.
Anyway: Es gab aber eben auch ein bisschen Hoffnung, dass noch nicht alles am Arsch ist. Und die kam zu großen Teilen aus unserer Musikwelt. Wer zum Beispiel die Crowd und die Artists beim Demokratiefest in Magdeburg am Samstag sah oder andere Kundgebungen in ganz Deutschland, merkte wieder einmal, was wir gar nicht oft genug betonen wollen: die bessere Musik, die jüngeren Menschen und ja – auch die weitaus größeren Crowds – haben immer noch die Gegner der AfD. Das ist eine Tatsache, die man viel zu oft unerwähnt lässt, weil es auch für die etablierten Medien eben anscheinend eine perverse Faszination hat, sich lieber anzuschauen, wie Ulrich Siegmund 2.000 Leute um sich versammelt (und vorher 10.000 ankündigte), von denen viele mit fragwürdigen Meinungen und T-Shirts anreisen.
Und dann gab es ja auch noch zwei der politischsten Festivals des Jahres an diesem Wochenende: das ehrenwerte Jamel rockt den Förster und das Glücksgefühle Festival. Ersteres haben wir hier schon oft gefeiert, letzteres ist neu im Kreise der politischen Open-airs. Und das ist ungefähr das letzte, was sich die Veranstalter Markus Krampe und Fußballspieler Lukas Podolski gewünscht hatten. Krampe hatte eigentlich das Gegenteil im Sinn und die Band Alphaville ausgeladen, weil deren Sänger Marian Gold politische Songs wie „Forever Young“ oder „Carry The Flag“ gerne auch politisch anmoderiert. Da er ein Demokratie-Fan ist und zur queeren Community steht, disst Gold dabei auch gerne mal die AfD – vor allem, wenn es auf eine Wahl zugeht. Krampe wollte nun genau das nicht, weil sich bei einer 80er-Party, die er organisiert hatte, einige Menschen beschwert hätten, dass die politischen Aussagen von Alphaville die Stimmung getrübt hätten. Als Alphaville das mit einem Statement publik machten, ging der wohlverdiente Shitstorm los. Das Line-up vom Glücksgefühle setzt nämlich auf zahlreiche extrem erfolgreiche Acts, die eine klare politische Haltung haben: sei es Zartmann, 01099, Nura, Fee Jaehn oder auch ein Mark Forster. Obwohl Krampe zurückruderte, kamen Alphaville nicht. Dafür machte aber fast jeder Act auf der Bühne politische Ansagen – und wer das Event zum Beispiel auf TikTok verfolgte oder vor Ort war, wurde bestens unterhalten (allein Jaehns queere Party, die er mit einem Remix von „HAUSVERBOT“ von der Sonos Cliq eröffnete, war ein Fest. Besonders erfreulich war dabei, dass selbst die Schlager-Stars im Line-up mitmachten (Grüße gehen raus an Mia Julia) und auch dieses Festival wieder sehr deutlich zeigte, dass die feiernde und musikhörende Mehrheit in Deutschland eher nicht so Team AfD ist. Selbst wenn man Krampe anrechnen muss, dass er einen Fehler erkannt hat, ist es doch tragisch, dass er diesen Move mit Alphaville überhaupt versucht hat. Es ist schließlich eine beliebte Taktik der im Netz aktiven Rechten (und/oder AfD-Sympathisanten und -Bots), von Künstler:innen einzufordern, doch bitte „unpolitisch“ zu sein – was eh eine der politischsten und übergriffigsten Forderungen ist, die man als Publikum oder als Veranstalter an einen Act stellen kann. Als Veranstalter auf diese Stimmen zu hören, vor allem gegen eine Band, deren politische Haltung alles andere als extrem ist – ist nicht weniger als eine Kapitulation. Und eine Unverschämtheit, wenn man aus Profitgründen gleichzeitig all die hippen, jungen Acts der höheren Charts-Regionen bucht, die trotz oder gerade wegen ihrer politischen Haltung diese junge, diverse, große Crowd an den Hockenheimring ziehen, die Krampe und sein Team dann so gerne für das Aftermovie und die Sponsoren-Clips filmen. Der Glücksgefühle-Eklat und die Reaktion der Musiker:innen sowie des Publikums darauf haben uns aber etwas gezeigt, aus dem man vielleicht doch noch Trost und Kraft für die nächsten Jahren und Wahlen ziehen kann: Dieser Trotz, den Krampe da provoziert hat, der ist eine verdammt gute Energie für den Kampf gegen rechte Populisten und ihre Menschenfänger-Tricks. Viele Reden, Coverversionen, Chöre, Publikumsreaktionen au auf dem Glücksgefühle Festival waren getrieben von einem euphorischen „Jetzt erst recht!“, das Wut, Haltung, Humor und Leidenschaft sehr gut abgeschmeckt hat.
