Warum „Barbara – Becoming Shirin David“ nicht die Doku ist, die sie hätte sein können
„Becoming Led Zepplin“ hat es gezeigt, „Sean Combs: The Reckoning“ ebenso und zuletzt bestätigte vor allem „Babo – Die Haftbefehl Story“ den Eindruck: Wir leben jetzt in der Ära der (Netflix)Dokumentationen. Und während der große Medienauflauf zur Haftbefehl-Doku gerade erst abgeflacht ist, hat sich die Streaming-Plattform mit ihrer neusten Musik-Dokumentation ebenso allumfassend zum Talk-of-Town gemacht: die Rede ist natürlich von „Barbara – Becoming Shirin David“.
Eine Dokumentation, die – so zumindest von Teaser und Titel impliziert – die Diskrepanz zwischen Rap-Star und Business-Bossin Shirin David und der dahintersteckenden Privatperson Barbara Shirin Davidavicius darstellen soll. Wir begleiten Shirin bei den Vorbereitungen ihrer „Schlau aber blond“-Tour sowie beim Bambi-Auftritt und fahren mit Barbara in ihre litauische Heimat, wo sie im Haus ihrer Familie auf der Couch schläft.
Viele Fans sahen in der Doku die Möglichkeiten, ihren scheinbar perfekten Star einmal etwas persönlicher kennenzulernen. Denn es ist doch so: Shirin David zeigt nur, was sie zeigen möchte, und hat sich durch harte Arbeit ein unfehlbares Boss-Bitch- und Rapstar-Image aufgebaut, das einen Blick hinter die Kulissen so gut wie unmöglich macht.
„Barbara – Becoming Shirin David“: Hohe Erwartungen, die nicht erfüllt werden
Die Erwartungen an „Barbara – Becoming Shirin David“ waren also dementsprechend hoch. Und es gäbe ja auch so viele gute Geschichten zu erzählen! Shirin, wie sie als Tochter einer alleinerziehenden Mutter von Litauen nach Deutschland kam. Shirin, wie sie zur Musik fand und an ihren Songs arbeitet. Oder auch Shirin, wie sie ist, wenn sie die Kamera ausmacht und von der Bühne steigt – die private Shirin. All das wird in „Barbara – Becoming Shirin David“ leider nur angekratzt und man erfährt wenig über den Rapstar, dass man nicht vorher wusste oder sich bereits erschließen konnte.
Stattdessen steht im Fokus der Kampf von Shirin David mit ihrem extremen Perfektionismus, der ihr sämtliche Arbeit erschwert und an jeder Stelle der Doku im Vordergrund für große Unzufriedenheit sorgt. Sie wird von der hochpolierten, selbstbewussten und absolut perfekten Person der Öffentlichkeit plötzlich zu einer mitleidserregenden, unsicheren Frau, die kurz vorm Zusammenbruch steht. Ein Narrativ, das von der ersten bis zur letzten Sekunde aufgebaut wird und von dem nicht abgewichen wird – und im Endeffekt das Einzige ist, was man nach dem Anschauen mitgenommen hat.
Ist Shirin selbst die größte Kritikerin ihrer Doku?
Abgesehen davon, dass diese gesamte Geschichte bei ihren Zuschauer:innen eher Mitleid als Inspiration auslöst, kann dieser Inhalt nicht das Einzige sein, was Shirin mit der Doku von sich preisgeben wollte. Und auch wenn es sich hier um Mutmaßungen handelt: Shirin David scheint mit der Doku selbst am aller unzufriedensten zu sein. Denn die Rapperin hat auf ihren Social-Media-Profilen nicht einen Ton zur Veröffentlichung der Doku verlauten lassen. Einem Film, dem sie nicht nur initial zugestimmt, sondern für den sie auch viele Stunden und Arbeitsaufwand geopfert haben muss.
An vielen Stellen wünscht man sich, das Produktionsteam hätte mehr eine Shirin zwischen den offensichtlichen Karrieremomenten eingefangen. Über welche banalen Dinge kann Shirin einen richtigen Lachflash schieben? Wie trinkt sie ihren Kaffee? Und wie zum Teufel geht sie ihre Musik an (Wo ist überhaupt ihre Musik in der Doku?). Alle spärlichen Informationen über sie erhalten wir in gesetzten Interviews von ihr selbst oder Menschen aus ihrem engsten familiären Umfeld (wo sind die Stimmen aus der Branche? wo sind alte Lehrer:innen; Produzent:innen, Rap-Kolleg:innen?) Ihren Charakter wirklich erleben, dass passiert in den wenigsten Momenten. Augenblicke, in denen man gerade das Gefühl hat, man spielt Mäuschen, fehlen so gut wie gänzlich.
Der Haftbefehl-Vergleich hinkt
Jetzt kann man natürlich berechtigterweise argumentieren, dass Shirin nicht Haftbefehl ist und der durch Online-Hate und strenge Erziehung jahrelang ansammelnde Perfektionismus Szenen á la „In meinem Garten“ verhindert. Man könnte aber auch mitbedenken: Die Haftbefehl-Dokumentation muss – zumindest bei dem, was wir in dem Film sehen – einen viel größeren Zeitraum abdecken, in denen sich Produktionsteam und Künstler ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnten, das vertraute Szenen wahrscheinlicher macht.
Und um das einmal klar zu sagen: Shirin kann man durchaus kontrovers betrachten. Momente wie die „Ozempic“-Szene – die ironischerweise wohl zu einer der authentischsten der gesamten Doku zählt – zeigen das. Und ihr Umgang mit der eigenen Vorbildfunktion und in Bezug auf ein perfekt zu erreichendes Äußeres ebenso.
Warum können erfolgreiche Frauen nichts richtig machen?
Und doch beschleicht einen das ermüdende Gefühl die extreme Kritik um die Doku würde wieder einmal weniger harsch ausfallen, wenn es sich um einen männlichen Rapper handeln würde. Denn es ist doch so: Shirin David kann nichts richtig machen. Und Künstler-Biopics erzählen in der Regel eben genau das, was sie erzählen wollen und leben davon, wie das entsprechende Produktionsteam eine Person inszeniert. Und das ist in Shirins Fall eben die von Online-Hate und Perfektionismus zerfressene Künstlerin – ein Narrativ, dass sie sich mit Sicherheit nicht selbst ausgedacht hat.
Aber Kritik hin oder her und Shirins persönliche Meinung mal außen vorgelassen: „Barbara – Becoming Shirin David“ erreichte kurz nach Veröffentlichung bereits Platz 1 der Netflix-Charts und reiht sich so zumindest in dieser Facette in die lange Erfolgsreihe der Rapperin ein.
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