Wenn der große Anführer stirbt: Paul Kalkbrenner veröffentlicht ein Musikvideo zu „Part Twelve“
Für Fans elektronischer Tanzmusik ist DJ und Produzent Paul Kalkbrenner schon lange eine konstante Größe. Auf dem Radar des deutschen Durchschnitts-Bürgers tauchte er aber erst 2008 auf. In diesem Jahr erschien der gefeierte Film „Berlin Calling“, der Kalkbrenner als „DJ Ikarus“ zum Protagonisten machte und fiktive Elemente mit autobiografischen Anlehnungen vermischte. Paradebeispiel für diesen Mix ist der elektronische Soundtrack, der im Film von „DJ Ikarus“ produziert wird, in der Realität natürlich von Kalkbrenner selbst stammt. In den folgenden Jahren erprobte sich Kalkbrenner ein weiteres Mal an der Kunst des Soundtracks und veröffentlichte eigene Projekte, bis 2018 schließlich das letzte Album erschien: „Parts of life“. Eine Platte, die mit ihren durchnummerierten Tracks vielleicht nicht besonders organisch anmutet, aber tatsächlich ambitioniert die Facetten oder eben „Parts“ des Lebens einfängt, von Melancholie bis Ekstase: Wuchtige, verzerrte Dancefloor-Stampfer treffen auf emotionale Träumereien und Vocal-Elemente, alles in der unverkennbaren Kalkbrenner-Handschrift, die man aus jedem DJ-Set heraushören kann. Visualisiert wurde das Projekt damals mit einigen Musikvideos, die den Künstler beim Performen seiner Musik zeigten, ob alleine oder vor riesigen Menschenmengen. Auf tiefergehende Storylines oder Konzepte verzichtete Kalkbrenner – ganz bewusst: „Musikvideos können sehr knifflig sein. Die falschen Bilder können den Spirit eines Songs ruinieren“. Weise Worte, aber jetzt scheint Kalkbrenner die passende Symbiose aus Bild und Ton gefunden zu haben: „Part Twelve“ bekommt mehr als ein Jahr nach Veröffentlichung als erster Track ein richtiges Musikvideo.
Paul Kalkbrenner – Part Twelve
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Die visuelles Umsetzung für „Part Twelve“ hat es in sich. Kein Wunder, mit der Firma Radioaktive Film waren hier Profis am Werk. Die Filmemacher aus Kiew sind auf den großen Filmfestivals und Preisverleihungen der Welt kein unbekannter Name. In diesem Jahr konnten sie außerdem mit der gefeierten Serie „Chernobyl“ ihren bisher größten Erfolg verbuchen. Für Konzept und Inszenierung des Videos ist die russisches Regisseurin Taisia Deeva verantwortlich, die mit ihren Arthouse-Produktionen ebenfalls diverse Auszeichnungen gewinnen konnte. Dass ausgerechnet „Part Twelve“ ein Video bekommt haben wir ihr zu verdanken: „Als ich ‚Part Twelve‘ zum ersten Mal hörte, fühlte ich mich buchstäblich so, als würde das Leben durch meinen Körper fließen. Funken der Ekstase. Ein stechendes Gefühl des Bedauerns. Die Geschichte begann sich dann in meinem Kopf zu entfalten“. Dieses Bedauern, die Melancholie, setzt schon mit den ersten flächigen Synthesizern ein, die hinter den klaren, schnalzenden Drums durch den Track wabern. Grund für diese Stimmung ist zumindest in Deevas Inszenierung ein Todesfall. Zu Beginn des Videos verstirbt der Anführer einer kultähnlichen, archaischen Gemeinschaft. Die ist gänzlich auf ihn angewiesen, offensichtlich patriarchisch organisiert. Die Frauen sind untergeordnet, in der nächsten Szene knien sie auf dem Boden und waschen die Männer des Stammes. Ausnahme ist die Partnerin des verstorbenen Führers, sie übernimmt dessen Autorität und leitet ein Ritual an, nach dessen Vollendung die Männer auf einen Exodus losziehen. Die weiblichen Mitglieder der Gemeinschaft bleiben zurück, fertigen Zeremonienschmuck – und begehen schließlich kollektiven Selbstmord, alles zum schicksalshaften, drückenden Beat von Paul Kalkbrenner. Wie in einem ewigen Schlaf liegen sie verteilt auf ihren Lagern und Betten, bis auf ein einziges Mädchen, das überlebt hat. Im Licht der aufgehenden Sonne zieht es los und lässt das Schreckensszenario hinter sich. Damit endet „Part Twelve“ – ein eindrückliches Video, dessen Setting und Umsetzung an hochwertige Serienproduktionen erinnert. Paul Kalkbrenner hat schließlich selbst gesagt, wie sehr er Wert auf eine passende visuelle Umsetzung legt und „Part Twelve“ wird diesen Ansprüchen sicherlich gerecht, mit Bildern, die die klangliche Mystik weitertragen.
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