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Spiel mir ein Lied vom Tod: Nachdenken über das Ende mit Kraftklub und Bestatter Eric Wrede

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Ich gebe es zu: Ich habe mich schon immer für Musik interessiert, die das Thema Tod verhandelt. Vielleicht weil diese beiden Dinge in einer sehr prägenden Zeit meiner Jugend miteinander verschmolzen sind. Vielleicht weil ich eine Heidenangst vor dem Ende habe – und trotzdem nicht mit den unsterblichen Eve und Adam aus dem Film „Only Lovers Left Alive“ tauschen möchte. Vermutlich beides.

Meine erste Begegnung mit Trauer und Tod war nicht das Ableben der Großeltern – wie es bei vielen jungen Menschen der Fall ist. Meine erste Beerdigung war zugleich das erste Klassentreffen der Abschlussklasse 10a. Mein Kindergarten- und Schulkumpel Basti war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als er Anfang 20 war. Er war der Typ, mit dem ich als Kind durch niedersächsische Wälder und über den örtlichen Bolzplatz getobt bin. Der Typ, zu dem wir alle aufschauten, weil er so sportlich, beliebt und gutaussehend war. Der Typ, der mich mit der Musik von Nirvana anfixte – morgens im Schulbus, wo er mir seinen Walkman in die Hand drückte und sagte: „Daniel, diesen Song muss du dir anhören!“ Dann spielte er mir eine von MTV mit einem schrottigen Mikro aufgenommene Version von „Smells Like Teen Spirit“ vor.

Wir hatten uns nach der Schule eine Weile aus den Augen verloren, uns aber wenige Tage vor seinem Tod wieder ein wenig angenähert. Auf der Rückfahrt von einer Party hatten wir gemerkt, dass wir in der Zwischenzeit noch mehr zu Grunge-Fans und Musik-Junkies geworden waren und hatten uns zum gemeinsamen Musikhören verabredet. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Bei seiner Beerdigung sorgte der örtliche Pfarrer mit seiner Rede für einen Eklat, aber all seine Freund:innen machten trotzdem eine bewegende Feier daraus: Stundenlang belagerte dutzende Teenager:innen den Friedhof und wollten einfach nicht nach Hause. Irgendjemand spielte immer wieder „Something In The Way“ und saß dabei auf einem Grabsteint. Seitdem jagt es mir jedes Mal ein Schauer über den Rücken, wenn jemand diesen Songs spielt.

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Nirvana – „Something In The Way“ (1994). Cobain sagte einmal über das Lied, er habe es geschrieben, als er wohnungslos war. Die Lyrics klängen für ihn „als würde ich unter einer Brücke leben und an AIDS sterben, als wäre ich krank und könnte mich nicht bewegen und wäre ein totaler Obdachloser. Das war sozusagen die Fantasie davon.“

Wie Mount Eerie seine Trauer zum Album gemacht hat

Bevor ich zu den Interviews mit Kraftklub und Eric Wrede komme, möchte ich euch von einem der schönsten und traurigsten Alben der jüngeren Musikgeschichte erzählen: „A Crow Looked At Me“ vom amerikanischen Songwriter Phil Elverum alias Mount Eerie.  

Full Disclosure: Als ich es heute vor Schreibbeginn noch einmal auf dem Weg zum Bäcker gehört habe, fing ich auf halber Strecke an zu heulen. Ich bin sonst nicht so nah am Wasser gebaut, aber diese elf Lieder machen mich fertig. Und sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie man Tod, Trauer und Verlust zu großer Kunst machen kann.

Der Hintergrund des Albums ist natürlich tragisch: Elverum war mit der Musikerin und Cartoonistin Geneviève Castrée verheiratet. 2015, kurz nach der Geburt ihrer Tochter, wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. Sie starb am 9. Juli 2016, im Alter von 36 Jahren. Elverum überlegte erst, die Musik an den Nagel zu hängen und sich auf seine Rolle als alleinerziehender Vater zu konzentrieren, fand dann aber Trost in Poesie und Songwriting. „A Crow Looked At Me“ ist allerdings kein distanziertes Sinnieren nach einem abgeschlossenen Trauerprozess. Es basiert auf Notizen, die Elverum während des Pflegens und in der Zeit nach dem Tod gemacht hat und ist entsprechend verzweifelt, wütend, niedergeschlagen, traurig. Aufgenommen hat er es in dem Raum, in dem er seine Frau gepflegt hat – und in dem sie gestorben ist.

