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Travis Scott – Wie aus Musik ein Lifestyle wird

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Mit gerade eimal 26 Jahren bewegt sich Travis Scott auf dem Erfolgs-Level seines Mentors Kanye West, der neben T.I. einer der ersten war, der das Talent des jungen Mannes aus Houston entdeckte. „Astroworld“ stieg mit 537.000 verkauften Einheiten auf Platz 1 der Billboard Charts ein und gilt vielen als das bislang beste Werk des Musikers. Um auch die letzten negativen Stimmen davon zu überzeugen, dass Travis Scott ein Ausnahmetalent ist, und diese Aussage nicht auf Rap-Techniken und lyrischem Schaffen beruht, haben wir uns mit seinem Lebenslauf, seiner Karriere und seinen Ideologie beschäftigt. Jaques Webster, so Travis Scotts bürgerlicher Name, ist 1992 in Houston (Missouri City) geboren und aufgewachsen. Als Enkelkind eines studierten Jazz-Musikers war die frühe Auseinandersetzung mit der Musik vorherbestimmt. Im Kindesalter lernte er das Schlagzeug- und Klavierspielen, gab beides in seiner Jugend wieder auf und fing an, Beats zu produzieren. Inspiriert vom Sound seiner Idole Kid Kudi, Kanye West, Portishead, Little Dragon, Björk und Coldplay, waren seine Instrumentals von Anfang an auf Melodien ausgelegt und er verzichtete auf die in der Trap-Szene meist genutzte Musiksoftware „Fruity Loops“, um sich von der Masse abzuheben. Unter Einbeziehung analoger Synthesizer war ihm sein individueller Sound viel wichtiger, als der quantitative Verkauf von Beats. Der Konsum von Musik aus allen möglichen Genres sollte sich in seinem eigenen kreativen Schaffen widerspiegeln und es nicht in eine bestimmte Schublade einordnen lassen. Seine Eltern konnten die musikalischen Ambitionen nicht nachvollziehen und sahen einen akademischen Lebenslauf für ihren Sohn vor, den er bis zum College zunächst noch verfolgte. Doch er sah sich als Künstler bestimmt, hatte starkes Verlangen nach kreativem Output und brach daraufhin sein Studium in „international business“ ab. Vom Geld, das er von seinen Eltern zum vermeintlichen Kauf von Büchern und Laptop fürs Studium bekam, besorgte er sich ein Flugticket nach New York und verbrachte dort die nächsten vier Monate. Die ersten Songs veröffentlichte Travis in seinem folgenden und auch noch gegenwärtigen Wohnort Los Angeles. Zwar gewann er nach und nach an Aufmerksamkeit, doch der Mangel an Einkommen zwang ihn, nach Houston in sein Elternhaus zurückzuziehen. Immer noch aufgebracht vom College-Abbruch und seinen Lügen, schmissen ihn Vater und Mutter aus dem Haus. Einen engeren Bezug hatte er zu seinem Onkel Travis – Spitzname „Scott“ – den er sehr bewunderte und der der Grund für die Wahl seines Künstlernamens war. Dennoch sah sich Jaques Webster gezwungen zurück nach L.A. zu ziehen – die richtige Entscheidung, wie sich kurz darauf herausstellte.

#VALUE!

Kaum war er aus dem Flugzeug in der Stadt der Engel ausgestiegen, überraschten ihn 14 Nachrichten von Rap-Legende T.I. auf seinem Handy. Es dauerte nicht lange, bis sich die beiden im Studio trafen und Travis Scott anfing, mit seinen Produktionen endlich Geld zu verdienen. Übertroffen wurden diese Erfolgserlebnisse des damals 20-Jährigen, als kein geringerer als sein Idol Kanye West ihn nach New York einfliegen ließ, um ihn kennenzulernen und letztendlich sogar als Produzenten von G.O.O.D. Music’s (Kanye’s Label) „Cruel Summer“ Album zu engagieren. Auf dem Track , den Travis selbst produzierte, wollte sein Mentor ihn sogar eine Strophe aufnehmen lassen und leitete somit Travis Scotts Rap-Karriere ein. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der gerade volljährig gewordene Musiker sein erstes eigenes Mixtape veröffentlichte. 2013 erschien über die Label Grand Hustle und Epic Records als kostenloser Download und zusätzlich zu seinem ersten Major-Deal als Artist unterschrieb er einen Vertrag bei G.O.O.D. Music als Produzent. Dem Erfolg stand somit nichts mehr im Wege. Der Kanye West- und Kid Cudi-Einfluss (letzteren bezeichnete er oft als die „Droge“ seiner Jugend) ist auf „Owl Pharaoh“ noch deutlich zu erkennen, doch mit Songs wie kreierte er bereits auf seinem Debüt den unverkennbaren Travis Scott-Sound. Diesen baute er auf seinem folgenden Mixtape (2014) weiter aus und setzte mehr Melodien, verzerrte Gitarren und Auto-Tune-Effekte ein. Er bewunderte stets die Band Coldplay für ihre genialen Melodien, doch waren diese ihm zu „fröhlich“, während er die düstere Musik von seinen Lieblings-Bands wie Portishead als „zu unmelodisch“ empfand. Eine dunkle Soundästhetik gemischt mit eingängigen Melodien sollten sich demnach in seiner eigenen Musik manifestieren.