Deshalb hier an dieser Stelle auch mal ganz populistisch, unser und gerne auch euer Vorsatz und Arbeitsauftrag für die nächsten Jahre: Mehr Glücksgefühle wagen!
Gentleman im Interview: „Wenn du gesund bist, hast du 1000 Wünsche, wenn du krank bist, nur einen einzigen.”
Nach fast 30 Jahren im Musikgeschäft hat Gentleman eigentlich schon alles erlebt – Nummer-eins-Alben, internationale Tourneen und eine Karriere, die Reggae aus Deutschland weit über die Landesgrenzen getragen hat. Trotzdem kam irgendwann der Punkt, an dem sich der Reggae-Musiker fragte, ob es das vielleicht gewesen sein könnte. Im DIFFUS-Interview spricht Gentleman darüber, wie aus dieser Phase der Zweifel ausgerechnet neue Motivation entstand und warum er für sein neues Album „Gratitude“ erstmals seit Langem wieder ohne großen Plan, Erwartungsdruck oder den Anspruch gearbeitet hat, irgendjemandem etwas beweisen zu müssen.
Unsere Lieblingssongs in dieser Woche
Beginnen wir mit einer stabilen Band, die es schafft, deepe politische und emotionale Themen beim ersten Hören oft ganz leicht klingen zu lassen – bevor sie dann doppelt so hart hitten: Fruchtiger Beigschmack, die zuerst mit Jazz-Covern von Ikkimel-Bangern viral gingen, singen auf „Heimweg“ von einer Angst, die leider immer noch jede Frau kennt. Ein wenig leichter geht es auf Cerens neuer Single zu: „Luftkuss“ ist der perfekte Track, um sich in die letzten Sonnenstrahlen des Sommers zu werfen und sich dabei schon langsam mit der Herbstmelancholie zu arrangieren. Die noisige Alternative-Band Musa Dagh hat inzwischen einen neuen Sound und neues Personal, hat aber nichts an Wucht verloren: Das beweist „Fragments“, das vor allem die Stimme von Sängerin Safi highlightet. Giant Rooks bringen bald ihre drittes Album raus und teasern dieses mit der fast zarten Ballade „The Big Night Out“ an. Last but not least bringen Rika Bender mit „Kreis“ ihren düsteren New Wave auf den Dancefloor. Als einer der spannendsten Tracks ihres Debütalbums „Blut & Beton“ verbindet er treibende Synths, Post-Punk-Kanten und eine Hook, die ihrem Namen alle Ehre macht und sich regelrecht ins Fleisch gräbt.
Album der Woche: Sofie Royer – before/after

Wenn „cool“ eine Person wäre, würde sie vermutlich Sofie Royer heißen. Auf ihrem neuen Album „before/after“ verbindet die österreichisch-iranisch-US-amerikanische Musikerin Art-Pop, New Wave, Dream-Pop und cineastische Referenzen mit Texten über Lebenszyklen und immer wiederkehrende Verhaltensmuster. Gemeinsam mit Produzenten aus dem Umfeld von SZA, Charli XCX und Suki Waterhouse schärft sie ihren ohnehin eigenwilligen Sound noch einmal nach – ohne dabei etwas an Leichtigkeit oder Atmosphäre zu verlieren.
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Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: Ikkimel
Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.