Ohne (viele) Worte: Godspeed You! Black Emperor
Eigentlich wollten wir die etwas kalauernde Headline „Ohne Worte“ benutzen – weil, hö hö, Godspeed You! Black Emperor ja eine Instrumentalband sind. Aber dann fiel uns auf, dass Worte im Kosmos dieser seltsamen Band, die so gut wie nie Interviews gibt, im Gegenteil eher extrem wichtig sind. Schon der Bandname klingt ja wie ein Lovecraft-Short-Story auf Tweet-Länge. Und wer die Songtitel des aktuellen Albums anschaut, die einen großen Teil ihrer aktuellen Setlist ausmachen, findet beunruhigende Wortfolgen wie diese: „Babys In A Thundercloud“, „Pale Spectator Takes Photographs“ oder „Raindrops Cast In Lead“. Der Albumtitel zeigt ebenfalls, was die Band gerade umtreibt, ohne dass sie groß drüber sprechen müsste: „No Title as of 13 February 2024: 28,340 Dead“. Man kann schnell rausfinden, bei welchem Konflikt diese Opferzahl an diesem Tag gemeldet wurde. Dazu muss man wissen: Efrim Menuck, einer der prägenden Musiker bei Godspeed You! Black Emperor, ist selbst kanadischer Jude und unterstützte zugleich die Entscheidung ihres Labels Constellation Records, ihre Platten nicht mehr nach Israel zu exportieren. Wie das zusammengeht? Na ja, hier wäre es vielleicht doch mal ganz gut, wenn die Band sich etwas konkreter äußern würde …
„Wir waren stolze und schüchterne Wichser.“
Aber auf Interviews kann man lange warten. Eines der seltenen, die man findet, ist ein Mail-Interview mit dem britischen „Guardian“ aus dem Jahr 2011, als sich Godspeed nach zehnjähriger Pause wieder zusammengefunden und gerade ihr Album „’Allelujah! Don’t Bend! Ascend!“ veröffentlicht hatten. In ausufernden, wortreichen, aber spannenden Antworten, erklärten sie dort zum ersten Mal ihren Antrieb: „Wir begannen damit, gemeinsam dieses Krach zu machen, als wir jung und pleite waren – das Einzige, was wir mit Sicherheit wussten, war, dass professionelle Musik-Journalist:innen hoffnungslos abgehoben waren und sich außer uns niemand für den Scheiß interessierte, den wir liebten. Mit Freelancern über Punkrock zu reden, war damals wie heute so, als würde man bei einer Benefizveranstaltung furzen, und dann rausgeschmissen werden. Wir wussten, dass es da draußen noch andere Leute gab, denen es genauso ging, und wir wollten die aus unserer Sicht unnötigen Hürden umgehen und diese Leute selbst finden. Wir waren stolze und schüchterne Wichser, und so haben wir uns auch mit der Welt auseinandergesetzt. Wir beschlossen also: keinen Sänger, keinen Anführer, keine Interviews, keine Pressefotos. Wir spielten im Sitzen und projizierten Filme auf uns. Keine Rock-Posen. Wir schrieben Songs so lang oder so kurz, wie wir wollten. Feedback-Aufnahmen im Keller mit Zigarettenkippen in den Ohren.“
Vieles davon ist noch heute so – und es zeigt sich schon lange, dass gerade diese Entscheidungen für viele den Reiz der Band ausmachen. Ihr bei Spotify erfolgreichster Song „Storm“ hat zum Beispiel elf Millionen Streams bei einer Spielzeit von über 22 Minuten. Kann also niemand behaupten, dass die Fans nicht auf lange Songs stehen. Aber so „schüchtern“, oder „geheimnisvoll“, oder einfach von der Musikpresse abgefuckt Godspeed auch sind, kann man nicht sagen, dass sie sich verstecken. Wer ihnen nahekommen will, muss „nur“ in ihre Heimatstadt Montreal („a lovely rotten town“, so die Band) reisen und dort zum Beispiel das Casa Del Popolo im Mile End besuchen, das an der kulturellen Hauptschlagader der Stadt, dem Saint Laurent Boulevard, zu finden ist. Die Mischung aus Galerie-Shop, Bar und Konzertlocation wird u. a. von einem Mitglied der Band Godspeed You! Black Emperor geführt und ist seit Jahren Pilgerstätte für die hiesige Indie-Szene.