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Mount Eerie – „Death Is Real“ (2017). Das erste Lied auf dem Trauer-Album „A Crow Looked At Me“ ist eigentlich eine Verneinung der These, dass aus dem Tod Kunst entstehen kann.

Mount Eerie: „Der Tod ist nichts, über das man singen kann.“

Der erste Song des Albums heißt „Real Death“ und widerspricht eigentlich dem, was Mount Eerie da macht. Im Text heißt es: „Death is real / Someone’s there and then they’re not / And it’s not for singing about / It’s not for making into art / When real death enters the house, all poetry is dumb / When I walk into the room where you were / And look into the emptiness instead / All fails / My knees fail / My brain fails / Words fail.“ Das Lied wirkt beim ersten Hören wie ein vertonter Zusammenbruch – ist aber zugleich auch das Aufrappeln danach. In den wenigen Interviews, die Mount Eerie zum Release gab, nennt er den Kreativ-Prozess, der gut einen Monat nach dem Tod seiner Frau begann, manchmal „eine Art Therapie“.

Elverum sagte außerdem, er habe beschlossen, dass er sich bei diesem Thema nicht hinter Metaphern verstecken wolle, wie er es zuvor gerne getan habe: „Ich hatte all diese Songs darüber, dass ich missverstanden werde und darüber, wie ich immer wieder versuche, Dinge zu erklären – aber jetzt habe ich das Gefühl, dass das alles vorbei ist. Ich versuche nicht mehr, Metaphern zu verwenden. Keine Verzierungen, keine Metaphern oder Beobachtungen.“ Auch das autofiktionale, schonungslose Schreiben des Autors Karl Ove Knausgaard habe ihn in dieser Entscheidung bekräftigt: „Ich habe irgendwann die Entscheidung getroffen, einfach alles zu sagen und mich nicht zurückzuhalten.“

Auch die Tour danach war dann wie die Fortsetzung der Therapie. Ich sah Mount Eerie damals live im Berliner Silent Green, wo er in einem ehemaligen Krematorium spielte. Eine bittere Ironie, die ihm natürlich nicht verborgen blieb. Nach der beklemmend-schönen Show, bei der wohl niemand NICHT über den Tod nachgedacht hat, verkaufte Mount Eerie noch Merch und führte Gespräche mit Fans – was dann schon fast wie ein weiteres Kapitel einer besonderen Trauer-Konfrontations-Therapie wirkte.

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Mount Eerie – „Toothbrush / Trash“ (2017). Dieses Lied brachte mich heute zum Heulen: Mount Eerie singt hier darüber, wie er eine Tüte Bad-Müll findet, der noch aus der Zeit stammte, in der seine Frau lebte.

Kraftklub singen über das Sterben – nicht zwar nur in Karl-Marx-Stadt

Dass ich in den letzten Wochen viel über Musik und Tod nachgedacht habe, hat verschiedene Gründe – aber einer ist auch die Feststellung, dass sich gerade eine der erfolgreichsten Bands des Landes diesem Thema auf sehr besondere Weise gewidmet hat. Am Freitag veröffentlichten Kraftklub ihr neues Album „Sterben in Karl-Marx-Stadt“, am Wochenende drauf fuhren sie mit einem umgebauten Leichenwagen durchs Land, spielten spontane Konzerte, besuchten Fans oder versuchten eine Fan-Release-Party zu crashen – und scheiterten am Security, der die Band nicht erkannte. Auch das im Bandnamen platzierte Langkreuz auf dem Cover, das man sonst in Kirchen und an Grabsteinen sieht, macht deutlich, dass dieses so harte Wort „Sterben“ im Titel mehr ist als ein Gag. Die Stimmung all ihrer Konzerte und Auftritte war natürlich weiterhin euphorisch und massiv lebensbejahend, aber wenn man alle Lieder durchzählt, in denen der Tod eine Haupt- oder Nebenrolle spielt, kann man schon sagen, dass Kraftklub zumindest ein halbes Themenalbum über den Tod geschrieben haben.

