Musikpreis Polyton 2026: Ein Kaleidoskop der Popkulturen
Das Vorspiel einer jeden Preisverleihung wird auf dem roten Teppich vollzogen. An diesem Nachmittag ist er pink und recht kurz geraten, kleinere Platzprobleme verursachen Wuseleien. Reporter:innen sowie Journalist:innen aller erdenklichen Fernsehsender, Radiostationen und Zeitungsblätter drängen sich um Blitzinterviews mit den Gäst:innen.
Es folgt ein glasklar orchestriertes Theaterstück zwischen Fragestellern und Antwortgebern. Max Richard Leßmann offenbart seine Furcht vor Ticketkontrolleuren, Berq bekundet Vorfreude. Der Gehalt solcher Gespräche scheint nachrangig – was aber schon mit der Galaouvertüre ins Blickfeld rückt: Dieser Preis scheint es tatächlich ernst zu meinen mit dem Zelebrieren sämtlicher Schattierungen deutscher Musikgefilde. Heinz Rudolf Kunze trägt einen weißen Seidenschal, Ikkimel hat sich mit einem schwarzen Rokokokleid ausstaffiert, Majans Beine ziert eine durch Strasssteine besetzte Baggyjeans. Hier und heute funkelt ein Kaleidoskop der Popkulturen. Womöglich birgt dieser Preis dabei das Höchstmaß an Glanz und Glam, das hierzulande eben möglich scheint.

Der Preis der Freiheit
Gefördert wurde der Abend vom Kulturstaatsminister. Der parteilose Politiker steht auf der Gästeliste, verzichtet aber auf eine Rede – offiziell, um den Musikschaffenden das Rampenlicht zu überlassen. Die deutlich einleuchtendere Theorie besagt, dass Wolfram Weimer ein abermaliges Buhkonzert wie auf der Leipziger Buchmesse vereiteln wollte. Immerhin einige Worte verliert er auf dem pinken Teppich ins Mikrofon der Dragqueen Bambi Mercury: „Das Tolle an diesem Preis ist – es kommt nicht von den Konzernen, sondern von den Künstlerinnen und Künstlern selbst. Deshalb ist es für mich ein Preis der Freiheit. Wir brauchen die Stimme der Unabhängigkeit in dieser Industrie.“
Worauf Weimer hinausmöchte: Die Kürung der Sieger:innen obliegt einem Gremium aus hundertzechzig Menschen, die verschiedenste Felder der Popkultur bespielen. Seine Sprecherin lautet Balbina. Vor der Verleihung huldigt sie der Musik als verbindendes Element in einer gespaltenen Gesellschaft – ob es sich nun um Schlager oder Straßenrap handle sei einerlei. Tatsächlich zeichnen die nächsten Minuten Sinnbilder der Verbindung, vielleicht sogar einige Symbole der Versöhnung.
Ehrungen im Stakkatotakt
Jedem Genre wurde ein:e Botschafter:in zugewiesen. Herbert Grönemeyer etwa hält die Laudatio in der Sparte Rap. Es hat etwas zugleich Grenzsprengendes und Seelenerwärmendes, wenn er SSIOs Œuvre mit den treffsicheren Worten „Konsequenz statt Kompromiss“ umschreibt. Zwar verhindert eine Tour die eigenhändige Entgegennahme. Als Stellvertreterin aber übernimmt Jasna Fritzi Bauer den Preis – in zwei Tagen wird die Schauspielerin dem Musiker die Trophäe persönlich übergeben, so lautet ihr Versprechen.
Einst wurde in der großen Studiohalle die „ZDF-Hitparade“ aufgezeichnet. Dem „Polyton“ hingegen bleibt eine Fernsehausstrahlung verwehrt. Womöglich könnte an dieser Stellschraube noch geschraubt werden, eine Übertragung würde das Gewicht der kristallähnlichen Trophäe bestimmt verdoppeln. Stattdessen passieren einige Influencer das Gelände – diehuepsche, yungstachel oder iamzuckerpuppe lauten ihre Pseudonyme in der virtuellen Welt. Wahrscheinlich wissen die Contentkreatoren auch nicht so recht, warum sie hier sind, freuen sich aber über die ihnen geschenkte Bühne im Zuschauerbereich.

Giovanni Zarrella und die Geschwister Kummer
Als Heinz Rudolf Kunze und Annett Louisan im Duett „Dein ist mein ganzes Herz“ singen, tönt es ganz zärtlich und steigert sich dann über mehrere Metamorphosen. Für ihre Darbietung erhalten sie den Applaus des Abends. Weil die Auftritte und Ehrungen im Stakkatotakt aufeinander folgen, verwischen auch kleinere Stolperer der Verleihung rasch im Zuschauergedächtnis – schon erhebt sich das nächste Genre, betreten neue Füße die Bühne.
In der eher durchschnittlich grazilen Studiohalle beschert das wirklich hinreißende Lichtarrangement der Gala ihre nötige Grazie. Possierlich anzuschauen ist auch das Zuckertütenlächeln von Wolfram Weimer, der merklichen Gefallen findet am Avantgardehyperpop von Domiziana oder dem Alte-Schule-Rapper Fayan, wenn der sprechsingt: „Ich bin verliebt in mich“. Als der Kadavar-Sänger Christoph „Lupus“ Lindemann mit seiner prächtigen Siebzigerjahremäne dann die Bühne betritt und von seinem Bierkonsum berichtet, gleicht das einer herrlichen Rockstarparodie. Ihren Kulminationspunkt erreicht die Verleihung mit Giovanni Zarrella. Der professionellste Musiker der Galaxie zaubert hunderte Lächeln in die Gesichter der Anwesenden und eröffnet kurzum einen Mikromoshpit mit den Kummer-Schwestern der Gruppe Blond. Diese Momente offenbaren das Wesen des Pop: Menschen, so unterschiedlich wie Apfelbaum und Kokospalme lächeln einander in die Augen und erfreuen sich ihrer blanken Existenz.
Alle Preisträgerinnen:
Schlager: Giovanni Zarrella
Rap: SSIO
Punk: Turbostaat
Pop: Rage Girl Remix
Indie Pop: CATT
EDM: Ellen Allien
Rock: Kadavar
Newcomer: Jonny Mahoro
Hyperpop: Domiziana
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