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Musikstreaming: Indie Musiker:innen schlagen Alarm

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Erst im Februar haben wir darüber berichtet, dass gut die Hälfte der Musikschaffenden in Deutschland nur etwa einen Euro pro Jahr durch das Streamen der eigenen Musik verdient. Das fand das Forschungsnetzwerk Digitale Kultur in ihrem Abschlussbericht zum Musikstreaming in Deutschland heraus. Unabhängig voneinander schlagen jetzt gleich zwei Indie Artists Alarm und geben erschreckende Einblicke in ihren Berufsalltag unter Streamingbedingungen. 

Hinab in den digitaler Abgrund

Stella Sommer ist Songwriterin und Frontsängerin der Popband Die Heiterkeit. Zusammen mit Drangsal ist sie auch als Indie-Pop-Duo Die Mausis unterwegs. Alles andere als heiter und mausig ist jedoch ihre Einschätzung als Vollblutmusikerin unter Streamingbedingungen:

„Momentan fühlt es sich an, als würde man neue Songs beim Veröffentlichen in einen digitalen Abgrund hineinwerfen und das einzige, was man hört ist der dumpfe Aufprall, wenn das Lied auf dem Boden aufschlägt.“ 

Musik sei ihrer Meinung nach durch Streaminganbieter „entwertet“ worden und würde auch im Vergleich zum allgemeinen Welttrubel untergehen. Zusätzlich würden auch Social Media Plattformen wie Meta die Reichweite immer mehr einschränken, was es umso schwerer mache, neue Musik zu promoten. Auch der zunehmende Einsatz von KI mache ihr Angst. 

Am 21. März erscheint das neue Die Heiterkeit Album „Schwarze Magie“, im April und Mai geht es gleich auf Tour. Um Indie Artists auch fernab des Musikstreamings zu unterstützen, gibt Stella Sommer fünf einfache Schritte an die Hand:

  • Geht auf die Konzerte
  • Kauft die Platte / Kauft den Merch
  • Abonniert den Newsletter
  • Erzählt es euren Freunden
  • Reagiert, wenn diese Musik etwas mit euch macht (!)

Mein Album heißt nicht ohne Grund ‚has-been‘

Noch tiefere Einblicke gibt Malte Huck mit seinem Soloprojekt Beachpeople. Der Ex-Bassist von AnnenMayKantereit verließ im Jahr 2020 die erfolgreiche Band um Henning May, um sich künstlerisch wieder freier Entfalten zu können. Machen worauf man Bock hat, hat aber auch seinen Preis: „Mein Album heißt nicht ohne Grund ‚has-been‘, denn wenn es so weiter geht, dann werden mein Projekt und viele andere genau das bald sein.“

In seiner Instagram-Story rechnet er detailliert vor: Er gehe bald Europa-Tour. Sollte diese ausverkauft sein, komme er gerade mal bei Null raus. Stand heute rechne er jedoch mit einem Verlust in vierstelliger Höhe. Auch im Streamingbereich wird es nicht besser: Er habe ca. 170.000 monatliche Hörer:innen, im letzten Jahr knapp 4,5 Millionen Streams. Dabei kamen etwa 6.000 Euro bei ihm an, also 500 Euro im Monat und darauf noch steuerliche Abzüge. Sein Album habe in der Produktion jedoch das vierfache gekostet, einige Rechnungen seien noch unbezahlt. Er wolle „nicht undankbar erscheinen“ und „habe viel Glück, aber keine Rechnung scheint mehr aufzugehen und alle Hilfeschreie von Kulturschaffenden verpuffen“.

Auch im Fazit ergänzen sich beide Indie Artists unterbewusst gegenseitig: „Ohne Musik wär alles noch viel schlimmer“, schreibt Stella, während Malte bemerkt: „Mich schmerzt das sehr, weil wir erst im Nachhinein merken werden, was für ein unfassbar wichtiger Teil unserer Leben verloren geht und wir kriegen noch nichtmal mit, wie viele wunderschöne Träume und Kunst gerade einfach platzen und verloren gehen.“

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