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Kraftklub feat. Faber – „All die schönen Worte“ (2025). Der mögliche eigene Tod wird hier sehr genau ausgemalt: „Die Sanitäter woll’n mich retten / Behandeln mich im Krankenwagen / Ich versuche noch zu sprechen / Aber kann schon nicht mehr atmen.“

In der aktuellen Single, dem grandiosen „All die schönen Worte“ mit Faber, malt sich Felix, beziehungsweise sein lyrisches Ich, zum Beispiel den eigenen Tod aus und trifft den Moment, in dem die Erkenntnis hittet, das man zu Lebzeiten nicht alles geklärt hat, extrem gut. Trotz Lieder wie diesem wehrt er sich auf Nachfrage per Mail aber ein wenig gegen die Feststellung, man habe es hier mit einem Konzeptalbum über den Tod zu tun. Aber man spürt in seinen Worten, dass dieses Thema auch in seinen Gedanken sehr präsent ist, und er es immer als Herausforderung sah, darüber Songs zu schreiben: „In erster Linie ging es darum, überhaupt erst mal eine Sprache zu finden. Der Tod ist so ein Thema, über das man einfach ungern spricht. Kann man ja verstehen, ist ja auch unangenehm. Aber gleichzeitig sind wir keine Konzeptkünstler, sondern verarbeiten in unseren Songs nun mal eigentlich die Dinge, die uns beschäftigen. Und da war bei diesem Thema irgendwie einfach immer so eine große Leerstelle geblieben, weil wir es nicht hinbekommen haben, dass es sich richtig anfühlte.“

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Kraftklub – „Wenn ich tot bin, fang ich wieder an“ (2025). Während Songs wie „All die schönen Worte“ oder „Unsterblich sein“ feat. Domoziana eher melancholisch und ein wenig wehmütig auf das Leben und Sterben schauen, gibt es auch trotzige Banger, wie diesen, der sich auf eine Party im Jenseits freut:

Der Día de los Muertos als Inspiration für Kraftklub

Aber was war denn nun passiert, dass Kraftklub es nun doch hinbekommen haben, das Thema Tod in gutem Songwriting einzufangen? Felix erzählt: „Die mexikanische Band Pantheon Roccoco hatte uns eingeladen, mit ihnen in Mexiko zu spielen. Dort fand zu der Zeit der Día de los Muertos statt. Der Tag der Toten.“

Dieser Feiertag und seine Bräuche üben seit Jahren eine große Faszination aus – zum Beispiel im Ska, im Rock’n’Roll und im Punk. Die verzierten Totenschädel, die an keinem Día de los Muertos fehlen dürften, zieren zum Beispiel Alben der Voodoo Glow Skulls und anderen Bands. Der religiöse Background des Día de los Muertos ist dabei folgender: Im altmexikanischen Glauben kommen die Toten einmal im Jahr zum Ende der Erntezeit aus dem Jenseits zu Besuch, um gemeinsam mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen mit Musik, Tanz und gutem Essen zu feiern. Einer der besten Animationsfilme der letzten Jahren, „Coco – Lebendiger als das Leben“, fängt diesen Tag und seine Musik auf wunderbare Weise ein.

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Anthony Gonzalez und Gael García Bernal – „Un Poco Loco“. Der „Hit“ ist aus „Coco“ ist natürlich das traurige „Remember Me“, aber dieses Video und dieser Song fangen den Vibe und die Ästhetik des mexikanischen „Tag der Toten“ besser ein.

Felix hat vor allem die feierliche Stimmung beeindruckt, die Art und Weise, wie hier ein trauriger Anlass zur Feier des Lebens wird – bei der man sich mit den vor uns gegangenen verbunden fühlte. Felix meint: „Die ganze Atmosphäre hatte etwas Festliches und trotzdem war die Stimmung ernsthaft und nicht unangemessen. Das hat uns ziemlich beeindruckt. Wir haben gesehen, dass man sich dem Thema auch auf anderen Wegen nähern kann und wir einfach unseren finden müssen.“

Das ist Kraftklub auf „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ gleich mehrfach gelungen. Und man hört bei vielen Songs raus, welche Vorstellung des Ablebens und der vermeintlichen Zeit danach ihnen am besten gefällt. Felix sagt dazu: „Bei unserem Song mit Deichkind hält Porky am Ende einen Monolog. Und er endet damit, dass er sagt ‚Nirvana ist nicht, ihr werdet eh wieder geboren‘. Das find ich sehr sympathisch, gar nicht erst auf irgendwelche Seelenfängern einlassen, die dir das Paradies im Jenseits versprechen. Sondern einfach direkt weiter machen. Geht alles wieder von vorne los!“

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Kraftklub: „Zeit aus dem Fenster“ feat. Deichkind. Eher ein Lied über das Leben und die Tatsache, dass die Dinge nie so passieren, wie man sich das vorher ausgedacht hat. Trotzdem kriegt der Monolog am Ende noch einmal die Kurze zum Thema Tod und die Lebensbilanz, die man dann ziehen wird.

