„Silence Is Loud“: Wie Nia Archives das Jungle-Erbe in die 2020er übersetzt
Die Jungle-Beats der 90er feiern dieser Tage ein großes Revival und bahnen sich zunehmend ihren Weg auf die Playlists, Tanzflächen und sogar in die Pop-Musik. Eine wichtige Galionsfigur für dieses Revival ist die britische Sängerin, Produzentin und DJ Nia Archives. Auf ihrem neuen Debütalbum „Silence is loud“ stellt sie unter Beweis, dass hektischer Drum’n’Bass bei 170 BPM erstaunlich catchy sein kann.
Lo-Fi-D’n’B als Pandemie-Soundtrack
Geboren wurde Nia in Bradford, aufgewachsen ist sie aber in Leeds in Nordengland. Ihre Familie ist nur zum Teil britisch, die andere Hälfte ihrer Wurzeln führt nach Jamaika. So war von Anfang an ein Nährboden aus verschiedensten musikalischen Einflüssen gegeben: Reggae, Disco, Rap, Gospel und eben auch Jungle – ein Sound, der entscheidend von der jamaikanischen Community in Großbritannien geprägt wurde. Die goldene Ära dieser rasselnden Beats in Hochgeschwindigkeit hat Nia Archives, geboren 1999, knapp verpasst – umso leidenschaftlicher arbeitet sie daran, sie zurückzuholen.
Seit 2020 veröffentlicht sie eigene Schlafzimmer-Produktionen, die ihr schnell erste Anerkennung einbringen. Songs wie „Sober Feels“ oder „Headz Gone West“ spiegeln das entschleunigte Lebensgefühl der Pandemie wieder. Hier mischt sie Jungle- und Dub-Einflüsse mit einem Lo-Fi-Sound, der sich bis heute in der Musik von Nia Archives findet. Trotzdem hat die Newcomerin ihre Produktionen seither spürbar aufpoliert – ein Prozess, der jetzt mit ihrem Debütalbum „Silence Is Loud“ am vergangenen Freitag einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.
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Nia Archives weiß, was sie will
Vier Jahre für ein Debütalbum erscheinen erstmal ganz schön lang, aber beim Hören merkt man schnell, dass dieser ausgedehnte Reifeprozess gut und richtig war. So hat Nia Archives schon eine klar erkennbare Sound-DNA, die sich wie ein roter Faden durch „Silence Is Loud“ zieht. Immer wieder beweist sie ein Gespür für nostalgische Breakbeat-Cuts, die Tag-1-Junglists wohl die Freudentränen in die Augen treiben dürften.
Das Erbe der 90er trägt Nia Archives mit Stolz und Achtsamkeit weiter, wenn sie daran etwas ändert, pfuscht sie nicht. So ist der Opener eine kreischende Noise-Explosion, die D’n’B mit einem Four-To-The-Floor-Beat in Einklang bringt. Auf der Reprise zu besagtem Song holt Nia das Synthie-Motiv zurück, diesmal allerdings mit Piano und gänzlich ohne Jungle-Action. In diesem reduzierten Gewand erinnert ihr Gesang dann fast schon an den Soul-Pop von Amy Winehouse. Kein Wunder – neben Erykah Badu, Lauryn Hill und Nina Simone gehört sie zu den musikalischen Vorbildern von Nia Archives.
Mehr als ein Hype
Überhaupt nähert sich die Musikerin mit „Silence Is Loud“ mehr denn je der Pop-Musik an. So gleicht der letzte Song „So Tell Me“ fast schon einem melancholischen Indie-Stück mit dramatischen Streichern und einer gebrochenen Protagonistin. Aber auch bei solchen Ausflügen in andere Genres, gelingt es Nia Archives, ihre Jungle-Einflüsse nie zu verwässern, sondern stets sinnvoll weiter zu denken. Ein gesunder Fortschritt, den das aktuelle D’n’B-Revival braucht, um nicht als Hype vorüberzuziehen, sondern sich langfristig in den Pop-Pantheon der 2020er einzubetten.
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