Neue Studie: Warum verdienen Artists kaum Geld mit Streaming?
Dass die Vergütung von Künstler:innen durch Streaming ein umstrittenes Thema ist, ist nichts Neues. Seit Spotify 2023 das Pro-Rata-System eingeführt hat, haben sich Musikschaffende immer wieder dagegen aufgelehnt. Der Grund: Sie verdienen in diesem Modell kaum Geld. Mehr als 68 Prozent erwirtschaften mit ihrer gestreamten Musik weniger als ein Euro im Jahr. Betroffen davon sind allen voran Newcomer:innen und kleinere Artists. Das Pro-Rata-System bedeutet, dass Artists nicht für ihre tatsächlichen Streams bezahlt werden, sondern nach ihrem Anteil an den gesamten Streams. Es ist eine logische Schlussfolgerung, dass bekannte Künstler:innen dementsprechend eine größere Kelle aus dem Goldtopf schöpfen als kleine Indie-Artists.
Wie lückenhaft dieses System ist, zeigte jetzt nochmal eine Studie des Forschungsnetzwerk Digitale Kultur. Mit der Veröffentlichung des Abschlussberichts der BKM-geförderten Studie zum Musikstreaming in Deutschland wird auf die Missstände in der Streaminglandschaft aufmerksam gemacht.
Die Studie zu Streaming
Die Studie verwendet einen sogenannten Mixed-Methods-Ansatz. Das heißt, es wurden sowohl wissenschaftliche als auch nicht-wissenschaftliche Texte zu Rate gezogen. Über 60 Interviews mit Akteur:innenen der Musikindustrie wurden geführt. Deutschlandweit wurden rund 3.000 Musikschaffende zur Vergütung durch Musikstreaming befragt, von denen aber nur 21 Prozent ihren Unterhalt mit der Musik finanzieren. Es gab eine Datenanalyse des deutschen Marktes für Musikaufnahmen über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren. Außerdem betrachtete man Rechtsgutachten über die Transparenz in der Vergütung im Musikstreaming.
Anders gesagt: Die Studie zeigt auf, wo es Verbesserungsbedarf im Musikstreaming-Markt braucht. Denn, dass 75 Prozent der Umsätze auf 0,1 Prozent der Artists verfallen, spricht erstmal für sich.
Streaming must be funny in a rich mans world
Die Gewinner- und Verlierereffekte des digitalen Wandels im Musikstreaming hängen laut der Studie mit den systematischen Strukturen zusammen. Obwohl das Streaming im Allgemeinen natürlich für eine Vielfalt im Genrebereich gesorgt hat und den Zugang zu Musik für die breite Allgemeinheit vereinfacht hat, leiden darunter vor allem die kleinen Artists. Umsatzstarke Genres werden mehr gefördert. Newcomer:innen, Musikschaffende, die unter einer bestimmten Umsatzschwelle liegen oder umsatzschwache Genres im Allgemeinen, werden eingeschränkt. Derzeit wird bei Spotify ein Minimum von 1.000 Streams vorausgesetzt, damit man überhaupt eine Vergütung erhält.
Das nutzerorientierte Vergütungsmodell
Diese Diskrepanz kann durch gezielte Maßnahmen verringert werden. In der Studie gaben 75 Prozent der Befragten an, dass sie sich ein nutzerorientiertes Vergütungsmodell wünschen. Darin läge der Fokus nicht mehr auf der Anzahl an gestreamten Songs, sondern auf den Hörgewohnheit der Nutzer:innen. Das Geld, das durch Streaming-Abos eingenommen wird, würde in dem Fall nicht mehr in einen Topf fallen und auf die Artists mit den meisten Streamingzahlen verteilt werden. Stattdessen würde die Abo-Gebühr der einzelnen User:innen einzeln verwaltet und auf deren gehörte Artists aufgeteilt werden.
Ein Beispiel dazu: Hörst du in einem Monat nur zwei Artists, dann würde das Geld, das du für den Streaminganbieter zahlst, unter diesen beiden Artist prozentual verteilt werden. Hörst du hingegen viele verschiedene Songs von verschiedenen Musiker:innen, dann würde sich das Geld entsprechend auf alle verteilen. Schon frühere Studien dazu haben gezeigt, dass sich bei gut 20 Prozent der Artists der Umsatz durch Streaming im nutzerorientierten Vergütungsmodell im Schnitt verdoppeln würde.
Am Ende braucht es ein Gesetz
Viele – allen voran kleine Artists – stehen unter enormem Druck. Die Musik als reine Einnahmequelle reicht nicht aus, das machen die Umfragen der Studie deutlich. Abgesehen von der schwierigen Vergütungssituation im Streaming bereiten auch der Wegfall von Live-Auftritten, das Clubsterben und die Inflation Kopfschmerzen. Und als würde das nicht schon reichen, ist es für Musikschaffende sehr schwierig nachzuvollziehen, wie sich die Vergütung im Streaming überhaupt ergibt. Die Studie identifiziert, wie intransparent das Streamingfeld ist. Die Lizenz- und Vergütungsketten sind komplex, Berechnungen der Umsatzverteilung kompliziert und der Zugang zu Vergütungsdaten schlichtweg nicht da. Ohne dieses Wissen haben die Artists kaum eine Chance, für ihre eigenen Rechte einzustehen.
Es herrscht also Handlungsbedarf! An erster Stelle braucht es dafür aber mehr Transparenz im Streaming und eine rechtliche Grundlage, das ist letztendlich auch der Outcome der Studie. Gemeint ist damit unter anderem ein gesetzlicher Rahmen, der die Urheber:innen schützt und unterstützt. Dafür muss es eine Rechtsgrundlage geben, durch die Musikschaffende verstehen können, wie ihre Erlöse durch das Streaming verteilt werden. Wie die Studie zeigt, ist das aktuell noch nicht der Fall.
Geht auf Konzerte!
Das meiste Geld nehmen Artists also definitiv nicht durch Streaming ein. Zumindest nicht im Pro-Rata-System. Stattdessen – das gaben 34 Prozent der 3.000 Befragten an – gewinnen die Künstler:innen den größten Anteil durch Live-Auftritte. Wer also Artists direkt unterstützen will investiert lieber mal wieder in Konzerttickets. Abgesehen davon schadet Merch kaufen natürlich auch nie.
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