Eric Wrede: Vom Labelmanager zum Bestatter

Als ich mir vornahm, einen Text über das Thema „Tod in der Musik“ zu schreiben, fiel mir als erster Gesprächspartner sofort Eric Wrede ein. Ich kenne ihn noch aus meinen ersten Berlinjahren in der Musikindustrie, wo Eric bei einem großen Label als A&R und Labelmanager arbeitete und oft in den Indie-Clubs als DJ auflegte. 2014 beschloss er jedoch, die Musikindustrie zu verlassen – und wurde Bestatter. Mit seiner Firma „lebensnah Bestattungen“ steht er seit dem, „für eine moderne und vor allem persönliche Abschiedskultur“, die sehr genau auf die Wünsche der Sterbenden und Hinterbliebenen eingeht und nicht versucht, alles in religiöse Rituale zu zwängen.

Seinen guten, beim Label gelernten Umgang mit den Medien und sein Netzwerk hat er aber mit in den neuen Job genommen: Eric hat seitdem drei Bücher veröffentlicht (zum Beispiel den Spiegel-Bestseller „The End – Das Buch vom Tod“), moderiert den RadioEins-Podcast „The End – Der Podcast auf Leben und Tod“ (bei dem auch oft Musiker:innen zu Gast sind) und ist aktuell im Kino zu sehen: In der Dokumentation „Der Tod ist ein Arschloch“ von Michael Schwarz, der Eric und sein Team über mehrere Monate begleitet hat.

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„Der Tod ist ein Arschloch“ ist seit vergangenem Donnerstag in ausgewählten Kinos zu sehen.

Eric erzählt im Film, wie er nach einigen Jahren in der Musikbranche merkte: Hier geht es nicht so recht weiter für ihn. Schon damals gab es große Veränderungen bei den Labels und in den Medienlandschaften. „Es fühlte sich einfach nicht so an, als würde es da für mich groß weitergehen“, sagt er mir bei unserem Telefoninterview, das er inmitten einer gut laufenden Kinotour gibt. Er habe nicht wirklich einen Burnout gehabt, aber sei plötzlich in einer Lebensphase gewesen, in der er sich gefragt habe: „Was will ich eigentlich machen? Und was kann ich eigentlich?“ In dieser Musikwelt sei es ja oft so gewesen, dass man da irgendwie reingeraten sei. Es habe keinen klassischen Ausbildungsweg gegeben oder so.

In dieser Phase habe Eric dann während der Autofahrt ein Interview mit dem Bestatter Frith Roth im Radio gehört. Roth war Inhaber eines Bestattungsunternehmens, der Gründer des ersten privat geführten Friedhofs in  Deutschland und Buchautor. Diese Anekdote kommt auch im Film vor. Eric meint dazu: „Wenn ich es gut erzähle, war da natürlich vor allem dieses Interview. Das gab es wirklich. Und ich bin wirklich im Auto sitzen geblieben, als es vorbei war. True Story.“ Gleichzeitig gibt er aber auch zu: „Ich bin jetzt aber auch nicht so ein beseelter, impulsiver Mensch, dass ich nach einem Radiointerview gleich mein ganzes Leben umschmeiße und einen neuen Beruf lerne.“ Entscheidend war für ihn auch die Erkenntnis, dass er bei einem Blick auf den Beruf dachte: „Das kann ich.“

Eric sagt: „Wehe du lachst jetzt, aber ich glaube Musikmanagement und Bestattung sind gar nicht so weit voneinander entfernt, wie man denkt. Du improvisierst oft, weil die Situationen immer neu sind. Du musst dir oft überlegen, wie du etwas formulierst. Du hast mit sensiblen Momenten zu tun. Ich will keinen meiner Künstler:innen zu nahe treten, aber das waren nicht alles einfache Charaktere. Manchen waren auch in krassen Drucksituationen. Da musst du als Manager ganz genau beobachten, um zu wissen, was man wie sagt.“

Wenn man sich diesen wirklich bewegenden Film anschaut, sieht man in einigen Szenen, wie Eric das meint. Zum Beispiel, wenn er mit seiner guten Freundin Gabi, die an Krebs erkrankt ist, über die Beerdigungsvorbereitungen spricht. Es ist ein behutsames Gespräch, in der ganz vorsichtig wichtige Fragen geklärt werden. Gabi ist zum Beispiel ein großer Musikfan – und sagt: „Es ist mir sehr wichtig, dass da gute Musik läuft. Aber ich höre sie ja nicht mehr.“ Deshalb wolle sie etwas spielen, mit dem viele Gäste etwas anfange können – und etwas, dass die Leute nicht noch mehr runterzieht. Am Ende einigt man sich darauf, schon mal einige passende Songs in einer Playlist zu sammeln.

