„Perverts“ von Ethel Cain: Ein Höllenritt durch den Mittleren Westen
Schon die schauderhaft dröhnende Stimme, mit der Ethel Cain ihr Album und den gleichnamigen Song „Perverts“ eröffnet macht klar: das hier wird kein Feel-Good-Album. Im Gegenteil: Mit „Perverts“ nimmt uns die 26-jährige Hayden Anhedönia alias Ethel Cain mit auf einen akustischen Höllenritt durch den Mittleren Westen der USA. Geboren in einem streng religiösen Umfeld, verarbeitet Hayden mit ihrem Alter-Ego Ethel Cain fiktionalisiert ihr Aufwachsen als trans Frau. Während sie mit ihren früheren Veröffentlichungen wie „Inbred“ und „Preachers Daughter“ schon Motive religiös verankerter Schuld verarbeitete, scheint „Perverts“ voll und ganz dem Horror menschlicher Begierde und der damit verbundenen Scham verschrieben zu sein.
Musik wie aus einem Horrorfilm
Mit ihren früheren Veröffentlichungen verarbeitete Ethel Cain menschliche Abgründe vor allem lyrisch. Kannibalismus, Glaube, Tod und Gewalt waren getarnt unter einem Mantel aus Indie, Folk und cineastischem Pop, der so ähnlich auch von einer Lana Del Rey getragen wird. Davon bewegt sie sich mit diesem Projekt ganz weg. Stattdessen schwebt „Perverts“ zwischen Ambient und Drone-Music. Aufgrund seiner bedrückenden Stimmungen weckt das mehr Assoziationen mit Horrorfilmen wie „The Witch“ oder dem gerade im Kino angelaufenen „Nosferatu“ als mit vergleichbaren musikalischen Werken. Besonders Stücke wie der über fünfzehn-minütige „Pulldrone“ sind beim ersten Hören nur schwer bekömmlich und mehr auditive Erfahrung als konventioneller Song.
Ein nicht enden wollendes Rauschen
Gesang hören wir nur wenig, stattdessen sind die Hörer:innen der Musik schutzlos ausgeliefert. Die Momente, in denen Ethel dann doch mal singt, werden so zu Inseln der Ruhe, an denen man sich verzweifelt versucht, festzuhalten, bevor man von diesem Fluss aus Dröhnen und Rauschen weiter gezogen wird. In „Vaccilator“ werden die Hörer:innen nach zwei Minuten Trommelschlägen erlöst. Auf diese folgt Gesang der fast engelsgleich in den Song hineinzieht bis er wieder von einem dumpfen Rauschen abgelöst wird. Das besagte Rauschen, welches sich kontinuierlich durch das Projekt zieht, ist ein verfremdetes Wasserrauschen, das sie auf den Three Sister Islands bei den Niagara Fällen aufgenommen hat. Dieses Rauschen wird so zum Sinnbild ihrer chronischen Schuldgefühle.
Schon jetzt kursieren in Reddit-Blogs und auf Tumblr Theorien über die Bedeutung des Albums. Trotz vergleichsweise niedriger Reichweite zählt Ethel Cain nicht nicht nur Ex-Präsident Barack Obama, sondern auch die nach ihrem Label benannten „Daughters of Cain“ zu ihren Fans. Dieser Fankult verfolgt nicht nur gespannt die Entwicklung der Musikerin. Sie versorgen das Internet auch mit Memes zum Projekt – denn Lachen hat man nach dem Hören von „Perverts“ bitter nötig.
what it feels like listening to perverts by ethel cain pic.twitter.com/HOOgFngPil
— doggo (@louminousdoggo) January 7, 2025
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