Neue EP von Apollo Sissi: Im Auge des Gefühls-Sturms
Im letzten Jahr schrieb Apollo Sissi wenige Tage vor Release seines Debüts „Shady & Schön“ auf Instagram: „Alles Sound für den Sommer“. Und wie er damit Recht hatte! Auf 16 Songs beschwört der Newcomer hier die fabelhafte Welt des Apollo Sissi herauf, irgendwo zwischen dem römischen Sonnengott und der österreichischen Kaiserin, mit denen er sich den Namen teilt. Mit gesundem Selbstbewusstsein, aber auch einem verschmitzten Augenzwinkern, stolziert der Rapper über die vergoldeten Sample-Beats, als wäre er die Mensch gewordene Perfektion.
Du, ich und Alice
Von dieser Utopie seiner selbst scheint sich Apollo Sissi mit der neuen EP „the most beautiful storm you can imagine“ vorerst verabschiedet zu haben. Stattdessen ziehen sich Risse durch die goldene Fassade, das zeigten schon die Vorabsingles zum Projekt. Da wären „lost“ und „luft“, zwei schwärmerische Songs über eine besondere Person und die Drogen, die man zusammen nimmt: „Habe mich in dich verguckt / Sitzen auf Bushaltestelle, sind druff / Du schmeckst nach Pfefferminz / Letzter Schluck aufgebraucht, LSD / Darf ich mit dir heute Alice sehen?“. Beide Songs pulsieren im Rhythmus von schimmernden Electronica-Beats und Serotonin-Schüben, während bei „hasse alles (außer dich)“ die Glücksgefühle aufgebraucht scheinen. Stattdessen gibt es hier den verkaterten Soundtrack für die Rückkehr aus Alice’ Wunderland, „Kuschel-Hip-Hop“, wie Apollo Sissis selbst dazu sagt.
Ein emotionales Gewitter
Auch die übrigen Songs von „the most beautiful storm you can imagine“ zeigen den Interpreten mit einer neuen Verletzlichkeit, die sich auch in der Performance wieder spiegelt. Die einzelnen Zeilen und Produktionen sind nicht zur Perfektion getrimmt, sondern lassen Stolperer und Imperfektion zu, eben „Freestyles für dich“, wie der zweite Song der EP titelt. „Die EP erzählt davon, das meine Gefühle mit Wetter verglichen werden könnten. Es gibt Sonne und es gibt Regen und es gibt Stürme und Gewitter und Donner und Blitz und Liebe und Hass… Es sind persönliche, tiefe Einblicke, in das was ich bin, was ich fühle, was ich denke, was meine Werte sind, was sie nicht sind. Welche Schwierigkeiten ich vielleicht habe, aber auch welche schönen Seiten ich bisher am Leben entdecken konnte“, erzählt Apollo Sissi über die (Un-)Wetter-Metapher.
Hyper-Sensibilität und Hyperpop
Und tatsächlich lässt der Newcomer tief blicken. So singt er im Herzen der EP über flirrende Patchwork-Sample: „Vodka, Hände, Lippen / Babe, du tanzt und fickst mit anderen / Ausgemacht war, dass wir alles machen können“. Dieser neue Mut zur Hyper-Sensibilität wird passend mit Hyperpop vertont, oder zumindest Anleihen davon. Das elektronische Gefrickel und Rauschen und das freie Spiel mit anderen Genres klingt futuristisch, erinnert aber auch an den „Emo-Rap“ der 2010er, für den Acts wie Gerard, Errdeka oder allen voran Casper bekannt waren. Das Ende der EP täuscht dann die Ruhe nach dem Sturm an, schaukelt sich dann aber doch wieder hoch: „Ich liebe dich immernoch, immernoch, immernoch“. Der Sturm tobt weiter, zerstörerisch und exzessiv, aber eben auch schöner, als wir ihn uns je ausmalen könnten.
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