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Warren Zevon – „Keep Me In Your Heart“ (2003). Das letzte Lied auf dem letzten Album des Songwriters Warren Zevon. Als er „The Wind“ schrieb und aufnahm, wusste Zevon, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Die 11 Songs sind eine poetische, schmerzhafte Meditation über diese Tatsache. Warren Zevon starb kurz nach der Veröffentlichung.

Die richtige Musik auf der Beerdigungen ist ein großes Thema

Eine perfekte Brücke zu meinem Thema. Mir war die Musik damals auf der Beerdigung sehr wichtig – diese etwas windschiefe, aber emotionale Version von „Something In The Way“. Ich habe ehrlicherweise sogar eine geheime Playlist, in der ich schon mal sammele, was ich mir bei meiner eigenen Beerdigung vorstellen könnte. Etwas makaber, I know. Aber vermutlich auch ein privater coping mechanism.

Eric erklärt mir, was ich schon vermutetet hatte: „Du bist da nicht der Einzige. Menschen, für die Popkultur etwas bedeutet hat, machen sich da sehr viel Gedanken zu. Für die ist die Frage der Musik fast wichtiger als die richtigen Blumen. So nach dem Motto: ‚Mir egal, ob ich verbrannt werde, aber wenn am Grab nicht The Kinks gespielt werden, finde ich es scheiße.‘“

Trotzdem hat Eric immer auch leise Worte der Warnung bei diesen Gedankengängen – die auch mich noch mal über meine Songauswahl nachdenken lassen. „Musik funktioniert auf einer emotionalen Ebene ja oft über Erinnerungsversatzstücke. Und das Ziel von Trauer ist ja – sehr plump formuliert –, dass du irgendwann an den Punkt kommen willst, wo du die Trauer kontrollierst und sie dich nicht mehr kontrolliert.“ Wenn man nun also ein bestimmtes Lied in dem emotionalen Moment einer Beerdigung spielt, werde dieses Lied bei vielen mit diesem Ereignis verknüpft sein.

Und das ist manchmal ein Problem. „Ich gebe dir mal ein Beispiel: Ich kann ‚Radio Gaga‘ von Queen zum Beispiel nicht mehr hören. Es lief auf der Trauerfeier nach der Beerdigung von einem meiner besten Freunde. Dieses Lied ist jetzt auf Ewigkeiten für mich damit verbunden.“ Wenn Menschen nun also mit sehr konkreten Musikwünschen kommen, erkläre ich das immer und sage Ihnen: „Wie groß ist die Chance, dass Leute später im Alltag überraschend davon getroffen werden? Think about that for a minute longer …“ Deshalb sei die Idee einer Playlist gar nicht so schlecht. Das gäbe auch den Hinterbliebenen die Chance ein wenig Einfluss zu nehmen.  

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Ludwig Hirsch – „Komm großer schwarzer Vogel“ (1979). Dieses Lied wird auch im Film von einer Hinterbliebenen als Wunsch genannt. Der 2011 verstorbene österreichische Liedermacher und Schauspieler ist tatsächlich oft auf Beerdigungen zu hören mit diesem Lied. Vielleicht, weil es zwischen Melancholie und Leichtigkeit changiert und dem Tod wie einem alten Freund entgegentritt.

Ein guter Song über den Tod ist nicht unbedingt ein guter Beerdigungssong

Die mit Eric befreundete Gabi, die im Laufe der Dreharbeiten verstarb, sei zum Beispiel ein riesiger Fan von Lou Reed gewesen, erzählt Eric. „Take A Walk On The Wild Side“ sei ihr Song gewesen. Man habe diesen so bekannten Song dann nicht einfach abgespielt, sondern gesprochen vorgetragen. Ein Moment, der am Ende noch bewegender gewesen sei. Im Film sieht man außerdem das Gespräch mit einer Trauernden, die vorschlägt das eher heitere „Komm großer schwarzer Vogel“ von Ludwig Hirsch zu spielen.

