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Warum Idles die derzeit wichtigste Rockband aus UK sind

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Es ist der 25. September 2020 – die Uhr springt von 23:59 Uhr auf 00:00 Uhr und auf den Handyscreens weltweiter Post-Punk-Fans erscheint ein rosa leuchtendes Album-Cover. Welche Band hier ihr Unwesen treibt? Idles! Kaum das Album einer anderen Rockband wurde seit Monaten so sehr erwartet und musste dementsprechend großem Druck standhalten wie das der fünf Briten aus dem Hafenstädtchen Bristol. Vor knapp acht Jahren schwappt zum ersten Mal plötzlich ein scharfkantiger Gitarrensound aus UK über die Musikwelt, bei dem man das Gefühl hat, dass es sich um Überreste der britischen Rockmusik der 70er und 80er Jahren handelt. Mit ihrer 2012 veröffentlichten EP „Welcome“ heißen uns Idles buchstäblich in ihrem musikalischen Kosmos willkommen und zeigen, woran sie in den letzten drei Jahren gearbeitet haben. Den Ursprung für die Band legen die beiden Gründungsmitglieder und Schulfreunde Joe Talbot (Gesang) und Adam Devonshire (Bass) nämlich schon 2009, bevor sie einige Zeit später durch die bis heute ebenfalls gegenwärtigen Mitglieder Jon Beavis (Schlagzeug), Mark Bowen (Leadgitarre) und Lee Kiernan (Rhythmusgitarre) komplettiert werden.

Während der Sound auf „Welcome“ allerdings noch nach treibender, 80er-Jahre-inspirierter Rockmusik und für die Verhältnisse der britischen Post-Punk-Band relativ „entspannt“ klingt, zeigen sich die fünf auf ihrer zweiten EP „Meat“ schon mit einer wesentlich aggressiveren Punk-Attitüde. Die beiden Tonträger, denen man die musikalische Weiterentwicklung klar und deutlich anhört, verschaffen der Gruppe nach acht Jahren Bandgeschichte die nötige Aufmerksamkeit, damit sich bei der Veröffentlichung ihrer Debüt-Platte „Brutalismus“ – die im Übrigen auch dementsprechend klingt – 2017 sowohl Punk-Rock-Fans als auch die allgemeine Fachpresse hungrig auf das gute Stück stürzen. Zu Recht, denn seit langer Zeit prangert endlich wieder eine Band so ehrlich und direkt gesellschaftliche Missstände an und offenbart im gleichen Zuge eigene Gefühlswelten. Insbesondere Sänger Joe Talbot verarbeitet in den Songtexten immer wieder die tiefen Abgründe und Schicksalsschläge seines Lebens. So diente der Tod seiner zuletzt extrem pflegebedürftigen Mutter nicht nur als Inspiration für den Song „Mother“, ihr Bild ziert zusätzlich das Artwork des Debütalbums der Band. Auch auf der darauffolgenden Platte „Joy as an Act of Resistance.“ aus dem Jahr 2018 wird die Totgeburt Talbots Tochter Agatha fast schon zur persönlichen Last eines/r jeden Zuhörers/in und macht damit deutlich, wie schmerzhaft und emotional die Texte der sonst so wutentbrannt und exzentrisch klingenden Band eigentlich sind. So verrät der Frontmann im Interview mit der britischen Tageszeitung The Guardian: „Als Rockband subversiv zu sein, bedeutet, liebevoll zu sein und Mitgefühl und Empathie zu zeigen.“

Idles – Mother

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Ebenfalls mit sehr starken Gefühlen von Frust und Wut verbunden sind die politischen und gesellschaftskritischen Songs auf „Joy as an Act of Resistance.“, in denen Talbot lautstark seiner Unzufriedenheit über den Brexit, Homophobie, toxischer Männlichkeit und Fremdenhass eine Plattform bietet. Inhaltlich geht es um all das, was die Platte schon im Titel verspricht: Widerstand durch Freude und dass diese durch die Existenz eines allgegenwärtigen Gemeinschaftsgefühls entstehen kann. Da so ein Gemeinschaftsgefühl nicht von ungefähr kommt, liefert der in Newport (Wales) geborene Leadsänger regelmäßig Slogan-artigen Leitsprüchen, die nicht nur als Motiv des nächstbesten Tattoos herhalten könnten, sondern wirklich Nachdruck haben und im Gedächtnis bleiben.

Idles – Samaritans

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Dieser Linie bleiben Idles auch auf ihrem neuesten Werk „Ultra Mono“ treu und überzeugen mit eingängigen Parolen und brachialen Post-Punk-Songs, die nur in seltenen Fällen wie in „A Hymne“ einen innigen Charakter annehmen. Schon lange klangen Zeilen wie „Kill Them With Kindness“ nicht mehr so aufgebracht. Allerdings scheinen sich an diesem dritten Album der britischen Band, das in Zusammenarbeit mit dem Produzenten Nick Launay (Nick Cave, Arcade Fire) und Toningenieur Adam »Atom« Greenspan (Rage Against the Machine, Arcade Fire) entstand, die Geister zu scheiden: Während die Platte von einigen in den Himmel hoch gelobt wird, hören andere zu wenig Weiterentwicklung im Sound und kritisieren Einfältigkeit. Neben kritischen Betrachtungen des Sounds müssen sich Joe, Adam, Jon, Mark und Lee aber seit einiger Zeit auch optischer Kritik stellen. So beurteilen einige Medien den Stil der Band als „durchschnittlich“ und alternativ mit zu wenig Punk-Rock-Attitüde. Dabei ist es gerade das lässige Auftreten und der ungezwungene Look, der die Band authentisch wirken lässt und ihren HörernInnen das Gefühl gibt, irgendwie „erreichbar“ zu sein.

#VALUE!

Egal ob man die rohen Songs der Idles feiert – von denen man manchmal genauso hart erwischt wird wie der Protagonist auf dem „Ultra Mono“ Cover von dem rosafarbenen Ballon – oder lieber den „sanfteren“ Klängen des Quintetts lauscht, Idels schaffen es immer wieder, ihre ZuhörerInnen vor allem mit einer ganz besonderen Eigenschaft zu überzeugen: Authentizität. Diese wird nicht nur in schmerzhaft ehrlichen oder wutentbrannten politischen Texten deutlich, sondern auch im allgemeinen Auftreten der Band. In einer Zeit, in der sich insbesondere in den sozialen Netzwerken nicht nur Popsternchen, It-Girls und -Boys von ihrer fotogensten Seite zeigen, brechen Idles diesen Perfektionismus auf. Sie wollen niemandem krampfhaft gefallen oder gar eine Meinung aufzwingen und geben diese Haltung auch offen und ehrlich kund. Der authentische Umgang in der Öffentlichkeit gepaart mit Musik, die klare Botschaften in sich trägt, fällt bei Fans auf einen fruchtbaren Boden. Mit diesem Rezept haben die fünf Briten aber auch das Potenzial, weitere elf Jahre die Post-Punk-Szene (der sie sich auch nach einem Jahrzehnt immer noch nicht angehörig fühlen) aufzumischen und ihre Meinung lauthals in die Atmosphäre zu schmettern.

Idles – Ultra Mono

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