Konzerte dieser Band funktionieren ein wenig anders
Oder aber: Man geht auf ein Konzert von ihnen. Wie wir am Montag im Huxleys in Berlin. Wer das schon ein paar Mal gemacht hat, weiß, dass diese Abende ein wenig anders funktionieren als „normale“ Rockkonzerte. Da kann es schon mal passieren, dass man einen Bekannten trifft und dieser ganz offen sagt, er können sich gerade nicht unterhalten, er müsse sich mental auf das Konzert vorbereiten. Oder man sieht mal eben die halbe Indie-Elite Berlins in der Einlass-Schlange. Auch die Gespräche vor Beginn erscheinen irgendwie leiser also sonst, aber vielleicht bildet man sich das auch nur ein. Auf was aber Verlass ist: Am Merch-Stand gibt es nur ein Motiv, aber das ist in der Regel fantastisch. Der „Guardian“ schrieb in seiner Konzertreview vom London-Gig, es gäbe „Eras Tour-ähnliche Zustände“ am Merch und das kann durchaus mal passieren, wenn man den Anfängerfehler macht, erst nach der Show das aktuelle Tourshirt zu kaufen.
Die Konzerte von Godspeed You! Black Emperor beginnen in der Regel mit einem Song namens „Hope Drone“, der schon viele Änderungen durchlebt hat und nie auf einem Album landete. Er ist eine Mischung aus Intro und Warmspielen, entwickelt mit den Projektionen auf den großen Leinwänden hinter der Band aber schon die Wucht eines ausgewachsenen Godspeed-Songs. Über den wechselnden Motiven flackert immer wieder das Wort „Hope“ in einer Schrift, die wirkt, als hätte man sie in das Bild gekratzt. Ab da beginnt dann etwas, dass immer wie eine Art Gruppenhypnose wirkt. Godspeed spielen konzentriert, bedächtig, mal leise-melancholisch, mal ohrenbetäubend laut, ihre Lieder. Und während die Musik die eigenen Gedanken wandern lässt, grübelt man immer wieder über die Bilder, die sie ihren Songs an die Seite stellen – die übrigens nicht von einem Laptop mit Beamer kommen, sondern tatsächlich aus insgesamt vier 16mm-Filmprojektoren, die hinter dem FOH von Hand bedient werden.
Brennende Wälder, Betonskelette, gigantische Bohrinseln
Bei der aktuellen Tour werden jeweils zwei Filme nebeneinandergestellt. Manchmal ist die Message dabei wenig subtil. Zum Beispiel, wenn man brennende Wälder, Ölbohrtürme und gigantische Bohrinseln sieht, oder wenn links Aktienkurse flimmern und rechts riesige, unvollendete, wie Betonskelette wirkende Hochhäuser in Schwarz-Weiß mit der Kamera umflogen werden. Aber dann gibt es wieder diese verschwommenen Bilder, die Raum für verschiedene Assoziationen zulassen. Blätter, die einen Fluss hinabtreiben, aber in Schwarz-Weiß und so abstrakt gefilmt, dass man kurz glaubt, man sehe hier Nachtkamera-Bilder eines Raketenangriffs. Manchmal sind die Filmbilder so bearbeitet, dass es wirkt, als hätten sie selbst Feuer gefangen. Hier liegt sicher auch ein sehr großer Reiz von Godspeed You! Black Emperor: Sie sind mindestens so sehr Videokünstler:innen, wie sie Musiker:innen sind.
Was der Band live sehr zugute kommt, denn musikalisch betrachtet muss man schon sagen, dass Godspeed ihre Formel längst gefunden haben und sich nach acht Studioalben schon mal wiederholen. Was dann live nie auffällt, weil man eben auch einer visuellen Reizüberflutung ausgesetzt ist. Die überraschendsten musikalischen Momente kommen meistens, wenn Co-Gründungsmitglied und Violinistin Sophie Trudeau ihre Akzente setzt, oder Godspeed den Wunsch nach einem lärmenden Ausbruch mit ambient-artigen, ruhigen Parts entgegenwirken.
Nach den gut zwei Stunden geht man dann apokalyptisch gestimmt, verloren und selig zugleich nach Hause – und fühlt sich dabei fast ein wenig wie Cillian Murphy als Jim in „28 Days Later“, der zu den Klängen von Godspeeds „East Hastings“ durch das verlassene London streift …
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