Auf die Frage, welchen Song Eric passend finden würde, sagt er: „Es gibt ein Lied, das ich irgendwann noch einmal jemandem empfehlen möchte: ‚Kommen und Gehen‘ vom deutschen Songwriter Gisbert zu Knyphausen. Wie er darin lyrisch diesen Kreis schließt, das irgendwo ein Leben endet und irgendwo ein neues beginnt – das hat etwas sehr Versöhnliches für mich, das glaube ich gut zu einer Trauerfeier passt.“

Bei dem Teil des Gesprächs wird mir tatsächlich klar, dass auch ich meine Songauswahl noch mal überdenken sollte: eines meiner Wunschlieder für die eigene Beerdigung war bisher zum Beispiel ein todtrauriger Grunge-Akustiksong über das Ende eines zerrütteten Lebens. Was vielleicht nicht der beste Vibe ist für so eine Veranstaltung. Als ich Eric sage „Halten wir also fest: ein guter Song über den Tod, ist nicht unbedingt ein guter Song für eine Beerdigung“, lacht er und meint: „Hey, ja das passt. Das muss ich mir mal für ein Interview bei dir klauen.“

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Gisbert zu Knyphausen – „Kommen und Gehen“ (2017). Der Songwriter singt hier aus der Perspektive eines 90-jährigen, der auf sein Leben blickt und über den Tod nachdenkt. Er wünscht sich dabei ein Lied von seinen Freunden, die vor ihm gestorben sind: „Meine rastlosen Freunde, die sind alle schon gegangen / Und ich wünschte sie könnten mir ein Lied davon singen / Wie es ist wenn wir in diesem Wettrennen / In das Licht durch die Ziellinie sehen.“

Spiel mir ein Lied vom Tod

Über den Tod ist schon viel geschrieben, gesprochen, gesungen und gemalt worden. Eric meint dazu: „Das Thema ist einfach in jedem Leben präsent. Es beschäftigt die Menschen und deshalb wird es auch in vielen Kunstwerken verhandelt. Ich wehre mich immer gegen die Behauptung, der Tod sei in unserer Gesellschaft ein Tabu. Das stimmt einfach nicht. Oder es ist zumindest nicht das, was ich in meiner Arbeit beobachte.“

Auch bei Begegnungen mit alten Kolleg:innen aus der Musikindustrie merkt Eric immer wieder, wie man bei dem Gespräch über seine Arbeit schnell von „so einer oberflächlichen Ebene“ runterkäme. „Deep Talk ist das falsche Wort, aber du fühlst dich verbunden, fühlst dich nah, wenn du über den Tod sprichst. Und das ist die unglaubliche Kraft, die da drinsteckt.“ Was ihn dann zu meinem anderen Gesprächspartner bringt: „Ich denke immer noch über dieses Kraftklub-Album nach. Wie geil das einfach für ihre Zielgruppe ist. Für die sind sie Role Models, die ihre Sprachen sprechen. Und wenn sie das mit ihrem Kraftklub-typischen, melancholischen Humor verknüpfen, macht das bei ihren Fans vielleicht ganz viele tolle Gespräche auf.“

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Kraftklub feat. Domiziana – „Unsterblich sein“ (2025). Eine bittersweetes Liebeslied, in dem nebenbei auch das Lebensende thematisiert wird. Der Song ist in zwei Versionen auf dem Album – einmal zu Beginn und einmal am Ende.

In der Musikgeschichte gibt es viele Lieder, die das Thema Tod entweder lyrisch besonders gut treffen, musikalischen besonders gut zur Trauerstimmung passen, oder aber mit einer Art unheimlichen Aura aufgeladen sind. Manchmal kommen diese Lieder sogar auch von einer Band, die eigentlich mit renitentem Spaß-Punk bekannt wurde. Felix Kummer nennt nämlich „Adam’s Song“ von blink-182 als ein Lied über den Tod, das aus seiner Sicht besonders gelungen ist: „Ich fand den immer krass. Der Text als Brief, aus der Perspektive eines Selbstmörders. Dachte ich zumindest immer, irgendwann las ich dann, dass der Sänger in einem Interview gesagt hatte, es geht gar nicht darum. Das war dann das zweite Mal, dass ich den Song krass fand, weil ich merkte, dass er mich einfach trotzdem berührt, auch wenn ich wusste, dass es eigentlich um was anderes geht. Das fand ich spannend aus Sicht von jemand, der selbst Texte schreibt. Wie wenig Einfluss man dann am Ende darauf hat, wie der Inhalt eines Liedes interpretiert wird. Das man auch als Autor eben nur eine von vielen Meinung dazu hat, wie die eigenen Zeilen gemeint sind.“

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blink-182 – „Adam’s Song“(1999). Dieses Lied nennt Felix Kummer auf die Frage, welcher Song das Thema Tod besonders gut treffe.