#VALUE!

2015 veröffentlichte Travis Scott dann sein erstes offizielles Studio-Album mit dem Titel , welches überwiegend positiv aufgenommen wurde und in den Billboard-Charts auf Platz 3 landete (wäre es nicht eine Woche zuvor geleaked worden, wäre es vermutlich noch höher gechartet). Negative Stimmen zum Album warfen dem Musiker aus Houston mangelndes Storytelling vor und zweifelten daran, dass es ohne die vielen Features (Justin Bieber, Yung Thug, Future, Swae Lee, Toro y Moi, Kanye West, Kacy Hill, ect.) überhaupt einen solchen Erfolg hätte feiern können. Doch wie aus vielen seiner Interviews deutlich wird, sah sich Travis selbst nie als Rapper an und hatte somit auch nicht den Anspruch, großes Storytelling vorweisen zu können. Vielmehr sah er sich als Künstler, den man nicht zuordnen kann, der in vielen verschiedenen kreativen Bereichen Kunst schafft, sie in der Musik zusammenführt und dadurch zu einem Lifestyle werden lässt. Artworks, Videos, Merchandise, Live-Auftritte und vieles mehr: alles verfolgt je nach Album eine ganz bestimmte Linie. Auch die vielen Produzenten und Features sind keinesfalls willkürlich ausgewählt, sondern werden unter der Regie von Travis Scott zu einem runden Ganzen zusammengeführt. Und genau als ein solcher sieht er sich: als Regisseur, der die Umsetzung all seiner Ideen koordiniert. Sei es die Western-Thematik bei „Rodeo“, die Vision seiner Selbst als eingesperrter Vogel im zweiten Album „Birds in the trap sing McKnight“ (2016) oder der brach liegende Vergnügungspark beim kürzlich erschienen „Astroworld“. Alben ohne ein durchdachtes Konzept zu veröffentlichen stand für Travis Scott nie zur Debatte. Zu „Rodeo“ gab es sogar eine Travis-Action-Figur, die auch im Video zu „90210“ auftaucht.

Travis Scott feat. Kacy Hill – 90210

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Die Umsetzung seiner Ideen dauerte für Travis Scott allerdings immer so lange, dass er sich in seinem Schaffen und seinen Beiträgen zur Kultur von seinem Label stark eingeschränkt und gebremst fühlte. Dies wiederum führte zur Thematik des eingesperrten Vogels in seinem zweiten Studioalbum. Zu „Astroworld“, dessen Name auf einem mittlerweile geschlossenen Vergnügungspark in seinem Geburtsort Houston beruht, sagte er in einem : „They tore down ‚AstroWorld‘ to build more apartment space. That’s what it’s going to sound like, like taking an amusement park away from kids. We want it back. We want the building back. That’s why I’m doing it. It took the fun out of the city.“ Für das Album-Artwork arbeitete er mit David LaChapelle zusammen, der einen goldenen Travis-Kopf als Eingang zu seiner eigenen, mentalen „Astroworld“ visualisierte. Eine wirklich angebrachte Kritik ist hierbei die Entscheidung des Musikers, das Transgender-Model Amanda Lepore vom Artwork zu entfernen. Seine Ausrede dafür war dabei nicht wirklich überzeugend, auch wenn er die Änderung nach viel Kritik zurücknahm. Die 17 Tracks auf dem neuen Album glänzen durch Travis’ Gespür für eingängige Melodien, eine individuelle Soundästhetik, perfekt gewählte Features und vor allem auch durch die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Mike Dean, der sich – trotz oder gerade wegen seines immensen Weed-Konsums – schon seit „Rodeo“ als der perfekte Partner in Sachen Album-Produktion, -Mixing und – Mastering herausstellte.

#VALUE!

Neben den Alben, Visualisierungen und Merchandise-Produkten darf man die intensiven, Energie-geladenen Live-Auftritte von Travis Scott natürlich nicht vergessen, bei denen er sich gerne mal oder zeigt und das Publikum indirekt der Verletzungsgefahr in diversen Moshpits aussetzt („Ain’t no moshpit if it ain’t no injuries“– in „Stargazing“). All dies vollendet den „Travis Scott Lifestyle“ und zeigt einmal mehr, dass der Künstler nicht allein für sein musikalisches Können beurteilt werden sollte, sondern vielmehr als ein Koordinator, der viele Künstler/innen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenführt und das Albumkonzept zu einem Gesamtkunstwerk wachsen. Letztendlich befriedigt dies natürlich nicht alle Geschmäcker, doch scheinen einige Kritiker/innen (vor allem deutsche) einen gerade für die heutige Kultur wichtigen Aspekt des Genre-übergreifenden Schaffens außer Acht zu lassen, da ein veraltetes Schubladen-System für viele bequemer scheint.

Travis Scott – Stop Trying To Be God

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