Eric Wrede nennt wiederum das vorhin bereits erwähnte Album „The Wind“ von Warren Zevon als besonders ergreifend. Zevon ist für ihn ein großer Songwriter, der mit dem Tod vor Augen erstaunliche Gedanken und Stimmungen gefunden hätte.  Aber er nennt auch eine Künstlerin, die ich nicht erwartet hätte: „Als Labelmanager oder Musikjournalist bildet man sich ja manchmal was auf seinen Musikgeschmack ein und meidet Künstler:innen, die – sage ich mal – den Mainstream bedienen. Aber ich habe über die Jahre wirklich einen großen Respekt vor Sarah Connor bekommen. Ihr Lied ‚Das Leben ist schön‘ läuft auch auf Beerdigungen, bei denen man es nicht erwartet hätte. Und das völlig zurecht. Wenn ein Song so viele Menschen berührt, dann ziehe ich davor meinen Hut.“

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Sarah Connor – „Das Leben ist schön“ (2015). Laut Bestatter Eric Wrede eine Art Trauerfeier-Hit. Kein Wunder, mit tröstlichen, trotzigen Zeilen wie diesen: „Ich will keine Trauerreden / Ich will keine Tränen sehen / Kein Chor, der Hallelujah singt, nein / Ich will, dass ihr feiert, ich will, dass ihr tanzt / Mit ’nem lächelnden Blick und ’nem Drink in der Hand.“

In diesen Liedern hört man den Tod

Als Musikjournalist, der schon ein paar Jahre dabei ist, kommt man nicht drum rum, oft über den Tod zu schreiben. Nachrufe, Online-Todes-Meldungen, Rückblicke auf die besten Lieder einer verstorbenen Künstler:in – ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich solche Texte geschrieben habe. Dabei sind mir immer wieder Lieder begegnet, die eine geradezu unheimliche Aura haben.

Eines dieser Lieder heißt „Floating In The Forth“ von der schottischen Band Frightened Rabbit. Ihr Sänger Scott Hutchison kämpfte jahrelang mit schweren Depressionen und Suizidgedanken und verarbeitete sie in schonungslosen, poetischen Texten. In dem 2008 veröffentlichten „Floating in the Forth“ gesteht er, dass er sich manchmal ausmalt, an der schottischen Forth Road Bridge ins Wasser zu steigen und seinem Leben ein Ende zu setzen. „And fully clothed, I float away / (I’ll float away) / Down the Forth, into the sea / I think I’ll save suicide for another day.“ In einem Interview sagte Scott Hutchison mal, er habe diese Idee in seinem Kopf „zu 90 Prozent durchgespielt“, deshalb falle es ihm schwer, ihn live zu spielen. Hutchison wurde am 9. März 2018 vermisst gemeldet. Die schottische Polizei fand Scott Hutchisons angespülte Leiche einen Tag später in Port Edgar bei South Queensferry – also genau in der Gegend, die er in diesem Song besungen hatte.

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Frightened Rabbit – „Floating In The Forth“ (2018). Kurz nach dem Tod des Sängers, posteten die ersten Fans diesen Song.

In jüngerer Vergangenheit hat vor allem Billie Eilish ein großes Publikum mit ihren Gedanken über den Tod erreicht. Er taucht immer wieder in ihren Popsongs auf – mal in Nebenrollen, mal als dunkles Herz ihrer atmosphärischen Musik. Wer ihre Liveshows gesehen hat, weiß wie erstaunlich es ist, wenn tausende Menschen in einer seelenlosen Konzertarena plötzlich einer jungen Frau lauschen, die fast flüsternd ihre Gedanken über das Lebensende teilt.

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Billie Eilish – „Everybody Dies“ (2021). Auch mit Anfang zwanzig, wo man sich manchmal noch unsterblich fühlt, wissen einige: „Everybody dies, surprise, surprise.“

Nick Cave: „Trauer verändert sich über die Jahre.“

Ich könnte hier noch ein paar weitere Meter Online-Artikel über Songs über das Sterben schreiben. Zum Beispiel über das unheimliche und wunderschöne Album „One Last Laugh In A Place Of Dying“ von The God Machine aus den 90ern, die schon bei der Aufnahme wussten, dass ihr Bassist bald an Krebs sterben wird – was man, ich schwöre, seinem Bassspiel anhört. Über Eric Claptons „Tears In Heaven“, das den Unfall-Tod seines jungen Sohns thematisiert. Über all die tristen Tode der alten Grunge-Helden. Über das Album „You Want It Darker“ von Leonard Cohen, sein letztes, bei dem man manchmal das Gefühl hat, der Tod croont schon als zweite Stimme mit. Über „Blackstar“ von David Bowie, das wenige Tage vor seinem Tod veröffentlich wurde und genau danach klingt.  

Ich möchte diesen Text aber mit einem anderen Künstler beenden: Nick Cave ist in den letzten Jahren so etwas wie der Experte in Sachen Tod und Trauerverarbeitung geworden. Am 14. Juli 2015 starb einer seiner Zwillinge nach dem Sturz von einer Klippe in Caves Wahlheimat Brighton. Arthur Cave wurde nur 15 Jahre alt. 2022 starb dann Nick Caves erster Sohn im Alter von 30 Jahren. Der australische Rockstar steckte 2015 mitten in den Aufnahmen eines neuen Albums seiner Band The Bad Seeds – und ließ sich für eine Dokumentation von einem Kamerateam begleiten. Cave beschloss, die Arbeit fortzusetzen. Man sieht im Film „One More Time With Feeling“, wie Cave die Nachricht vom Tod seines Sohnes erreicht – und man sieht, wie er unter Schock und fast stoisch das Album vollenden will.

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Nick Cave and the Bad Seeds – „Distant Sky“ (2016). Eine Live-Aufnahme aus Kopenhagen von der ersten Tour nach dem Tod seines Sohnes.

Die Songs von „Skeleton Tree“ waren zwar schon vorher geschrieben worden, aber man kann sich nicht dagegen wehren, dass man sie im Kontext des Todes seines Sohnes fühlt. Nick Caves Fans wurden durch diesen Prozess so etwas wie Kronzeugen seiner Trauer – und ich muss zugegeben, dass ich mich anfangs etwas unwohl und voyeuristisch fühlte, als ich den Film im Kino sah und später auf den Konzerten Lieder wie „Distant Sky“ mit Nick Cave sang. Aber ich merkte eben auch, dass all das Caves coping mechanism für diese unfassbare Trauer war.

Nick Cave schrieb in seinem Blog „The Red Hand Files“, wo er Fragen seiner Fans beantwortet, über diese tragische Erfahrung: „Der Schmerz bleibt, aber ich habe festgestellt, dass er sich mit der Zeit verändert. Trauer blüht mit dem Alter auf und wird weniger zu einer persönlichen Kränkung, weniger zu einem kosmischen Verrat, sondern mehr zu einer poetischen Eigenschaft des Seins, wenn wir lernen, uns ihr hinzugeben. Wenn wir mit der unerträglichen Ungerechtigkeit des Todes konfrontiert werden, stellt sich heraus, dass das, was unerträglich scheint, letztendlich gar nicht unerträglich ist. Die Trauer wird reicher, tiefer und facettenreicher. Sie fühlt sich interessanter, kreativer und schöner an.“

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Nick Cave and the Bad Seeds – „Death Is Not The End“ (1999) Der Australier interessiert sich natürlich schon länger für das Thema Tod. 1999 veröffentlichte er ein Konzeptalbum über das Morden. Der Abschluss der „Murder Ballads“ ist diese Hymne, die man ebenfalls sehr gut am Grab singen könnte.

Zu seiner großen Überraschung habe er entdeckt, „dass ich Teil einer gemeinsamen menschlichen Geschichte war. Ich begann, den immensen Wert und das Potenzial unserer Menschlichkeit zu erkennen und gleichzeitig in meinem Innersten unsere erschreckend gefährliche Situation anzuerkennen. Ich lernte, dass wir alle tatsächlich sterben. Ich erkannte, dass zwar jeder von uns besonders und einzigartig ist, unser Schmerz und unsere Gebrochenheit jedoch nicht.“

Ich finde Nick Caves Worte führen zu einer guten Antwort auf die Frage, was einerseits Künstler:innen an Liedern über den Tod fasziniert und andererseits Menschen wie mich, der sich eigentlich noch putzmunter fühlt und trotzdem ständig über den Tod nachdenkt: Songs über den Tod sind oft ein vertonter Trauerprozess oder ein kreatives Ringen mit einem Thema, das wohl allen Angst macht, auch wenn viele etwas anderes behaupten. Die künstlerische Auseinandersetzung damit, das Zuhören, das Fühlen von Trauer oder manchmal auch nur das Umarmen von Traurigkeit gibt uns Halt oder Trost bei dem vermutlich letzten großen Thema des Lebens, das man leider erstorben haben muss, um wirklich mitreden zu können. Aber, wie singen Kraftklub so schön: „Nur weil man verreckt, muss man nicht leben wie ein Hund / Wenn ich tot bin, fang ich wieder an…“, und dann schreibe ich euch noch mal einen Text wie diesen. Mit echtem Insiderwissen. Versprochen!

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